Mittwoch, 8. April 2009

la chasse


















la chasse


das aussehen der dinge, wenn wir sie nicht gefunden haben,
bleibt wahrscheinlich nahezu unverändert

wir sind anders
wir haben geschwitzt
wir haben gekeucht
seitenstechen, feuchte hände
bewegung im unterholz,
raschelnde tauben explodieren im schrotregen
grau-blau-weisse federn sinken zu boden

rennen durch feuchte wiesen, das wasser unter dem stoff der beinkleider
rinnt in die schuhe
knierschendes geröll unter den sohlen, am hang abgerutscht,
fussgelenk nach innen gedreht
lehm klebt am knie

das natürliche verkünstlichen und das künstliche natürlich machen

vorbei an baumstämmen, an den schnittkanten rote zeichen
spaziergänger(innen) am saum der fichtenschonung
violettfarbenes gesicht im sonnenlicht starrt unsere flinte
und dann unseren gesichtsschweiss an
wir haben uns noch nie gesehen

vorrübergehend,
gewehr im anschlag, volle ladung auf ein rotbraunes rind
neben dem ausgeblichenen baumstumpf
sie geht rasch vorbei und schaut nieder auf den sandigen weg

später werden wir sie in unserem anthrazitfarbenen jeep
auf der getrockneten landstrasse überholen
rote hände

das rind liegt nicht auf der rückbank
zu schwer

das aussehen der dinge wird, wenn wir sie gefunden haben,
sehr wahrscheinlich anders sein

© Hagen Rehborn 2009

Samstag, 11. Oktober 2008

Die Dinge






















Die Dinge erklären sich nicht von selbst
und selbst wenn sie es täten
ich vermisse Dich sehr

Die Dingen erklären sich für mich nicht von selbst
und selbst wenn sie es täten
ich vermisse Dich auch nach so langer Zeit noch stets sehr

Welches Gefühl stellt sich ein
ein Gefühl von Sinnlosigkeit und Trauer
gut, dass es Worte gibt, es liesse sich sonst nicht beschreiben, wie sehr Du mir fehlst, 
gut, dass diese Worte so wehrlos sind und Dich nie erreichen werden
gut, dass auch Du die Dinge nie erklären wirst
denn ich werde Dich nicht fragen
und Du wirst es nicht wagen mir zu antworten
und sie erklären sich nicht von selbst
weshalb vermisse ich Dich so

es ist die Wortlosigkeit, die Deinem Bild in meinem Herzen die Farbe zu nehmen beginnt
und das erklärt sich ganz von selbst

© Hagen Rehborn 2004/2008

Montag, 22. September 2008

Desaströse Umstände


















Vergeben Chancen, vertane Möglichkeiten, passives Verharren,
undeutliche Äusserungen, falsche Diplomatie, undiplomatisches Auftreten,
ungehörige Äusserungen, verfängliche Gespräche, ehrliche Überforderung,
Ausbeutung, Vertrauensmissbrauch, allgemein verschlechterte Umstände,
unliebsame Beweise, unangepasstes Auftreten, Verzerrung der wahrhaftigen Vorgänge,
schwach ausgeprägtes Pflichtgefühl, unsaubere Arbeitsweise,
versteckte Kontrolle, Denunziation, Machtgefälle,
vertane Chancen, vertane Möglichkeiten,
unnütze Fehlerquellen, Schwachstellen auf beiden Seiten,
niederschmetternder Vertrauensentzug, ungläubiges Staunen

Schatzi, du bist mein Traum,

verunreinigen sie bitte nicht unser Unternehmen, es unternimmt gerade etwas gegen sie!

© Hagen Rehborn 2005/2008

all rights reserved

Sonntag, 14. September 2008

Der Flüchtende


















Fahrtzeit eineinhalb Stunden.
Boulevard der Träume,
Boulevard im Schnee.
Du, der Kamm der Welle, sie kippt, das Glück schüttet sich in einen Eimer aus rotem Plastik.
Widerstandsfreie Parade junger Menschen zu abgenuckelten Orten des Verkehrsstillstandes.
Wer immer Du auch sein magst Gott, pack deine Sachen und hau ab!

