Montag, 8. Dezember 2014

Aussen und innen

Das tragisch Häßliche lag auf der Oberfläche. Oberfläche sah man zuerst. Das war irgendwie logisch. Überall sah er zerstörtes Gleichgewicht und verunreinigte Schönheit. Schönheit war fast überall möglich, doch nur in den seltensten Fällen gab es sie auch. Das Ausbleiben von Schönheit wurde durch Eingriffe des Menschen verursacht.  Alles das, was menschenfern war und somit frei von seinen Eingriffen, war automatisch schön. Diese Aussage wurde unwahr wenn er ins Detail ging. Es lag immer am Blickwinkel. Und wenn er an die Haut dachte, die er noch vor kurzem berührt hatte, dann konnte er sie spüren ohne sie zu sehen. Die Außenhaut machte manchmal einen Eindruck, dem das Innenleben nicht standhielt und umgekehrt. Sie interessierte sich nur selektiv. Sie konnte sehr einseitig sein.
Technische Funktionelemente, die nicht von außen bedient werden mußten, wurden zumeist innen liegend verbaut. Sie traten nach außen hin nicht in Erscheinung. Es wurden Verkleidungselemente entworfen um sie zu verdecken und zu schützen. Er dachte sofort an Automobile, deren innere und äußere Verkleidung eine Haut aus Stahl und Verbundstoffen war. Unter verkleidenden Schutzelementen, wie der Motorhaube oder dem Kotflügel befanden sich Funktionsmechanismen. An bestimmten Stellen hatte man den Zugriff auf bedienbare Elemente. Das waren Griffe, Schalter oder Pedalen. Manche Stellen waren mit gesicherten oder ungesicherten Zugriffsöffnungen versehen. Es waren Klappen,Türen oder andere loslösbare Teile, die in der Regel von außen für einen Benutzer sichtbar waren. Manchmal mußte man aber auch ihren zunächst unsichtbaren, geheimen Ort und die damit verbundene Bewandnis kennen um sie bedienen zu können. Waren sie gesichert, brauchte man einen Schlüssel oder ein spezielles Werkzeug um sie zu öffnen. So war es auch bei Toastern, Armbanduhren und Feuerlöschern. Im Grunde war die gesamte Lebensrealität des Menschen von solchermaßen aufgebauten Geräten erfüllt. Dabei war die Elektrizität in den meisten Fällen ihr einziger Antrieb. Eher ein Sonderfall war ein Verbrennungsmotor. Beide Antriebe mußten geschützt werden, damit die Energieleitungen oder die mechanischen Übertragungselemente nicht unterbrochen oder zur Verletzungsgefahr eines eingreifenden menschlichen Organismus wurden. Das Prinzip der Verkleidung von technischen Elementen nahm das Konzept des Körpers als Organismus auf. Der Organismus schützte sich, indem er innenliegend funktionierte. Von der ihn umgebende Haut oder Hülle wurde er von der Außenwelt abgeschirmt. Sie stellte das äußerlichste Schutzorgan dar. Alle anderen Organe, Flüssigkeitstransportsysteme und Elektroimpulsleitungen lagen darin oder darunter. Diese äußere Hülle war bedingt durchlässig. Sie machte neben dem Schutz vor der Außenwelt auch den Kontakt zu dieser möglich. Haut konnte Reize weiterleiten. Dazu gehörten das Temperaturempfinden und das Spüren von Berührung mit Objekten und Stoffen. Dafür war sie mit einer umfangenreichen Menge von Sensoren ausgestattet. Bei der Bewegung des Körpers im Raum konnte sie das Zusammentreffen mit anderen Objekten anzeigen. Sie machte Berührung spürbar. Die Haut war selbst ein Organ, multifunktional. Auch der Temperatur- und Feuchtigkeitsausgleich des dahinter befindlichen Organismus wurde von ihr geregelt. Nur an wenigen Stellen hatte die Haut Öffnungen, die ein Eindringen von außen ermöglichten. In ihnen befanden sich Sinnesorgane. 
