Montag, 8. Dezember 2014

Aussen und innen

Das tragisch Häßliche lag auf der Oberfläche. Oberfläche sah man zuerst. Das war irgendwie logisch. Überall sah er zerstörtes Gleichgewicht und verunreinigte Schönheit. Schönheit war fast überall möglich, doch nur in den seltensten Fällen gab es sie auch. Das Ausbleiben von Schönheit wurde durch Eingriffe des Menschen verursacht.  Alles das, was menschenfern war und somit frei von seinen Eingriffen, war automatisch schön. Diese Aussage wurde unwahr wenn er ins Detail ging. Es lag immer am Blickwinkel. Und wenn er an die Haut dachte, die er noch vor kurzem berührt hatte, dann konnte er sie spüren ohne sie zu sehen. Die Außenhaut machte manchmal einen Eindruck, dem das Innenleben nicht standhielt und umgekehrt. Sie interessierte sich nur selektiv. Sie konnte sehr einseitig sein.
Technische Funktionelemente, die nicht von außen bedient werden mußten, wurden zumeist innen liegend verbaut. Sie traten nach außen hin nicht in Erscheinung. Es wurden Verkleidungselemente entworfen um sie zu verdecken und zu schützen. Er dachte sofort an Automobile, deren innere und äußere Verkleidung eine Haut aus Stahl und Verbundstoffen war. Unter verkleidenden Schutzelementen, wie der Motorhaube oder dem Kotflügel befanden sich Funktionsmechanismen. An bestimmten Stellen hatte man den Zugriff auf bedienbare Elemente. Das waren Griffe, Schalter oder Pedalen. Manche Stellen waren mit gesicherten oder ungesicherten Zugriffsöffnungen versehen. Es waren Klappen,Türen oder andere loslösbare Teile, die in der Regel von außen für einen Benutzer sichtbar waren. Manchmal mußte man aber auch ihren zunächst unsichtbaren, geheimen Ort und die damit verbundene Bewandnis kennen um sie bedienen zu können. Waren sie gesichert, brauchte man einen Schlüssel oder ein spezielles Werkzeug um sie zu öffnen. So war es auch bei Toastern, Armbanduhren und Feuerlöschern. Im Grunde war die gesamte Lebensrealität des Menschen von solchermaßen aufgebauten Geräten erfüllt. Dabei war die Elektrizität in den meisten Fällen ihr einziger Antrieb. Eher ein Sonderfall war ein Verbrennungsmotor. Beide Antriebe mußten geschützt werden, damit die Energieleitungen oder die mechanischen Übertragungselemente nicht unterbrochen oder zur Verletzungsgefahr eines eingreifenden menschlichen Organismus wurden. Das Prinzip der Verkleidung von technischen Elementen nahm das Konzept des Körpers als Organismus auf. Der Organismus schützte sich, indem er innenliegend funktionierte. Von der ihn umgebende Haut oder Hülle wurde er von der Außenwelt abgeschirmt. Sie stellte das äußerlichste Schutzorgan dar. Alle anderen Organe, Flüssigkeitstransportsysteme und Elektroimpulsleitungen lagen darin oder darunter. Diese äußere Hülle war bedingt durchlässig. Sie machte neben dem Schutz vor der Außenwelt auch den Kontakt zu dieser möglich. Haut konnte Reize weiterleiten. Dazu gehörten das Temperaturempfinden und das Spüren von Berührung mit Objekten und Stoffen. Dafür war sie mit einer umfangenreichen Menge von Sensoren ausgestattet. Bei der Bewegung des Körpers im Raum konnte sie das Zusammentreffen mit anderen Objekten anzeigen. Sie machte Berührung spürbar. Die Haut war selbst ein Organ, multifunktional. Auch der Temperatur- und Feuchtigkeitsausgleich des dahinter befindlichen Organismus wurde von ihr geregelt. Nur an wenigen Stellen hatte die Haut Öffnungen, die ein Eindringen von außen ermöglichten. In ihnen befanden sich Sinnesorgane. 
Er hatte Augen, Ohren, Nase und Mund. Wenn er sich darauf konzentrierte, dann konnte er sie differenziert spüren. Licht drang durch die Augen. Geräusche drangen durch die Ohren. Durch die Nase wurden Gerüche wahrgenommen und mit dem Mund der Geschmack von Stoffen. Es waren die Informationen welche ihm einen Eindruck von der Welt gaben. Dieser Welt, in der er sich mutmaßlich befand und die er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit physisch nicht verlassen konnte. Diese Sinnesorgane machten den Körper im Raum erfahrbar. Somit waren sie für die Selbsterkenntnis im Raum unabdingbar. Ohne Sinneseindrücke war kein außen und ohne außen war kein Selbst im Anderen. Seine Nase und sein Mund waren zur Aufnahme von lebensnotwendigen Elementen zur Ernährung der Zellen und somit des gesamten Organismus notwendig. Sauerstoff und Nahrung für alle anabolischen Prozesse des Organismus. Ohne Anabolismus war kein Antrieb denkbar. Selbst die Formung seiner Gedanken war ohne Energiezufuhr unmöglich. Zellstoffwechsel. Anabolismus führte zu Ausscheidungsprodukten, die den Körper duch Öffnungen verließen. Die äußeren Geschlechtorgane und der Anus waren Zugänge die stimuliert werden konnten. Bei vielen Formen von Sexualität war deren Penetration lustvoll. Für das Zulassen des Eindringens von Körperteilen eines anderen Individuums wurde der Begriff Verschmelzung verwendet. Er verschmolz gerne mit dem Anderen, dem Objekt das außerhalb seiner Selbst einen artverwandten Organismus darstellte. Er wollte dessen Mund beim Küssen spüren und schmecken. Seine Nase schien den Geruch des Anderen in sein tiefstes Inneres zu transportieren und ihn damit zu erfüllen. 
In den meisten Öffnungen des Organismus befanden sich Schleimhäute, die sich in einigen Aspekten von der Haut der Außenhülle unterschieden. Seine Schleimhäute schienen feucht zu sein, er konnte sie nicht sehen, er kannte ihre Farbe nicht, also war seine Einschätzung über ihrer Beschaffenheit von Mutmaßungen geprägt. Er wußte aber, dass sowohl seine Nasenschleimhaut, als auch seine Darmschleimhaut Sekrete absondern konnte, die er schon gesehen hatte. Man konnte Schleimhaut anfassen und damit über die Außenhaut Kontakt mit dem Inneren aufnehmen. Sowohl mit seinem eigenen, als auch mit dem eines Anderen. Ihre Feuchtigkeit schien eine leichtere Leitfähigkeit zu ermöglichen. 