Fluchtplan: Paris 21.10 Uhr, Air France 21.45 Uhr, letzter Flug, müdes Personal, umsteigen in Los Angeles, die andere Richtung ist immer die richtige.
Keramikmesser werden beim Check-In tatsächlich nicht gefunden.
Ein gefundenes Fressen für meine Söhne, fliegen wie ein Adler auf dieser Welle, diese eine Welle ...

Nichts wird mich halten, ich werde in den Tatooladen gehen, meine Zeichnung herausholen und dem Mann beim Studieren den Kopf abschlagen, 
das Papier, voller kleiner roter Spritzer, eine Spitzenzeichnung, Rekordpreis für Konzept - Art 2005, 
Wal-Mart und die Tüten.

Marseille Hauptbahnhof an 22.55 Uhr, 
Du auf dem Bahnsteig, eine alte Zeitung unter dem Arm, ich liebe das.
Die Zeitung durchtränkt mit Balsamterpentin, Buchstaben auf transparenter gräulicher Fläche, das ist, was du anfassen sollst, mit deinen wunder-, wunderbaren Fingern.
Weiße Nägel auf brauner Haut, die Klappen eines Saxophones.

Letzter Aufruf, Sydney 03.15 Uhr Europäischer Zeit, 
Bambus Haine weltweit, von dort nur noch ca. 2000 km.

Mein jüngster Sohn hätte gesagt: Ja, Pappa, ich will das Auto fahren, im Herbst, so schnell, endlose Wege an grauen Grachten vorbei, die Unmöglichkeit zu vergessen, was nie stattgefunden hat.
Halte meine Hand, ich werde alt und muß stets lauter schreien, eine Insel im Strudel, das Grab der Gefühle für eine gescheiterte Liebe zu mir selbst.
Was für ein Gejammere, du Schwächling, so wirst Du nie mein Sohn sein.

Boulevard der Träume,
Boulevard im Schnee.
Ein Einbaum im späten Abendlicht.
Dunkle Kreise auf Deiner Haut, was für eine fixe Idee, die Welle bricht, der Kamm schlägt auf die gekräuselten Spiele unterhalb Deiner Knie.
Vorbei, vorbei, vorbei gehst du am Ende.

© Hagen Rehborn 2005/2008

- all rights reserved

Dran bleiben!


















Dranbleiben

Was auch immer Sie finden, wo auch immer Sie suchen,
bleiben Sie dran!
Verirren sie sich nicht im Gestrüpp ihres Vorgartens,
schauen sie auch nach rechts und links
und schlagen sie dann rasch ihrem Nachbarn den Spaten vor den Kopf.

Wo auch immer er das Osternest dieses Jahr versteckt haben mag, er kann nun mit niemandem mehr darüber sprechen.
Sie werden es als erster finden und das tun, was Sie schon seit Jahren machen wollten:
das Nest zum Wohnzimmerfenster des Nachbarhauses tragen und dort mit Schwung feste auf die Scheibe drücken.

Was auch immer dann passieren wird, schauen Sie nicht nach links oder rechts,
schauen Sie den Kindern des Nachbarn, welche sich durch das Nest und ihre Erscheinung im Fenster vom laut brüllenden Fernseher abgewendet haben, direkt in die Augen, und dann schreien Sie aus voller Kehle:

Dran bleiben Kinder!