Er hatte Augen, Ohren, Nase und Mund. Wenn er sich darauf konzentrierte, dann konnte er sie differenziert spüren. Licht drang durch die Augen. Geräusche drangen durch die Ohren. Durch die Nase wurden Gerüche wahrgenommen und mit dem Mund der Geschmack von Stoffen. Es waren die Informationen welche ihm einen Eindruck von der Welt gaben. Dieser Welt, in der er sich mutmaßlich befand und die er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit physisch nicht verlassen konnte. Diese Sinnesorgane machten den Körper im Raum erfahrbar. Somit waren sie für die Selbsterkenntnis im Raum unabdingbar. Ohne Sinneseindrücke war kein außen und ohne außen war kein Selbst im Anderen. Seine Nase und sein Mund waren zur Aufnahme von lebensnotwendigen Elementen zur Ernährung der Zellen und somit des gesamten Organismus notwendig. Sauerstoff und Nahrung für alle anabolischen Prozesse des Organismus. Ohne Anabolismus war kein Antrieb denkbar. Selbst die Formung seiner Gedanken war ohne Energiezufuhr unmöglich. Zellstoffwechsel. Anabolismus führte zu Ausscheidungsprodukten, die den Körper duch Öffnungen verließen. Die äußeren Geschlechtorgane und der Anus waren Zugänge die stimuliert werden konnten. Bei vielen Formen von Sexualität war deren Penetration lustvoll. Für das Zulassen des Eindringens von Körperteilen eines anderen Individuums wurde der Begriff Verschmelzung verwendet. Er verschmolz gerne mit dem Anderen, dem Objekt das außerhalb seiner Selbst einen artverwandten Organismus darstellte. Er wollte dessen Mund beim Küssen spüren und schmecken. Seine Nase schien den Geruch des Anderen in sein tiefstes Inneres zu transportieren und ihn damit zu erfüllen. 
In den meisten Öffnungen des Organismus befanden sich Schleimhäute, die sich in einigen Aspekten von der Haut der Außenhülle unterschieden. Seine Schleimhäute schienen feucht zu sein, er konnte sie nicht sehen, er kannte ihre Farbe nicht, also war seine Einschätzung über ihrer Beschaffenheit von Mutmaßungen geprägt. Er wußte aber, dass sowohl seine Nasenschleimhaut, als auch seine Darmschleimhaut Sekrete absondern konnte, die er schon gesehen hatte. Man konnte Schleimhaut anfassen und damit über die Außenhaut Kontakt mit dem Inneren aufnehmen. Sowohl mit seinem eigenen, als auch mit dem eines Anderen. Ihre Feuchtigkeit schien eine leichtere Leitfähigkeit zu ermöglichen. 
Die Haut als Außenhülle markierte die Grenze zwischen dem Selbst und dem was außerhalb von diesem lag. Dies war wahrscheinlich das Andere. Die Haut ermöglichte es dem Selbst sich als begrenzt wahrzunehmen. Das was nicht Bestandteil seiner Selbst war, spürte er als von sich selbst getrennt. Diese Differenzierung stellte die Trennung zwischen dem Subjekt und der es umgebenden Welt dar. 
Die lebende Haut war der Verkleidung von technischen Apparaten in ihrem Funktionsumfang überlegen. Sie war aber auch verletzlicher durch Einwirkung von Gewalt. Eine Metallplatte konnte viel stärkere Hiebe und Zusammenstöße ertragen ohne Schaden zu nehmen. Aber sie war nicht flexibel, wie die Haut, welche in gewissem Umfang gestaucht und gedehnt werden konnte, ohne Schaden zu nehmen. Metallplatten konnten sich zudem nicht selbst erneuern. Die Haut von Säugetieren konnte sich regenerieren und war damit eines der wenigen Organe, welches über diese Fähigkeit verfügte. Sie war in der Lage durch Gewebeneubildung Beschädigungen auszuheilen. Der Umfang dieser Fähigkeit war je nach Spezies unterschiedlich und ihr regeneratives Potenzial erstaunte ihn stets aufs neue. Synthetische Werkstoffe wie Metalle, Silikate und Kunststoffe verbogen oder zerbrachen. Werkstoffe, die von lebenden Organismen stammten, wie zum Beispiel Leder oder Pflanzenfaser waren belastbarer, da sie gewisse Eigenschaften ihrer ursprünglichen Funktion als Bestandteil eines lebenden Organismus beibehalten hatten. Regenerieren konnten sie sich allerdings nur bedingt, da sie faktisch tot waren und von ihrem ursprünglichen sie ernährenden Körper abgetrennt worden waren. 