Die Haut als Außenhülle markierte die Grenze zwischen dem Selbst und dem was außerhalb von diesem lag. Dies war wahrscheinlich das Andere. Die Haut ermöglichte es dem Selbst sich als begrenzt wahrzunehmen. Das was nicht Bestandteil seiner Selbst war, spürte er als von sich selbst getrennt. Diese Differenzierung stellte die Trennung zwischen dem Subjekt und der es umgebenden Welt dar. 
Die lebende Haut war der Verkleidung von technischen Apparaten in ihrem Funktionsumfang überlegen. Sie war aber auch verletzlicher durch Einwirkung von Gewalt. Eine Metallplatte konnte viel stärkere Hiebe und Zusammenstöße ertragen ohne Schaden zu nehmen. Aber sie war nicht flexibel, wie die Haut, welche in gewissem Umfang gestaucht und gedehnt werden konnte, ohne Schaden zu nehmen. Metallplatten konnten sich zudem nicht selbst erneuern. Die Haut von Säugetieren konnte sich regenerieren und war damit eines der wenigen Organe, welches über diese Fähigkeit verfügte. Sie war in der Lage durch Gewebeneubildung Beschädigungen auszuheilen. Der Umfang dieser Fähigkeit war je nach Spezies unterschiedlich und ihr regeneratives Potenzial erstaunte ihn stets aufs neue. Synthetische Werkstoffe wie Metalle, Silikate und Kunststoffe verbogen oder zerbrachen. Werkstoffe, die von lebenden Organismen stammten, wie zum Beispiel Leder oder Pflanzenfaser waren belastbarer, da sie gewisse Eigenschaften ihrer ursprünglichen Funktion als Bestandteil eines lebenden Organismus beibehalten hatten. Regenerieren konnten sie sich allerdings nur bedingt, da sie faktisch tot waren und von ihrem ursprünglichen sie ernährenden Körper abgetrennt worden waren. 
Hauterkrankungen, die er kannte, waren bakterielle Infektionen, Milbenkrätze, allergische Schwellungen, Rötungen und Quaddelbildung, Pilzinfektionen zwischen den Zehen oder unter den Nägeln. Außerdem die allseits üblichen Formen von Hautunreinheiten, die man landläufig Pickel nannte. Bakterielle Infektionen konnten durch Streptokokken ausgelöst werden. Dabei entstanden nässende Hautstellen, bei denen offenbar eine Schicht der Oberhaut von den Bakterien weggefressen wurde. Dagegen half antibiotische Salbe oder auch antibiotische Tabletten, die vom Arzt verschrieben wurden. Die Behandlung mit Salbe war unproblematisch, nebenwirkungsfrei und sehr effizient. Eine Weitergabe der Infektion durch Hautkontakt oder in Hautkontakt befindlicher Gegenstände war möglich. Schlecht gereinige oder nicht desinfizierte Rasierapparate konnten zum Beispiel zu einem Befall des Gesichtes führen. Beim intensivem Küssen war eine Infektion der Mundschleimhaut möglich, auch wenn der übertragende Körper selber keinerlei Beschwerden durch die Bakterien erlitt. Milbenkrätze war ein parasitärer Hautbefall mit Milben, die unter der Haut lebten und sich dort Tunnel bohrten. Die von ihnen hinterlassenen Exkremente lösten starke allergische Juckreaktionen der Haut aus. Sie lebten gerne an Stellen, die warm, feucht und dunkel waren, also gerne im Intimbereich zwischen den Beinen, um die Genitalien. Sie verbreiteten sich von dort aber auch über den ganzen Körper, wenn man keine Gegenmaßnahmen ergriff. Seit einigen Jahren waren die wirklich effektiven Gegenmittel nicht mehr frei in der Apotheken verkäuflich. Sie mußten vom Arzt verschrieben werden. Ohne Rezept konnte man Präparate mit einem Wirkstoff, der aus Chrysanthemen gewonnen wurde, erhalten. Eine einmalige Anwendung reichte nicht aus. Diese mußte mehrfach wiederholt werden. Außerdem mußte die gesamte Wäsche, die in Hautkontakt gestanden hatte, mindestens bei sechzig Grad gewaschen werden. Ein Einlagern in der Tiefkühltruhe für mehrere Tage konnte auch erfolgversprechend sein. Dies wurde für nicht waschbare Gegenstände wie beispielsweise Schuhe und Winterjacken empfohlen. Er hatte es aber noch nicht ausprobiert. Übertragen wurde die Milbenkrätze zumeist bei Intimkontakten. Eine Infektion durch Gegenstände, die kurz zuvor von einer infizierten Person über den Körper gerieben wurden, beispielsweise ein Handtuch, war theoretisch auch möglich. Allergische Reaktionen auf der Haut kannte er seit seiner Kindheit. Sie reichten von kurzzeitigen Symptomen bis hin zu langwierigen Phänomenen, wie beispielsweise Hautflechten. Zur Behandlung wurden fast ausschließlich kortikoidhaltige Salben verwendet. Die Anwendung war einfach und zumeist erfolgversprechend. Bei langwierigen Reaktionen, deren Ursache nicht bekannt war, konnte die Behandlung scheitern. Über einen längeren Zeitraum verabreichtes Kortikoid führte fast immer zu einer eigenen Allergiereaktion des Körpers, die sehr schwerwiegend sein konnte. Bei Hautrötungen, die durch Unreinheiten, wie verstopfte oder überproduktive Talgdrüsen ausgelöst wurden, waren Corticoide sehr erfolgversprechend, aber wegen des Allergierisikos zu vermeiden. Er hatte damit einige leidvolle Erfahrungen machen müssen. Dafür waren säurehaltige Peelings und antibakterielle Waschlotionen, zum Beispiel angereichert mit Salizylsäure, eher zu empfehlen. Diese gab es in jedem Drogeriemarkt. Bei besonders hartnäckigen Pickeln half auch eine mit Jodtinktur versetzte Salbe, die aber die gesamte Wäsche rot verfärbte. Teebaumöl verstärkte die körpereigene Abwehr an der betroffenen Stelle, was die daran beteiligten Hautbakterien bekämpfte und zu einem Abklingen der Symptome führte. Es konnte aber auch allergische Reaktionen auslösen. Lavendelöl half die Rötung und Schwellung wegen seiner astringierenden Wirkung zu lindern. Es hatte auch antibakterielle Eigenschaften. Pilzinfektionen ließen sich sowohl mit Cremes oder Tabletten behandeln, die antimykotische Substanzen beinhalteten. Für Fußpilz, der sich durch juckende, gerötete und sich sich schuppende Stellen bemerkbar machte, halfen beispielsweise Cremes mit dem Wirkstoff Chlotrimazol. Diese waren rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Bei Fußnagelpilzinfektionen war die mehrwöchige Verabreichung eines Wirkstoffes in Tablettenform notwendig. Diesen gab es nach Test der Leberwerte auf Rezept beim Arzt. Die Verwendung von speziellen Nagellacken zu diesem Zweck, verringerte zwar die befallenen Stellen und deren Ausmaß, gänzlich beseitigen ließ sich die Infektion dadurch aber nicht. 