© Hagen Rehborn 2005/2008

- all rights reserved

Dienstag, 2. September 2008

Vorfall im Discounter






















Vorfall im Supermarkt

Ein Besuch im Discounter macht glücklich.
Der Parkplatz ist gross und weit, egal wann man kommt, es gibt es eine ausreichende Menge von Stellplätzen. Alles ist rein und sauber. Zeitraubende Ablenkung ist nicht vorgesehen. Die Einkaufwagen sind immer da, vor ihnen ein kurzer Blick auf die kommenden Angebote, dann mit der randvollen Ikeatasche zum Pfandabgaberaum, in dem es stets ein wenig nach vergorenem Traubenmost riecht.
Das Einlegen der Pfandflaschen ist dann doch ein wenig aufregend:
Wird die Maschine meine Flasche ausnahmslos schlucken oder wird es abweichende, lesegestörte Ausfälle geben, für die ich zwar einmal Pfand bezahlt habe, aber für die ich nun zunächst keinen Rückbong erhalten werde? Wird die Maschine die Flaschen wie einen elastischen Punching Ball mir entgegenwürgen und dabei laut schreiend alle die hinter mir stehen darauf aufmerksam machen, dass ich vorsätzlichen Pfandbetrug begehn will?
Aber ich kann doch nichts dafür! Diese Flaschen sind im gleichen Discounter gekauft worden, nein ich habe sie sogar selber in diesem Discounter gekauft. Ich weiss es, ich kann es beschwören, ich kann es der Welt beim Leben meiner ungeborenen Kinder auf Knien entgegenschreien: Ich betrüge meinen Lieblingsdiscounter nicht! Ich betrüge doch niemanden ...
Ich schaue auf und da halte ich das unglaubliche in der Hand, ich ziehe sie aus der blauen Ikeatasche und schon bevor ich versuche sie in den Ladeschacht zu stecken, sehe ich es mit unvorstellbarer Fassungslosigkeit: die Flasche hat keine Banderole. Einfach nichts, blanker halbopaker Kunststoff, da wo eine Pfandflaschenmarkierung sein sollte, nur die Flasche. Der unversehrte Flaschenhals belegt das andere Unvorstellbare: da war nie eine Banderole, dort ist nie eine Banderole angebracht worden, was bedeutet, dass ich völlig unverschuldet in diese missliche Peinlichkeit geraten bin. Diese Flasche kann nie geschreddert werden, weil niemals ein Pfandlogo auf sie geklebt worden ist und ich Schaf habe trotzdem Pfand entrichten müssen. Nichtsdestotrotz stecke ich die Flasche mit erhabener Gleichgültigkeit in die Maschine, was kann ich schliesslich dafür? Sie kommt natürlich mit Alarmpiepsen zurück aus dem Schacht auf mich zu, dabei blinkt die Beleuchtung wie bei einem Polizei Noteinsatz. Tatutata, diese Flasche will hier nicht rein, sie muss ganz illegal sein
Ein Herstellungsfehler könnte mir das Konsumentengenick brechen.
Ich entnehme benommen den Pfandbon und entwinde mich den fassungslosen Blicken der hinter mir Gaffenden.

Im Laden fülle ich ohne weitere Vorkommnisse meinen Einkaufswagen, in dem noch die leere Flasche still vor sich hin leuchtet.
An der Kasse gibt es ein kurzes Anstehen, Auflegen der Artikel aus dem Wagen auf das Band und Zuschauen, wie die Frau vor mir sich zum bezahlen anschickt. Leichtes Herzklopfen, feuchte Stirn, ich bereite mich auf meinen Satz vor: "Diese Flasche nimmt der Automat nicht an, ich habe die Banderole nicht abgemacht, die Flasche muss sich schon so im Sechserpack beim Kauf befunden haben."
Plötzliches Stocken bei der Kundin vor mir. Sie hat noch eine Tüte voller Pfandflaschen in ihrem Einkaufswagen, den sie nun mit der Bemerkung, der Automat sei nach diesem jungen Herrn, sie weist mit dem Finger auf mich, ausgefallen und sie wolle sie nun hier an der Kasse abgeben. Die Kassierin reagiert spontan ablehnend und formuliert: Wenn der Automat ausgefallen sei, so könne sie ja nichts dafür und von ihrem Chef habe sie die eindeutige Anweisung erhalten keine Pfandflaschen entgegenzunehmen.
Die Kundin ist freundlich, aber bestimmt und kontert, dass sie ja nun nicht für das Ausfallen der Maschine verantwortlich sei und sie nun schlecht das Pfandgut wieder mit nach Hause nehmen könne. Die Kassiererin hält das aber für einen ausgezeichnete Idee und bestärkt die Kundin durch die Formulierung des Satzes: "Sie können die Flaschen ja bei ihrem nächsten Besuch wieder mitbringen, dann ist die Pfandmaschine sicherlich wieder funktionsfähig, es kommt eh ganz selten zu Komplettausfällen". Die Kundin sieht dies etwas anders und verweist auf die derzeit zwei ausgefallene Maschinen, da ja bereits bei meinem Eintreffen Automat zwei ausser Betrieb war und durch ein dementsprechendes Schild gekennzeichnet war.
Die Kassiererin gestikuliert, mein Kleinhirn oder ist es das Grosshirn, schaltet die akute Schallabtastung zugunsten einer introversen Selbstanhörung aus.
Wenn die da jetzt schon so unfreundlich ist, was mache ich nur mit meiner Flasche?
Vor der Kasse niederknien, Sitzstreik, Verweigerung des Bezahlens bis zur Abwehraufgabe?
Ich schrecke auf, die Kassiererin ist mit dem Zählen der leeren Flaschen beschäftigt. Überraschenderweise scheint sie diese nun doch anzunehmen, die lächelt sogar und die Kundin strahl über beide Ohren. Ich bin verwirrt, da ich einfach nicht bemerkt habe, wie die Kundin diesen Sinneswandel herbeigeführt haben könnte.
Ich bin an der Reihe. Ich stelle mich rechts von der Kasse auf und nehme die Waren nach dem Scannen in meinen Einkaufswagen. Nach wenigen Teilen halte ich die leere Flasche hoch und sage der Kassierin, dass der Automat vor seinem Ausfall diese Flasche nicht angenommen habe. Sie entgegnet darauf, dass der Automat grundsätzlich keine Flaschen ohne Banderole annehme. Ich sagte daraufhin, dass ich dies gemerkt habe und sie dies nun gegen Erstattung des Pfandes machen solle. Sie entgegnet bestimmt, nachdem sie nun meinen gesamten Einkauf gescanned hat, sie könne die Flasche nicht annehmen, weil sie von ihrem Chef die Anweisung habe, dies nicht zu tun. Ich bleibe standhaft, sie wiederholt gebetsmühlenhaft, ihr Chef würde hier entscheiden und sie könne das nicht alleine Verantworten. Ich beginne zu schwitzen, ein leichter Schwindel bemächtigt sich meines Gesichtsfeldes. Eine Pause entsteht, ich überlege nicht, sondern handle intuitiv:
"Nah ja, keine persönliche Verantwortung übernehmen, das hatten wir ins Deutschland ja schon mal, das Ergebnis war, wie doch wissen sollten, verheerend …"
Autsch! Mein schnell ansteigender Stresspegel hatte mich vergessen lassen, dass ich nicht alleine an der Kasse bin und nun bemerke ich von den anderen an der Kasse anstehenden Kunden lautartige Reaktionen, die mich aufschrecken lassen.