Hauterkrankungen, die er kannte, waren bakterielle Infektionen, Milbenkrätze, allergische Schwellungen, Rötungen und Quaddelbildung, Pilzinfektionen zwischen den Zehen oder unter den Nägeln. Außerdem die allseits üblichen Formen von Hautunreinheiten, die man landläufig Pickel nannte. Bakterielle Infektionen konnten durch Streptokokken ausgelöst werden. Dabei entstanden nässende Hautstellen, bei denen offenbar eine Schicht der Oberhaut von den Bakterien weggefressen wurde. Dagegen half antibiotische Salbe oder auch antibiotische Tabletten, die vom Arzt verschrieben wurden. Die Behandlung mit Salbe war unproblematisch, nebenwirkungsfrei und sehr effizient. Eine Weitergabe der Infektion durch Hautkontakt oder in Hautkontakt befindlicher Gegenstände war möglich. Schlecht gereinige oder nicht desinfizierte Rasierapparate konnten zum Beispiel zu einem Befall des Gesichtes führen. Beim intensivem Küssen war eine Infektion der Mundschleimhaut möglich, auch wenn der übertragende Körper selber keinerlei Beschwerden durch die Bakterien erlitt. Milbenkrätze war ein parasitärer Hautbefall mit Milben, die unter der Haut lebten und sich dort Tunnel bohrten. Die von ihnen hinterlassenen Exkremente lösten starke allergische Juckreaktionen der Haut aus. Sie lebten gerne an Stellen, die warm, feucht und dunkel waren, also gerne im Intimbereich zwischen den Beinen, um die Genitalien. Sie verbreiteten sich von dort aber auch über den ganzen Körper, wenn man keine Gegenmaßnahmen ergriff. Seit einigen Jahren waren die wirklich effektiven Gegenmittel nicht mehr frei in der Apotheken verkäuflich. Sie mußten vom Arzt verschrieben werden. Ohne Rezept konnte man Präparate mit einem Wirkstoff, der aus Chrysanthemen gewonnen wurde, erhalten. Eine einmalige Anwendung reichte nicht aus. Diese mußte mehrfach wiederholt werden. Außerdem mußte die gesamte Wäsche, die in Hautkontakt gestanden hatte, mindestens bei sechzig Grad gewaschen werden. Ein Einlagern in der Tiefkühltruhe für mehrere Tage konnte auch erfolgversprechend sein. Dies wurde für nicht waschbare Gegenstände wie beispielsweise Schuhe und Winterjacken empfohlen. Er hatte es aber noch nicht ausprobiert. Übertragen wurde die Milbenkrätze zumeist bei Intimkontakten. Eine Infektion durch Gegenstände, die kurz zuvor von einer infizierten Person über den Körper gerieben wurden, beispielsweise ein Handtuch, war theoretisch auch möglich. Allergische Reaktionen auf der Haut kannte er seit seiner Kindheit. Sie reichten von kurzzeitigen Symptomen bis hin zu langwierigen Phänomenen, wie beispielsweise Hautflechten. Zur Behandlung wurden fast ausschließlich kortikoidhaltige Salben verwendet. Die Anwendung war einfach und zumeist erfolgversprechend. Bei langwierigen Reaktionen, deren Ursache nicht bekannt war, konnte die Behandlung scheitern. Über einen längeren Zeitraum verabreichtes Kortikoid führte fast immer zu einer eigenen Allergiereaktion des Körpers, die sehr schwerwiegend sein konnte. Bei Hautrötungen, die durch Unreinheiten, wie verstopfte oder überproduktive Talgdrüsen ausgelöst wurden, waren Corticoide sehr erfolgversprechend, aber wegen des Allergierisikos zu vermeiden. Er hatte damit einige leidvolle Erfahrungen machen müssen. Dafür waren säurehaltige Peelings und antibakterielle Waschlotionen, zum Beispiel angereichert mit Salizylsäure, eher zu