Kondome konnten all diese Erkrankungen nicht verhindern. Sie hatten damit im Grunde nichts zu tun. Trotzdem dachte er immer an Kondome, wenn er sich Hautkrankheiten vorstellte. Es war die diffuse Angst sich beim Liebesakt mit einer infektiöse Krankheit zu infizieren. Schlimm waren Hauterkrankungen immer. Egal, wie schwer ihr Bedrohungspotenzial für den Körper war. Sie waren außen und damit sichtbar. Sie entstellten und isolierten. Geschlechtskrankheiten entstellten und isolierten auch. Aber innerlich. Ihre Übertragung beim Liebesakt hatte Gewicht. Sie waren darauf spezialisiert in das Innere des Organismus einzudringen. Die Infektion durch einen Erreger hatte Analogien zur Verbreitung von Ideen. Eine Idee konnte sich in den Gehirnen anderer ausbreiten und ihr sehr wahrscheinlich existentes Meinungszentrum beeinflussen. Ideen drangen durch die Öffnungen der Sinnesorgane in den Körper. Sie stellten neuronale Stimulationen dar, die sich in den Gedanken des Infizierten manifestierten. Ideen waren Inhalte, die gedacht wurden. Sie stellten also einen denkbaren Inhalt dar. Mit großer Wahrscheinlichkeit gab es keine undenkbaren Ideen. Die denkbare Idee brachte ihm die Welterkenntnis und das Bewußtsein über sich selbst ein. Er dachte, also war er existent. Er war wahrscheinlich auch existent, wenn er nicht dachte. Er nahm das für seinen Tod oder den totalen Verlust seines Bewußtseins an. Aber das konnte er nicht wirklich durch Denken beweisen, da sein Denken nur über das Leben und das Sein möglich schien. Ein sinnvolles Denken über das Nichtsein und den Tod war reine Hypothese. Allerdings stellte auch die Hypothese bzw. ihre nächste Verwandte, die Phantasie eine Form des selbstdefinitorischen Denkens dar. Wenn er phantasierte, dachte er sich selbst. Die Ausdrucksform der Ideen war einerseits die Sprache, die als Instanz des kulturell geprägten Individuums, nahezu alles, was die real erfahrbare Welt darstellte, auch in Worte faßbar machte. Es gab einen sehr wahrscheinlichen Zusammenhang zwischen der Benennung und dem Denken. Wenn ein Individum etwas sah, hörte oder spürte, so war der Sinneseindruck in Worten beschreibar. Eine sprachlich formulierte Idee, die rezipiert wurde, war natürlich ohnehin ein in Worten ausgedrückter Gedanke. Mögliche Sprachen waren allerdings nicht nur Worte. Es konnte auch eine Sprache der Musik, der Berührungen oder der Farben sein, für die es keine umfassende Sprachbeschreibungen gab. Eine Sprache der Berührungen war möglicher Bestandteil einer Sprache der Liebe. Ihre Ideen waren die Liebe zu einem anderen. Hatten sich beide damit infiziert, so war es die Liebe zwischen zwei Individuen. Ihre Liebe konnte sich in unterschiedlichen Formen äußern. Eine sexuelle Idee der Liebe trachtete nach der innigsten Verbindung zwischen zwei Körpern. Eine Verschmelzung zweier Organismen im Rahmen ihrer körperlichen Möglichkeiten. Die gewünschte Durchdringung wurde durch Stimulation erziehlt. Stimulation konnte nicht nur körperlich durch Berührung an bestimmten Stellen erfolgen, sondern wurde zumeist auch durch den Austausch von Sinneseindrücken komplexerer Natur bewirkt. Die Aussage „Ich liebe dich“ stellte eine Idee dar, die vom Angesprochenen aufgenommen und erwidert werden konnte. Die Idee der Liebe stellte eine besondere Form der Infektion dar, denn sie löste mannigfaltige Veränderungen in der Selbstwahrnehmung aus. Das Selbst fand den Anderen. 
Die Herstellung einer dualen Systematik schien im Organismus als kaum überwindbares Bestreben angelegt zu sein. Die Idee der Liebe hatte selbstdefinitorische Aspekte, die tragfähige Bestandteile der menschliche Existenz erst sinnreich erscheinen ließen. Die Idee der Liebe war einer der erstaunlichsten Manifestationen im zentralen Nervensystem. Ihre Auswirkung erstreckte sich auf nahezu alle Bereiche des lebenden Organismus. Ihre Macht war vegetativ und mental grenzenlos. Sie erweiterte die Begrenzungen des Selbst im Körper. Sie machte die Ausdehnung des Ichs außerhalb des Körpers möglich. Die äußere Begrenzung der Selbstdefinition konnte durch die Idee der Liebe unendlich ausgedehnt werden. Er war sich sicher, dass diese Erfahrung zum Wichtigsten zählte, was er bis zu seinem Tod erlebt haben würde. Immer wieder, wenn er Bestandteil einer Liebesinfektion wurde. Es war die Kraft der wahrhaftigsten Imagination, in der das Selbst mit dem Anderen zu einer konstruktiven Einheit verschmolz, die sich gleichzeitig unendlich ausdehnen und unendlich komprimieren konnte. Beide Bewegungen waren verhälnismäßig identisch zu einander. Ihre Gleichzeitigkeit war kein Paradoxon. Diese Unendlichkeitserfahrung war unmittelbar und ungelenkt, sie unterschied sich von Phantasien und hypothetischen Konstrukten. Sie hatte eine Zwangsläufigkeit, die gesetzmäßig irrational war. 
Der Körper als Behältnis des Organismus war der unverzichtbare Ausgangspunkt für diese Selbsterweiterung, für die es keine Beweise als die persönliche Erfahrung gab. Es war eine axiomatische Empfindung. Er wußte, dass er Unendlichkeit empfinden konnte. Das Gefühl dauerte trotzdem spürbar nicht unendlich lange. Dies bewies nicht, dass es nicht auch in seiner Dauer unendlich sein konnte. Im Regelfall war es zeitliche begrenzt. Eine erfahrbare Begrenztheit, deren Auswirkungen eintraten, wenn es bereits vorbei war. Diese Empfindung unterschied sich insofern nicht vom Altersverfall des Zellgefüges Organismus. Alterungswahrnehmung war nur im Wegfall des vorherigen Zustandes fühlbar. 
Wenn der Kummer über eine verlorene Liebe einsetzte, war sie bereits beendet. Das eigentliche Ende hatte unmerklich eingesetzt. So war es auch mit schmerzenden Knien oder ruinierten Zähnen. Den eigentlichen Verfall hatte man nicht wahrgenommen. Nur das Ergebnis des Verfalls machte sich schmerzhaft bemerkbar. Er wußte nicht, ob Liebe sich im allgemeinen regenerieren konnte. Die Haut konnte es. Auch bestimmte körperliche Verfallsprozesse ließen sich überwinden und ausgleichen. 

