Donnerstag, 25. Mai 2017

Autosalon

Frank und frei gehen sie in den Autosalon. Sie sind der kompromisslose Typ. Auf das Geschwätz anderer geben sie nicht viel. Sie stürmen an diesem Mann vorbei, der freundlich lächelnd auf sie zukommt und setzen sich in eines der mit geöffneten Türen bereitstehenden nigelnagelneuen Kraftfahrzeuge. Der Verkäufer eilt ihnen hinterher. Sie schließen die Türen und setzen die Kopfhörer ihres MP3 Players auf. Durch ihre neuentdeckten elektromagnetischen Kräfte gelingt es ihnen, während die Pastorale von Beethoven freudestrahlend zu spielen beginnt, den Wagen durch pure Konzentration auf den Zündmechanismus zu starten. Sie kennen keine Zweifel und Zögern ist für sie ein Fremdwort. Der Wagen fährt schwungvoll auf die große Scheibe des modern verglasten Verkaufsraums zu. Von Null auf Einhundert in dreikommazwei Sekunden. Kein Muskel in ihrem Gesicht verzieht sich, als sich die Kühlerhaube durch das Glas bohrt und hunderttausende kleiner Glasstückchen auf den Wagen niederregnen. Sie sehen im Rückspiegel, wie der Verkäufertyp hinter ihnen abrupt zum stehen kommt und hastig zurückweicht. Sein Lächeln ist einem entsetzen Ausdruck von Angst gewichen. Der Wagen überrollte den Glassplitterberg mit einem knirschenden Geräusch und sie verlassen das Gelände über den Kundenparkplatz, wo sie ihr Mountainbike mangels andere Möglichkeiten, ordentlich an einer Laterne festgeschlossen haben. Beethoven inspiriert sie. Sie erreichen die in der Nähe liegende Autobahn in wenigen Minuten und beschleunigen den Wagen auf über 200 Sachen. Hinter der Fußgängerbrücke, welche ihren Stadtteil mit dem auf der anderen Seite der Autobahn liegenden verbindet, verlassen die Räder ihres Wagens den Asphalt. Ihre elektromagnetische Energie verschafft ihnen den nötigen Freiraum, da kennen sie keine Skrupel. Geschwindigkeit und Effizienz, das war auch die Werbung zu diesem Model. Sie erreichen die von Ihnen angestrebte Flughöhe von dreitausendfünfhundert Metern in weniger als fünf Minuten und werden die Galaxie mittels einer Gravitationsirregularität über dem stillgelegten Areal einer schon vor Jahren zu Grunde gegangenen Zeche in wenigen Sekunden verlassen. Das dort befindliche sogenannte Wurmloch hatten sie bereits vor Jahren bemerkt, aber erst jetzt war es ihnen sinnvoll erschienen diesen Planeten zu verlassen. Ihre Frau wird, wenn sie vom Einkaufen nach Hause kommt, eine kurze Nachricht vorfinden: „Schatz, ich komme nicht wieder.“

© Hagen Rehborn 2017 
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Donnerstag, 18. Mai 2017

Ananashasenhund 


© Hagen Rehborn 2017

Dienstag, 16. Mai 2017







"jeffrey"
Acryl auf Papier
2017

@hagen rehborn

letzter winter (gefangenschaft)

der letzte winter

deine augen wie zwei schwarze flecken auf dieser terrasse im september
als die falter flogen wenn ich hinter dir auf der strecke zur haftanstalt meinen blick nicht von deinem geilen arsch abwenden konnte
der vollmond nun bei null grad bringt metallic weisse reflexe auf das allgegenwärtige schwarz
die obsession meiner empfindungen, das singen der regeln, das pfeifen der notwendigkeiten
die spatzen sitzen hinter meiner stirn, auf der ein winterefeu dauerhafte eiseskälte in elfenbeinschwarzem schatten verbreitet
küss mich, küss mich, damit dieser winter wie im fluge vergehe und unsere beiden tanzenden kraniche wieder umherspringen


endlich nachtigallen! endlich spatzen! endlich kraniche! endlich frei!

über den köpfen, an den ufern, in den efeumauern

© hagen rehborn 2017