empfehlen. Diese gab es in jedem Drogeriemarkt. Bei besonders hartnäckigen Pickeln half auch eine mit Jodtinktur versetzte Salbe, die aber die gesamte Wäsche rot verfärbte. Teebaumöl verstärkte die körpereigene Abwehr an der betroffenen Stelle, was die daran beteiligten Hautbakterien bekämpfte und zu einem Abklingen der Symptome führte. Es konnte aber auch allergische Reaktionen auslösen. Lavendelöl half die Rötung und Schwellung wegen seiner astringierenden Wirkung zu lindern. Es hatte auch antibakterielle Eigenschaften. Pilzinfektionen ließen sich sowohl mit Cremes oder Tabletten behandeln, die antimykotische Substanzen beinhalteten. Für Fußpilz, der sich durch juckende, gerötete und sich sich schuppende Stellen bemerkbar machte, halfen beispielsweise Cremes mit dem Wirkstoff Chlotrimazol. Diese waren rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Bei Fußnagelpilzinfektionen war die mehrwöchige Verabreichung eines Wirkstoffes in Tablettenform notwendig. Diesen gab es nach Test der Leberwerte auf Rezept beim Arzt. Die Verwendung von speziellen Nagellacken zu diesem Zweck, verringerte zwar die befallenen Stellen und deren Ausmaß, gänzlich beseitigen ließ sich die Infektion dadurch aber nicht. 
Kondome konnten all diese Erkrankungen nicht verhindern. Sie hatten damit im Grunde nichts zu tun. Trotzdem dachte er immer an Kondome, wenn er sich Hautkrankheiten vorstellte. Es war die diffuse Angst sich beim Liebesakt mit einer infektiöse Krankheit zu infizieren. Schlimm waren Hauterkrankungen immer. Egal, wie schwer ihr Bedrohungspotenzial für den Körper war. Sie waren außen und damit sichtbar. Sie entstellten und isolierten. Geschlechtskrankheiten entstellten und isolierten auch. Aber innerlich. Ihre Übertragung beim Liebesakt hatte Gewicht. Sie waren darauf spezialisiert in das Innere des Organismus einzudringen. Die Infektion durch einen Erreger hatte Analogien zur Verbreitung von Ideen. Eine Idee konnte sich in den Gehirnen anderer ausbreiten und ihr sehr wahrscheinlich existentes Meinungszentrum beeinflussen. Ideen drangen durch die Öffnungen der Sinnesorgane in den Körper. Sie stellten neuronale Stimulationen dar, die sich in den Gedanken des Infizierten manifestierten. Ideen waren Inhalte, die gedacht wurden. Sie stellten also einen denkbaren Inhalt dar. Mit großer Wahrscheinlichkeit gab es keine undenkbaren Ideen. Die denkbare Idee brachte ihm die Welterkenntnis und das Bewußtsein über sich selbst ein. Er dachte, also war er existent. Er war wahrscheinlich auch existent, wenn er nicht dachte. Er nahm das für seinen Tod oder den totalen Verlust seines Bewußtseins an. Aber das konnte er nicht wirklich durch Denken beweisen, da sein Denken nur über das Leben und das Sein möglich schien. Ein sinnvolles Denken über das Nichtsein und den Tod war reine Hypothese. Allerdings stellte auch die Hypothese bzw. ihre nächste Verwandte, die Phantasie eine Form des selbstdefinitorischen Denkens dar. Wenn er phantasierte, dachte er sich selbst. Die Ausdrucksform der Ideen war einerseits die Sprache, die als Instanz des kulturell geprägten Individuums, nahezu alles, was die real erfahrbare Welt darstellte, auch in Worte faßbar machte. Es gab einen sehr wahrscheinlichen Zusammenhang zwischen der Benennung und dem Denken. Wenn ein Individum etwas sah, hörte oder spürte, so war der Sinneseindruck in