Er ging zu seinem Sicherungskasten und öffnete die hermetisch in die weiß verputzte Wand eingelassene graue Kunststofftür, indem er einen Finger in den nach hinten wegdrückbaren Ausschnitt eines propellerähnlichen Griffsystemes steckte. Der zweite Rotorenflügel stülpte sich nach vorne, so dass er ihn mit dem Daumen und Zeigefinger drehen konnte. Der Zeigefinger ging dabei fließend aus der entstandenen Öffnung zum Anfassen über. Die Verriegelung wurde ab einer fünfundvierzig Grad Drehung gelöst. Hinter der Tür lagen in Reihen die Sicherungsschalter. Die oberen drei Reihen bestanden aus umlegbaren Schaltern, die entweder nach oben oder nach unten zeigten. Oben war eine eingeschaltete Sicherung. Unten war eine ausgeschaltete. Der umlegbare Hebel saß seitlich eingeklemmt jeweils im oberen Drittel auf einem hellgrauen erhabenen Kunststoffrechteck. Drei Viertel der Schalthebel waren schwarz glänzend. Die anderen waren weiß und befanden sich an der rechten Seite in einer Doppelreihe. Diese Hebel waren etwas größer als die anderen. Unter den drei Reihen schwarzer Hebel lag eine komplette Reihe mit einschraubbaren Einwegsicherungen, die aus Keramik bestanden und an den Kronkorkenverschluß einer Flasche erinnerten. Im Zentrum der hellgrauen Keramikform gab es ein kleines rundes Glasfensterchen. Unter diesem lag eine Schlaufe aus Metalldraht. Er begann die Hebel der Reihe nach umzulegen. Er hatte die Instruktionen, die sich auf der Innenseite der Schütztür auf einer Liste befanden, nicht gelesen. Auf dieser Liste konnte man sehen, welche Sicherung für welchen Stromkreis zuständig war. Dieses wissen brauchte er jetzt nicht. Nachdem er alle Hebel nach unten gelegt hatte, drehte er die keramischen Sicherungen heraus und und steckte sie sich der Reihe nach in die Hosentaschen. Das hatte etwas von einer symbolischen Handlung, auch, weil es wahrscheinlich nicht notwendig war alle diese Sicherungen zu entfernen. Nachdem er sämtliche Stromkreise der Wohnung unterbrochen hatte, schloß er die in die Wand eingelassene Tür wieder mittels des eindrückbaren Kunststoffmechanismus. Jetzt war Ruhe und er konnte sich auf das Wesentliche konzentrieren. Seine Bilder. Symbolisch die Verbindung an das Netzwerk der Kommunikation unterbrechen. Das ging nicht über einen langen Zeitraum. Am Ende taute womöglich das Gefrierfach auf. Nicht elektrische Mechanismen funktionierten unbeeindruckt. Sein Körper fühlte unverändert den Schmerz des Alleinseins. Warmes Wasser stieg nach oben und das Glas der Fensterscheiben wurde von Photonen durchdrungen ohne die er seine Bilder nicht sehen konnte. Sie waren nicht sichtbar, wenn es kein Licht gab. Er war auch nicht sichtbar ohne Licht, aber er war spürbar und hörbar. Man konnte ihn im Dunklen anfassen. Das traf auf seine Bilder nur bedingt zu. Er fühlte sein Geschlecht und dachte an das was in den letzten Nächten geschehen war. Seine Erregung funktionierte fast automatisiert ohne Strom. Für sie brauchte er nur ein Bild. Eines, welches sich aus der Erinnerung in seinem Kopf manifestierte. Es war das Bild einer Person, deren klare Versinnbildlichung ihn konkret überforderte, aber deren diffuse Imagination ihn sehr zu erregen vermochte. Er liebte.