"Jetzt mach aber mal hinne, Mann", ruft der Dicke hinter mir, der auch eine mächtige Tüte voller Pfandflaschen im Wagen liegen hat.
"Solche Belehrungen brauchen wir hier nicht", schallt es von der Nachbarkasse, die Frau hat offenbar noch lebhafte Erinnerungen an eine für sie glorreichere deutsche Vergangenheit. Ich gehe zu Nachbarkasse rüber und sage sehr laut zu ihr: "Mit Ihnen rede ich nicht, wieso fühlen sie sich jetzt denn bitte angesprochen?"
Die Leute in meiner Kassenschlange äussern sich nun bedeutend lauter und fordern mich unverholen zum bezahlen auf.
Ich verspüre Todesangst. Die Kassiererin schüttelt unentwegt den Kopf und murmelt etwas von ihrem Chef und nimmt, während sie mich verspannt anstarrt die Flasche und tippt die Pfandrückgabe ein. Minus fünfundzwanzig Cent.
Bingo! Mein Stresspegel sinkt heftig und ich höre beim Verlassen des Geschäftes, wie der Dicke anfängt mit der Kassiererin zu debattieren. "Mein Chef möchte das aber nicht ..."

Marktwirtschaft macht frei. Ich habe es bisher geschafft weder ein weiteres Mal in dieser Gegend einzukaufen, noch diesen Discounter überhaupt zu frequentieren, aber in diesem Land gibt es nur eine ernstzunehmende Alternative, alles andere könnte ich mir nicht wirklich leisten, nur eine Frage der Zeit, wann es da zu echten Entscheidungsengpässen kommen wird.

© Hagen Rehborn 2008

Mittwoch, 18. Juni 2008

Nan Hoover, wie Schwarz und Weiss, Licht und Schatten. Die Unendlichkeit der Dinge.


Nan Hoover, wie Schwarz und Weiss, Licht und Schatten. Die Unendlichkeit der Dinge.



Zugfahrt Köln-Berlin 16.06.2008

Tod von Nan Hoover vor einer Woche.
Trauerfeierlichkeit um 17.30 Uhr in Berlin Westend.

Die Nachricht von Nan's Tod erreichte mich letzten Donnerstag per e-mail.