Worten beschreibar. Eine sprachlich formulierte Idee, die rezipiert wurde, war natürlich ohnehin ein in Worten ausgedrückter Gedanke. Mögliche Sprachen waren allerdings nicht nur Worte. Es konnte auch eine Sprache der Musik, der Berührungen oder der Farben sein, für die es keine umfassende Sprachbeschreibungen gab. Eine Sprache der Berührungen war möglicher Bestandteil einer Sprache der Liebe. Ihre Ideen waren die Liebe zu einem anderen. Hatten sich beide damit infiziert, so war es die Liebe zwischen zwei Individuen. Ihre Liebe konnte sich in unterschiedlichen Formen äußern. Eine sexuelle Idee der Liebe trachtete nach der innigsten Verbindung zwischen zwei Körpern. Eine Verschmelzung zweier Organismen im Rahmen ihrer körperlichen Möglichkeiten. Die gewünschte Durchdringung wurde durch Stimulation erziehlt. Stimulation konnte nicht nur körperlich durch Berührung an bestimmten Stellen erfolgen, sondern wurde zumeist auch durch den Austausch von Sinneseindrücken komplexerer Natur bewirkt. Die Aussage „Ich liebe dich“ stellte eine Idee dar, die vom Angesprochenen aufgenommen und erwidert werden konnte. Die Idee der Liebe stellte eine besondere Form der Infektion dar, denn sie löste mannigfaltige Veränderungen in der Selbstwahrnehmung aus. Das Selbst fand den Anderen. 
Die Herstellung einer dualen Systematik schien im Organismus als kaum überwindbares Bestreben angelegt zu sein. Die Idee der Liebe hatte selbstdefinitorische Aspekte, die tragfähige Bestandteile der menschliche Existenz erst sinnreich erscheinen ließen. Die Idee der Liebe war einer der erstaunlichsten Manifestationen im zentralen Nervensystem. Ihre Auswirkung erstreckte sich auf nahezu alle Bereiche des lebenden Organismus. Ihre Macht war vegetativ und mental grenzenlos. Sie erweiterte die Begrenzungen des Selbst im Körper. Sie machte die Ausdehnung des Ichs außerhalb des Körpers möglich. Die äußere Begrenzung der Selbstdefinition konnte durch die Idee der Liebe unendlich ausgedehnt werden. Er war sich sicher, dass diese Erfahrung zum Wichtigsten zählte, was er bis zu seinem Tod erlebt haben würde. Immer wieder, wenn er Bestandteil einer Liebesinfektion wurde. Es war die Kraft der wahrhaftigsten Imagination, in der das Selbst mit dem Anderen zu einer konstruktiven Einheit verschmolz, die sich gleichzeitig unendlich ausdehnen und unendlich komprimieren konnte. Beide Bewegungen waren verhälnismäßig identisch zu einander. Ihre Gleichzeitigkeit war kein Paradoxon. Diese Unendlichkeitserfahrung war unmittelbar und ungelenkt, sie unterschied sich von Phantasien und hypothetischen Konstrukten. Sie hatte eine Zwangsläufigkeit, die gesetzmäßig irrational war. 
Der Körper als Behältnis des Organismus war der unverzichtbare Ausgangspunkt für diese Selbsterweiterung, für die es keine Beweise als die persönliche Erfahrung gab. Es war eine axiomatische Empfindung. Er wußte, dass er Unendlichkeit empfinden konnte. Das Gefühl dauerte trotzdem spürbar nicht unendlich lange. Dies bewies nicht, dass es nicht auch in seiner Dauer unendlich sein konnte. Im Regelfall war es zeitliche begrenzt. Eine erfahrbare Begrenztheit, deren Auswirkungen eintraten, wenn es bereits vorbei war. Diese Empfindung unterschied sich insofern nicht vom Altersverfall des Zellgefüges Organismus. Alterungswahrnehmung war nur im Wegfall des vorherigen Zustandes fühlbar. 