- für Daniel -


© Hagen Rehborn 2014

- all rights reserved -

Samstag, 6. Dezember 2014

weisse Flecken

die Seele im schmelzenden Eis
Vollmondlicht über einer glasklaren,
für die Jahreszeit weitaus zu milden südwestlichen
Luftströmung aus Nordafrika

diese funkelnden Sterne blinken
und dann sind sie wie weiße Flecken,
ohne jegliche Veränderung,
wer hätte das gedacht, nordafrikanische Luft macht geil

die weißen Flecken auf deiner Haut
werden im UV Licht der Blumenlampe sichtbar
Zitronengeranien und Zungenküsse, südöstlicher
Balkon mit kalten Händen, Nasenbluten

die Gedanken versteckt unter
moderndem Kunstrasenstück mit Pflanzringen
die Pfützen an den Überwegen so gross wie Teiche
dieser Spagat würde zu Verletzungen führen

komm und spring auf das Wasser
es klatscht und gurgelt so fröhlich beim wegschlucken,
selbst wenn du sportlich bist, deine Socken sind naß

Sternenbilder in den Augen, deren Bedeutung keiner kennt,
müssen nicht verfiziert werden um einen gewissen Glauben 
an das Schicksal auszulösen

wenn du geil bist, bin ich es auch
wenn du wütend auf mich bist, kann ich nur auf die milde südwestliche Luftströmung verweisen, denn das hat etwas miteinander zu tun