Ich habe bei Nan Hoover mein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf begonnen, als Wechsel von der staatlichen Hochschule der Künste in Utrecht, Niederlande.
Von Nan habe ich erfahren, als ich cira ein Jahr zuvor, 1992, den Bruder einer Feundin kennenlernte, der bei Nan mit seiner Partnerin zusammen Video und Fotografie studierte.

Ich habe nach Vereinbarung an einem Vormittag meine Sachen vor ihrem Büro im ruhigen Rheinflügel der Akademie Düsseldorf aufgebaut und sie schien wohlwollend zu sein, mit der Frage "Do you like parties?" gab sie mir die Zusage in ihre Klasse zu wechseln.
Ich erinnere mich noch an mein Erstaunen, dass sie scheinbar weniger nach der künstlerischen Arbeit beurteilte, als nach ihrem Eindruck vom menschlichen Charakterpotenzial und dass mein heiss ersehnter Wechsel an die angeblich berühmteste Kunstakademie der Welt so schnell und unspektakulär erfolgte.
Schon kurze Zeit später habe ich für sie privat gearbeitet, als künstlerischer Assistent, dann auch bei ihren Lehraufträgen an der Sommerakademie in Salzburg als Videoassistent, ich war Tutor der Klasse und habe viele wunderbare Stunden mit Nan gehabt, Geburtstage, Austellungen, Parties, Vernissagen, Zugfahrten, immer wieder schwer bepackt Aufbauten ihrer Installationen, Bohren, Schrauben, Anmalen, Sägen, Kampf mit Wänden. Spektakuläres Leben, immer wieder Neues und Fremdes.
Ich habe Holzplanken und Farbeimer geschleppt, 7,5 Tonner gefahren, Badezimmer geputzt und mich mit etwas anstrengenden Menschen auseinandergesetzt.
Es hat alles viel Spass gemacht. Es war reich und voller Esprit.
So war Nan's Leben, dazwischen gab es aber auch Stille und Ruhe, Schonzeiten vor neuen Projekten.

Nan's Leben war stark konzentriert auf die Kunst und deren Platzierung im gesellschaftlichen Kontext, ihre Arbeiten waren der Antrieb für ihr Dasein, dem ordnete sie viele sogenannte private Lebensaspekte unter, bis hin zu ihrer Gesundheit. Sie baute Austellungen auch unter starken Schmerzen auf.

Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie eine gute Geschäftsfrau war, sie hatte ein ausgeprägtes Ehrgefühl und wollte nicht alles dem Mammon Geld unterordnen. Als freizügiger und philantrophischer Mensch wurde sie häufig ausgenutzt und sie wusste das sehr genau.

Gemeinsames Arbeitsleben kann man es nennen, auch wenn ich nicht in Düsseldorf wohnte, war ich doch häufig auch ausserhalb des Akademiekontextes dort und habe an vielen professionellen Aspekten ihres Lebens teilgenommen. Sie kaufte mir einen Anrufbeantworter und meine damaligen Mitbewohner erinnern sich noch heute an lange Nachrichten über Projekte und Aufträge.
Mein Studium plätscherte dahin, Nan förderte mich im Rahmen Ihrer Möglichkeiten, ich nahm an Austellungen teil und bemerkte, dass mich vieles im Akademie- und Kunstbetrieb enervierte, aber nach den Erfahrungen in universitären Strukturen war es trotzdem ein neues Lebensgefühl.
Ich empfand mich noch als sehr jung und unreif, dieser Eindruck ist der Erkenntnis gewichen, dass ich nun, mehr als dreizehn Jahre später, nicht viel weiser geworden bin, nur etwas ernsthafter.

Nan war auch ein wenig eine intellektuelle und emotionale Mutter für mich, sie füllte damit eine vakante Stelle in meinen Beziehungsmustern. Auch deshalb hatte sie einen ernormen Einfluss auf mein Lebensgefühl. Das, was ich als das Sein im Dasein bezeichnen würde.
Sie sprach nicht viel über die Vergangenheit, aber man wusste schnell, dass sie ihre Rolle als attraktive sexuell aktive Frau vermisste und das Alter nur bedingt willkommen hiess.

Der Tabubruch hatte ihr privates Leben zeitweilig bestimmt, in einer Zeit, als man darüber sprach und es als Lebensgefühl propagierte, setzte sie ihre Ansprüche an ein selbstbestimmtes Leben als Frau und Künstlerin konkret um. Dies war nicht möglich ohne den Bruch oder die Beschädigung wichtiger emotionaler Beziehung. Sie bedauerte dies zeitlebens.