Wenn der Kummer über eine verlorene Liebe einsetzte, war sie bereits beendet. Das eigentliche Ende hatte unmerklich eingesetzt. So war es auch mit schmerzenden Knien oder ruinierten Zähnen. Den eigentlichen Verfall hatte man nicht wahrgenommen. Nur das Ergebnis des Verfalls machte sich schmerzhaft bemerkbar. Er wußte nicht, ob Liebe sich im allgemeinen regenerieren konnte. Die Haut konnte es. Auch bestimmte körperliche Verfallsprozesse ließen sich überwinden und ausgleichen. 

Er ging zu seinem Sicherungskasten und öffnete die hermetisch in die weiß verputzte Wand eingelassene graue Kunststofftür, indem er einen Finger in den nach hinten wegdrückbaren Ausschnitt eines propellerähnlichen Griffsystemes steckte. Der zweite Rotorenflügel stülpte sich nach vorne, so dass er ihn mit dem Daumen und Zeigefinger drehen konnte. Der Zeigefinger ging dabei fließend aus der entstandenen Öffnung zum Anfassen über. Die Verriegelung wurde ab einer fünfundvierzig Grad Drehung gelöst. Hinter der Tür lagen in Reihen die Sicherungsschalter. Die oberen drei Reihen bestanden aus umlegbaren Schaltern, die entweder nach oben oder nach unten zeigten. Oben war eine eingeschaltete Sicherung. Unten war eine ausgeschaltete. Der umlegbare Hebel saß seitlich eingeklemmt jeweils im oberen Drittel auf einem hellgrauen erhabenen Kunststoffrechteck. Drei Viertel der Schalthebel waren schwarz glänzend. Die anderen waren weiß und befanden sich an der rechten Seite in einer Doppelreihe. Diese Hebel waren etwas größer als die anderen. Unter den drei Reihen schwarzer Hebel lag eine komplette Reihe mit einschraubbaren Einwegsicherungen, die aus Keramik bestanden und an den Kronkorkenverschluß einer Flasche erinnerten. Im Zentrum der hellgrauen Keramikform gab es ein kleines rundes Glasfensterchen. Unter diesem lag eine Schlaufe aus Metalldraht. Er begann die Hebel der Reihe nach umzulegen. Er hatte die Instruktionen, die sich auf der Innenseite der Schütztür auf einer Liste befanden, nicht gelesen. Auf dieser Liste konnte man sehen, welche Sicherung für welchen Stromkreis zuständig war. Dieses wissen brauchte er jetzt nicht. Nachdem er alle Hebel nach unten gelegt hatte, drehte er die keramischen Sicherungen heraus und und steckte sie sich der Reihe nach in die Hosentaschen. Das hatte etwas von einer symbolischen Handlung, auch, weil es wahrscheinlich nicht notwendig war alle diese Sicherungen zu entfernen. Nachdem er sämtliche Stromkreise der Wohnung unterbrochen hatte, schloß er die in die Wand eingelassene Tür wieder mittels des eindrückbaren Kunststoffmechanismus. Jetzt war Ruhe und er konnte sich auf das Wesentliche konzentrieren. Seine Bilder. Symbolisch die Verbindung an das Netzwerk der Kommunikation unterbrechen. Das ging nicht über einen langen Zeitraum. Am Ende taute womöglich das Gefrierfach auf. Nicht elektrische Mechanismen funktionierten unbeeindruckt. Sein Körper fühlte unverändert den Schmerz des Alleinseins. Warmes Wasser stieg nach oben und das Glas der Fensterscheiben wurde von Photonen durchdrungen ohne die er seine Bilder nicht sehen konnte. Sie waren nicht sichtbar, wenn es kein Licht gab. Er war auch nicht sichtbar ohne Licht, aber er war spürbar und hörbar. Man konnte ihn im Dunklen anfassen. Das traf auf seine Bilder nur bedingt zu. Er fühlte sein Geschlecht und dachte an das was in den letzten Nächten geschehen war. Seine Erregung funktionierte fast automatisiert ohne Strom. Für sie brauchte er nur ein Bild. Eines, welches sich aus der Erinnerung in seinem Kopf manifestierte. Es war das Bild einer Person, deren klare Versinnbildlichung ihn konkret überforderte, aber deren diffuse Imagination ihn sehr zu erregen vermochte. Er liebte.

- für Daniel -


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