© Hagen Rehborn 2014 - all rights reserved













Montag, 14. Juli 2014

auf dem boden

ich liege auf dem boden und lausche den geräuschen
die durch das geöffnete fenster zu mir kommen
autos, motorräder, flugzeuge
maschinen um den raum zu durchqueren

schritte auf dem pflaster
eine frau spricht mit einem kind
mit einem hund spricht ein mann
ich denke, dass ich mit dir spreche

im nachbarraum wird mit klammern 
etwas auf etwas anderem festgetackert
der hund bellt, der sommer ist warm
ich habe dich getroffen und deine haut ist immer heiss

ich stehe auf, will den raum verlassen
dabei schaue ich auf den laptop am fenster
ich sollte ihn schließen, man weiß nie
die vögel in den bäumen zwitschern so laut

vielleicht fliegt ein gegenstand durchs fenster
er durchschlägt das display und den tisch
ein meteorit, der es bis hier hin geschafft hat
unter millionen gibt es immer nur einen

ich schließe die tür hinter mir, alles still
ich wäre gestorben, wäre ich dabei geblieben
ich mache mir einen kaffee in der küche
der wasserkocher rauscht wie das meer

als ich zurückkehre hat sich alles verändert
meine liebe zu dir ist ein unendliches gefühl
blätter rauschen wie nie zuvor
rosen auf dem tisch aus tusche

© Hagen Rehborn 2014

Montag, 28. April 2014

Durchbruch























Kurator:
Schön, dass sie auch bei diesem Ausstellungsprojekt mitmachen wollen.

Künstler:
Wie sollte ich absagen. Ich kann mir meine Ausstellungen nicht aussuchen.
Was möchten sie denn von mir zeigen?

Kurator:
Ja, was ihren Beitrag anbelangt ... 
Wenn sie ein Wandobjekt beisteuern wollen, dann wird es etwas knapp mit dem Platz. Da ist eigentlich schon alles vergeben. Da ginge noch eine Skulptur im Raum oder eine performative Arbeit.

Künstler: 
Meine Skulpturen werden wenig gezeigt. Wahrscheinlich, weil sie recht transportaufwändig sind. Und man benötigt einen Sockel für so etwas. Würde der Transport von ihrer Seite getragen und wird es Sockel vor Ort geben?

Kurator:
Du lieber Himmel, nein! Wir können keine Transporte bezahlen. Geschweige Sockel stellen. Wir können ja froh sein, wenn sich die Einladungskarte durch freiwillige Beiträge jedes Künstlers finanzieren lässt. In diesem Zusammenhang möchte ich sie auch bitten, eine Summe ihrer Wahl beizusteuern. Im Durchschnitt hat jeder Künstler bisher dreissig bis fünfzig Euro gegeben. Sie werden dann natürlich auch namentlich auf der Karte erwähnt ...

Künstler:
Hmm, ja, ich habe Schwierigkeiten diesen Monat. Meine Ateliermiete schulde ich schon für 3 Monate und ich kann mir derzeit eigentlich kein Essen mehr kaufen. Ich kenne auch niemanden, den ich mit einer solchen Karte einladen könnte. Wäre es auch möglich eine performative Arbeit zur Eröffnung zu realisieren?

Kurator:
Ja, natürlich. Wie ich schon sagte, da hat sich noch niemand gemeldet, der so etwas machen möchte … Wie lange soll das denn dauern, was sie da machen wollen?

Künstler:
Ich weiss nicht genau. Ab einem bestimmten Punkt habe ich keine Kontrolle mehr über den Verlauf. Das Ende hängt von Faktoren ab, die ich nicht genauer bestimmen kann. Ich denke aber, dass nach einer halben Stunde das Interesse des Publikums abgeklungen sein wird. 

Kurator:
Eine halbe Stunde ist gut. Länger sollte es tatsächlich nicht dauern. Das Publikum macht so etwas heutzutage nur über einen bestimmten Zeitraum mit. Dann lässt die Konzentration rapide nach. Was planen sie denn?

Künstler:
Ich dachte an eine öffentliche Selbstverbrennung. Ich stelle mich vor den Ausstellungsraum ins Freie und schütte den Inhalt eines Benzinkanister über mich. Dann entzünde ich mich mit einem Streichholz oder einem Feuerzeug selbst. Man könnte den Vorgang filmen. Ich selbst kann nach Abschluss der Performance ja nicht mehr viel Einfluss auf eine Dokumentation nehmen.

Kurator:
Sehr schön, machen sie das. Schauen sie nur, dass es keinen Dreck gibt und die Zuschauer nicht gefährdet werden. Solche Performances sind ja für die Besucher ein echtes Wagnis, wenn man keine Rücksicht nimmt. Aber ich kenne sie ja und weiss, dass auf sie Verlass ist. Es freut mich, dass sie sich mit so einer eindrücklichen Arbeit präsentieren wollen. Die Ausstellung wird sicher einige Aufmerksamkeit in der Stadt auf sich ziehen. Davon profitieren natürlich zuallererst die teilnehmenden Künstler ... Dokumentieren können wir das sicherlich nicht. Haben sie jemanden, der es aufnehmen könnte?

Künstler:
Ja, das regle ich. Freut mich, dass ihnen meine Idee gefällt. Ich kann ihnen zusammen mit meiner Vita eine Zusammenfassung des Konzeptes zumailen, wenn sie wollen.

Kurator: 
Aber nicht mehr als fünf Sätze bitte! Da will ja jeder mit seinen Sachen erwähnt werden. Das geht natürlich nicht. Ich kann nur einen repräsentativen Querschnitt in der Presseerklärung unterbringen. Selbstverbrennung als Performance ist aber sicher ein guter Aufhänger für die Eröffnung. Der ein oder andere möchte sich das vielleicht nicht entgehen lassen.

Künstler:
Sicherlich wird jemand aus meinem Freundeskreis bereit sein meine Selbstverbrennung zu filmen. Dann hätten sie auch etwas für ihre Dokumentation. Aber einen Katalog gibt es ja eh nicht.

Kurator:
Kataloge sind etwas für Spiesser, das wissen sie doch … Sehr schön! Ich muss jetzt Schluss machen. Unsere Absprachen stehen ja. Und bitte mailen sie mir ihre Sachen noch bis zum Wochenende. Ich bin ab Sonntag für zwei Wochen in der Toskana und habe so viel um die Ohren. Manchmal weiss man nicht was man zuerst tun soll.