1994 machte sie mich zu ihrem Meisterschüler. Diese Auszeichnung dürfte im Allgemeinen eher ein formaler Akt sein, ich denke heute, dass es bei mir die Feststellung einer Lebensrealität war.
Was uns verband waren auch Wesensverwandtschaften.
Unachgiebigkeit, Starrsinn, Kampfesbereitschaft, Verträumtheit, Stolz, Selbstbewusstsein und Verwundbarkeit teilten wir, jedenfalls manchmal.

Wir wahrten dabei eine Distanz und Abgrenzung, die unserem grossen Altersunterschied und unseren völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen gerecht wurde. Auch deshalb konnten wir Schwächen aneinander schätzen.

1995 wurde unsere Zusammenarbeit nochmals enger, ich wurde ihr Assistent bei einer Theaterproduktion in Bremen.

In deren Verlauf kam es für mich völlig überraschen zum Zerwürfnis, sie fühlte sich schon zu Beginn von mir nicht richtig behandelt, sie fand ich sei unzuverlässig.
Ich nahm eher wahr, dass ihr die Kosten für meine Arbeit durch Zugfahrten und Hotelaufenthalte über den Kopf wuchsen. 
Als ich während der Produktion erkrankte und fiebernd im Bett lag, hat sie mich telefonisch über meine Kündigung unterrichtet. 
Ich wehrte mich und fiel in Ungnade.
Sie verweigerte mir an der Akademie die Unterschrift zum nächsten Semester. Der Abschluss des Akademiebriefes schien unmöglich, ich suchte eine neue Klasse, ausweglos. Dann intervenierte Nan in der Einsicht, dass diese Angelegenheit nicht meine akademische Laufbahn tangieren dürfte. Im Laufe des kommenden Semsters verliess ich die Akademie mit dem Abschluss und der Gewissheit nun künstlerisch auf mich selbst gestellt zu sein. Trotz ihrer kategorischen Haltung, ist sie über ihren Schatten gesprungen und hat es geschafft die Dinge zu differenzieren.

Wir haben uns danach noch wenige Male gesprochen, beide voll gekränktem Stolz und dem Unvermögen unsere Grenzen zu überschreiten, aber dennnoch voller warmer Sympathie füreinander, was kein Wiederspruch sein muss.
Es gibt nichts zu bereuen, wohl zu bedauern, dass das Leben merkwürdige und unergründliche Wege geht.

Ich habe Nan als Menschen geliebt und immer in meinem Herzen bewahrt. Ich weiss, dass es bei ihr auch so war.
Sie hat mein Leben sehr geprägt und wirkt auch heute noch in meinem Denken und Fühlen mit. Ihre Kunst und das was ich ihren unbrechbaren Willen zur Selbstverwirklichung nennen möchte, halte ich in meiner Erinnerung wach.

Ich bin mir sicher, dass man sie als Künstlerin und exzeptionellen Menschen in Erinnerung behalten wird.
Sollte es Erlösung geben, so wünschen wir sie allen, die wir lieben und liebten.
Ich bin mir sicher, dass Nan Erlösung erlagen wird.

Würde ich sie irgendwann einmal wiedertreffen, so würde sie mich als erstes fragen: 
"Are you working Hagen?" Und ich würde sagen: "Yes Nan, I am working."

Nan ist der erste Todesfall seit Jahrzehnten in meinem Freundeskreis und ich stelle fest, dass ich ernsthaft beginne über den Tod nachzudenken, auch wenn ich zuvor manchmal darüber gesprochen habe ...
Ich bedaure, dass es keinen Grabstein geben wird, an dem ihre Schüler, Bewunderer und Freunde in stillem Gedenken Blumen hinterlegen könnten.

Nan wird sich dabei etwas gedacht haben, das ist sicher, denn auch wenn sie sehr spontan wirken konnte, verlor sie nie den grossen Plan aus den Augen. Ihren grossen Plan. Das Leben, die Kunst, die Liebe, der Tod und die Unendlichkeit.

Alles gehört zusammen, wie Schwarz und Weiss, Licht und Schatten.

Wer wusste mehr darüber als die Küstlerin Nan Hoover.