© Hagen Rehborn 2014 - all rights reserved











Samstag, 30. November 2013

Am Morgen


Er erwachte, als die Sonne von der gegenüberliegenden Fassade auf sein Schlafzimmerfenster reflektiert wurde. Er fühlte sich angeschlagen. Das helle Sommerlicht verbreitete einen leichten, unsagbaren Angstfilm im Raum. Dieser war sonderbar klar und präsent, wie der Schärfefilter bei der Nachbearbeitung eines Fotos. Er stand auf. Kissen und Bettdecke aufschütteln. Gedanken an seine Mutter. Aufräumen und Putzen entspannte. In der Küche war noch Kaffee von Gestern. Er mischte ihn mit Milch aus dem Kühlschrank. Rechner und Router im Arbeitszimmer anschalten. E-Mails abfragen. Er wurde nirgends gebraucht. Ein Download-Link für ein paar Fotos, die sich auf eine Ausstellung irgendwann im kommenden Jahr bezogen. Er versuchte sich beim zuständigen Internetportal anzumelden. Nicht möglich. Ein Gefühl von Unfähigkeit kam auf. Er mailte dem Absender, dass man ihm die Bilder verkleinert als Anhang direkt zuschic­ken möge. Die Bewerbungs-aufforderung für eine Kunstmesse in Los Angeles. Mit Abbildungen der künstlerischen Arbeiten bewerben und nebenbei eine Teilnahmegebühr bezahlen. Das Geld wurde in keinem Fall zurückerstattet, da es zur Abdeckung des Bearbeitungsaufwand dienen sollte. Die Arbeiten würden nicht ausgewählt werden. Er nahm an, dass die Organisatoren gut davon leben konnten. Früher war er auf so etwas schon einmal hereingefallen. Künstler als Zielgruppe, ein ganzer Markt, von Materialien, Karrierevisionen, überteuerten Atelierflächen und nicht eingehaltenen Versprechungen. Alles ganz seriös mit stetiger Nachschubgarantie. Eine Liste von zu erledigenden Dingen klebte am unteren Rand seines Bildschirms. Darauf stand „Nachschlagen Wikipedia Bipolare Störung, Hefe und Mirabellen kaufen, Umsatzsteuervoranmeldung zweites Quartal“. „Die bipolare Störung ist durch einen episodischen Verlauf mit depressiven, manischen, hypomanischen oder gemischten Episoden gekennzeichnet: Depressionen zeichnen sich durch überdurchschnittlich gedrückte Stimmung und verminderten Antrieb aus. Eine manische Episode ist durch gesteigerten Antrieb und Rastlosigkeit gekennzeichnet (...). Dabei ist die Fähigkeit zur Prüfung der Realität mitunter stark eingeschränkt, (...). Betroffene erscheinen wegen ihrer Kreativität in der manischen Episode als charismatische Persönlichkeiten.“ Das war das all­seits bekannte bürgerliche Theorem von Genie und Wahnsinn. Ihm war unklar, ob seine Gemütsschwankungen dort einzuordnen wären. Er kannte einige Psychater aus dem Ausstellungsbetrieb. Sie sammelten Kunst. Sie begeisterten sich für die Form und den Status. Die Entbergung des Unaussprechlichen, welche möglicherweise in einem tatsächlichen Kunstwerk stattfand, war ihnen nicht bewusst. Sie ahnten nichts von einer Wahrheit hinter der Wahrheit. Es waren eher pragmatische Wesen. Wie sollten sie seine geistige und emotionale Verfassung beurteilen. Sein Nachbar im ersten Stock gegenüber hatte das obere Küchenfenster geöffnet. Er sah ihn mit freiem Oberkörper an irgend etwas vor sich hantieren. Das hohe Fenster mit Austritt neben der Küche war geöffnet. Er sah einen weißen Vorhang rechts und links hinter den Flügeln herabfallen. Er schloss die Augen und öffnete sie wieder. Das war ein echter Schock. In den drei Jahren, in denen er hier wohnte, war es von innen mit Karton verschlossen gewesen. Wie hermetisch abgeriegelt schien es niemals geöffnet worden zu sein. Bis heute. Er sah die gleichen Regale wie im Wohnraum rechts davon. Das Bett direkt davor mit wenig Platz. Er konnte nur dessen Fußende sehen. Die Friseurin im Vorderhaus hatte ihm vor ein paar Wochen versichert, dass das Fenster schon seit fünf Jahren verdunkelt war. Und jetzt standen die bis zum Boden reichenden Fensterflügel weit offen. Das Doppelfenster des Wohnraums links davon war auf einer Seite durch eine hellbraune, leicht schief hängende Jalousette aus Elefantengras, die rechte Seite durch eine dagegen gelehnten Biertischplatte, nur mäßig verdeckt. Sichtbar durch die freien oberen beiden Fensterflügel, an der Altbaudecke, eine unangenehm neutral wirkende Lampe mit vier verchromten Armen, in die Energiesparbirnen gedreht waren. Dahinter die gleichen Holzregale wie im jetzt offen stehenden Schlafzimmer. Entgeistert wendete er sich ab. Zwei Jahre lang hatte er Visionen von dem gehabt, was sich hinter dem Fenster abspielen mochte. Er dachte an erotische Spiele, eine Konstruktion zum Fixieren und Positionieren einer Person. Eine Gefangene. Ein Gefangener. Exotische Tiere, die nur nachtaktiv waren. Oder so etwas wie eine Dunkelkammer zum Erstellen von Fotoabzügen. Dann vermutete er pathologische Schlafstörungen, Lichtempfindlichkeit, Albdruck. Er dachte an ein Tonstudio, nachdem im Fensterausschnitt des Wohnraumes ein kostspielig aussehendes Mikrophon auf einem Stativ aufgetaucht war. Seitdem er in dieser Erdgeschosswohnung lebte, verging kein Tag, an dem er nicht auf die Fenster gegenüber im ersten Stock schaute. Häufig dachte er nicht über das Dahinter nach. Seine Augen klebten einfach nur an diesem Karton, der die Scheiben von innen komplett verdeckte und der Reste einer roten Beschriftung aufwies. Er ertappte sich dabei, wie er bei seiner Rückkehr von Besorgungen, beim Durchschreiten des Hofes, stets zunächst auf das verschlossene Fenster schaute und dann auf die Fenster rechts und links davon, bevor er sich seinem Hausflur zuwandte. Es gab ein drittes, ein schmales Badezimmerfenster. Hinter dem, höchstwahrscheinlich genauso wie in seinem Bad, sofort die Duschwanne begann. Er sah den Duschvorhang an einer gebogenen Stange durch die Scheibe scheinen. Dieser hatte vor einiger Zeit gewechselt. Ein einfarbiger cremeweißer Vorhang wurde gegen ein Modell mit großen, rot-weißen Blumen auf hellgrünem Grund ersetzt. War das Licht am Abend im Badezimmer erleuchtet, stellte er sich vor, wie der Nachbar duschte. War eine Lichtquelle in einem anderen Raum auszumachen, stellte er, je nach Lichtfarbe, Mutmaßungen zu dessen Beschäftigung an. Seine Verblüffung ließ nicht nach. Er wandte sich immer wieder dem geöffnete Fenster zu. An der Decke hing die gleiche Lampe, wie im Wohnraum daneben. Diese mehrarmige Konstruktion mit unverdeckten Glühbirnen. Am Rande zur Geschmacklosigkeit. Aber das war schwer zu beurteilen, wo doch jedes Einrichtungselement ein Zitat oder das Zitat eines Zitates sein konnte. Die Auflösung des Fenstergeheimnisses war maßstabslos. Er hatte Schwierigkeiten zu begreifen, dass hinter den verschlossenen Fensterflügeln eine solche Banalität darauf gewartet hatte enthüllt zu werden. Vielleicht hatte der Bewohner vor dem Öffnen eine Art simulierten Normalzustand hergestellt. Er wünschte sich, dass ihm etwas einfallen könnte, was die Ödnis seines Eindrucks weniger deprimierend machen würde. „Ce qui est passé près de chez vous“ hatte er vor Jahren eine blutige Installation genannt, die sich in Anlehnung an einen belgischen Film mit der Enthüllung des Grauenvollen hinter der alltäglichen bürgerlichen Fassade beschäftigte. Hier war es wie das Verschwinden einer Fatamorgana. An deren Stelle fand sich nichts außer noch mehr Sand. Auf dem Tisch neben seinem Fenster lag ein Stapel Papierbögen. Neue Entwürfe für ein Männerportrait mit Halsketten. Er beabsichtigte einen gealterten prominenten Modedesigner, der sich sichtbar unzähligen plastischen chirurgischen Eingriffen unterzogen hatte, mit einem jugendlich athletischen Oberkörper darzustellen. Um den Hals wollte er ihm zwei Ketten hängen. Einen dieser in den siebziger Jahren weit verbreiteten silbernen Sternzeichenanhänger, an einer ganz schmalen Gliederkette und einen sechsundzwanzigkarätigen kanariengelben Diamanten, der „Star of India“ hieß und an einer kunstvoll gearbeiteten Platinkette hing. Der Stein war mit viertelkarätigen weißen, in Smaragdform geschliffenen Diamanten eingefasst und befand sich im Besitz des Sultans von Brunei. Sein Interesse an kostbarem Schmuck und farbigen Diamanten war erst vor kurzem erwacht. Seit dem er diese Wohnung bezogen hatte, verfügte er zwangsweise über einen zu bezahlenden Kabelfernsehzugang. Jeder Mieter des Hauses hatte die dementsprechende Klausel in seinem Mietvertrag. Nach anfänglicher Abwehr, ermöglichte ihm nun ein alter Videosichtmonitor, den Empfang etlicher Sender. Darunter befand sich einer, in dem von reizenden Moderatoren, geschätzte achtzehn Stunden täglich, als Schmuckstücke gefasste Edelsteine verkauft wurden. Am Anfang machte er sich über die als Versteigerungen mit sinkendem Preis verpackten Verkäufe lustig. Aber nach einiger Zeit bemerkte er, dass ihn besonders die so genannten Highlight-Versteigerungen, bei aller ironischer Distanz gegenüber dem Medium, faszinierten. Bei ihnen wurden, mehrmals über den Tag verteilt, besonders große Edelsteine angeboten. Das Betrachten der funkelnden Objekte, welche von den sorgsam manikürten Fingern der Moderatoren gehalten wurden, bereitete ihm unsagbares Entzücken. Er begann sich für berühmte und besonders wertvolle Schmuckstücke zu interessieren. Die angeblich magische Wirkung auf ihre Besitzer schien bei vielen so genannten Fachleuten eine ausgemachte Sache zu sein. Schon bald versuchte er auf seinen Bildern Schmuckstücke mit solchen Edelsteinen zu malen. Die nicht luziden Farbwerte der für Maler zur Verfügung stehenden Farbpasten, wurden aber weder den feurigen Steinen, noch den verwendeten Edelmetallen gerecht. Eine wahrhaftige Darstellung war nur durch eine Bewegung in der Lichtbrechung möglich, also mittels Video- oder Filmtechnik. Ohne Bewegung schien ihm die Definition eines Betrachtungsraumes von Bedeutung, in dem die Stücke plausibel zur Geltung kamen. Sie waren für das Tragen auf Haut bestimmt, also malte er sie auf nackten Körpern. Er überlegte, welchen Raumbezug er dem neuen Männerportrait geben könnte und schaute erneut auf das geöffnete Schlafzimmerfenster gegenüber. Nach einem kurzen Moment des Zögerns, wurde ihm klar, dass er die dort befindlichen Regale und die Lampe als Hintergrund für das Portrait verwenden wollte, ja musste. Dafür benötigte er eine Fotografie. Er holte seine Kamera aus einem Schubladenschrank, setzte ein Teleobjektiv auf und begab sich in sein Schlafzimmer, von wo aus er einen frontalen Blick auf das Fenster hatte. Die Altbauscheiben verzerrten den Durchblick. Er öffnete die beiden unteren Fensterflügel und stellte das Objektiv scharf. Bei zweihundert Millimeter Brennweite konnte er nun auch sehen, dass auf den Holzregalen halbtransparente Kunststoffboxen standen, wie sie derzeit häufig in Einrichtungshäusern verkauft wurden. In ihnen schimmerten die darin aufbewahrten Dinge dunkel hervor, ohne dass man erkennen konnte, um was es sich handelte. Er versuchte den richtigen Ausschnitt zu finden und drückte auf den Auslöser. Im Sichtfenster erschien das gemachte Bild. Er versuchte es noch einmal. Jetzt mit etwas mehr Fassadenumfeld. Schließlich konnte er den nackten Modemacher auch in Ganzkörperansicht malen, wie er gerade aus dem Raum in das geöffnete Fenster trat. Er schaute durch das Okular und löste aus.   Plötzlich erschien im Fenster der Nachbar. Er trug nach wie vor nur seine Jogginghose und schaute direkt auf ihn, wie er mit der Kamera auf das Fenster zielte. Dann grüßte er mit winkender Hand, drehte sich um und zog seine Hose für einen Augenblick soweit herunter, dass man seinen nackten Hintern sehen konnte. Dann drehte er sich wieder um, schloss grinsend die Fensterflügel und zog die weißen Vorhänge davor. Er ließ die Kamera sinken. Die Sonne schien.

© Hagen Rehborn 2013
(all rights reserved)

(Die Handlung dieser Erzählung ist frei erfunden und jede Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder Situationen ist rein zufälliger Natur - this story is  fictional and any resemblance to person living or dead is purely coincidental.)

Sonntag, 27. Oktober 2013

relevanz der mutmassungen

















zeitfreies zusammentreffen
taxierendes bemühen
oder ungewolltes selbstverstellen
positive wahrnehmung erheischend
sehen wir uns in die augen
und stellen mutmassungen an
deren relevanz auf ganz schwachen füssen steht
du hier mit dem und ihr kennt euch schon lange
und macht das regelmässig
ach so ihr kennt euch kaum
nein das macht ihr gar nicht regelmässig
ja dann ist ja alles anders als ich dachte

verurteilt für das erwecken von hoffnung
das schöne wetter der kommenden tage 
wird durch eine plötzlich katastrophale negative 
veränderung der prognose ruiniert
verurteilt für das erwecken von freude
die sich trotz möglicher wiederholung 
nicht mehr einstellen kann
einforderung von kompetenz ohne gegenleistung
wird von mir wie von einer sich schlagen lassenden
ehefrau mit einem freundlichen lächeln
bereitwillig positiv erwidert

wie du dachtest, ich wolle das so?
und du hast tatsächlich nicht bemerkt
wie elendig ich mich gelangweilt habe
und dies durch mein geschwätziges geplappere
noch schlimmer machen musste
denn zur scham über dich kam die scham über mich
beim küssen schiebt er mir die zunge 
konstant in den mund und berührt meine
lippen dabei nur zaghaft mit kühler feuchte
es wirkt wie der zwanghafte automatismus 
einer defekten saugapparatur 
die auf umkehrschub geschaltet steht

unbeseelte dinge bestehen 
aus neuwertiger unorginalität
und finden ihren einsatz
in deiner wohnung und allen
orten an denen ich nicht sein möchte
dein seelenleben unter der acryldecke 
mit geometrischem muster
du meinst diese schuhe passen zu
meinem rucksack den man auch
als satteltasche verwenden könnte
du warst in NY ich war in london vor kurzem
vita aus schlagworten einfach schütteln
instantsoße herzhaft oder lieber kuschelige
acrylbettwäsche atmungsaktiv

© Hagen Rehborn 2013





Donnerstag, 29. August 2013

Strandbad Wannsee




Das Berliner Strandbad Wannsee erreicht man, wenn man von der S-Bahn kommenden an der Haltestelle Nikolassee die im Volksmund genannte Spinnerbrücke überquert. Unter diese verläuft die A 115, auch als ehemalige Avus Autostrecke bekannt. Man geht am Rasthof Grunewald vorbei, nicht ohne mit tellergroßen Augen, die dort zu fast jeder Tageszeit herumstehenden Motorräder zu bestaunen. Der dortige Motorradtreffpunkt ist in Berlin allseits bekannt und am Wochenende parken die von den Besitzern aufgemotzten Prachtstücke in Dreierreihen vor der links der Straße liegenden Gastronomie. Warum die Motorradspinner sich hier in Scharen treffen ist etwas unklar, scheint sich aber gut und gerne dem männlichen Verhaltensritual „Schau dir meinen an, der ist größer als deiner“ zuordnen zu lassen. Vom Rasthof läuft man noch fünfzehn Minuten durch den Grunewald. Am Wochenende auch schon an am Straßenrand illegal parkenden Fahrzeugen der Strandbadbesucher vorbei, die auf dem zu klein geratenen offiziellen Parkgelände rechts vor dem Bad keinen Platz gefunden haben oder aber ihr Prachtauto zur Freude der Passanten und der Politessen einfach etwas exponierter unter einem absoluten Halteverbotsschild platzieren wollten.

Der Eingang des Strandbades ist unauffällig. Ein großer Platz vor dem Kassenbereich ist mit Bänken ausgestattet. Sein Rad darf man an einigen merkwürdig aussehenden Metallgittern anschließen. Aber auch nicht an allen. Es gibt Warnhinweise, dass es an manchen Stellen untersagt ist. Dabei bleibt im Dunklen, was der Grund dafür sein könnte. Feuerwehrzugänge und Fluchtwege sehen in einem Waldgelände vielleicht anders aus, als man denken würde. Es gibt mehrere Eingänge, die mit Kassen ausgestattet sind, von denen aber nicht alle besetzt sind. Es staut sich gerne mal, denn die Rechneranlage und die Ticketdrucker scheinen Störungen zu haben. Dann starrt das Personal sehr konzentriert auf den Monitor und nichts geht mehr. In der Schlange realisiert man schnell, dass unter den Strandbadbesuchern einfach alles vertreten ist. Die Gespräche sind teilweise erstaunlich. Es wird auch mal unverhohlen über Wildfremde in der Schlange hergezogen, ohne auch nur ansatzweise darauf bedacht zu sein, dass die Betroffenen es nicht hören können. Vor einem Sonnentag am See scheinen die Leute sich gerne unbefangen auszutauschen. Das Ticket benötigt man am modernen Durchlaßdrehkreuz nach der Kasse, wo man es in einen Barcode-Leser halten muß. Danach kann man es wegwerfen, am Ausgang benötigt man es nicht mehr. Ein System, dass es für die gesamten Berliner Bäderbetriebe gibt. Dabei müssen erstaunliche Mengen von bedrucktem Papier pro Tag anfallen. Dahinter folgt eine bebaumter Platz mit Bänken, zur Rechten steht das modernistische Verwaltungsgebäude des Bades und weiter vorne, zum tiefer gelegenen eigentlichen Gebäude des Strandbades auf Seeniveau hin, gibt es einen kleinen Schmuckteich und Bodenschachbretter mit Riesenfiguren.

Eine sehr idyllische Kurbadatmosphäre stellt sich ein. Man läuft auf den Wannsee zu, der den ganzen Horizont einnimmt. Hält man sich jetzt schon weiter rechts, wird man mit Hinweisschildern zum FKK Bereich geführt. Das Gebäude des Strandbades, welches in seiner jetzigen modernistischen Fassung Ende der goldenen Zwanziger errichtet wurde, kann man über große Freitreppen, die auf einen Untergang zuführen gewissermaßen unterschreiten. Die riesigen Umkleidekabinen und WC-Anlagen befinden sich im ersten Stock und darüber gibt es weitere Sonnenterrassen. Auf Seeniveau mit ausgedehntem hellem Ostseesandstrand befinden sich weitere WC‘s und Duschen, im bekleideten Badebereich sogar ein Friseur, ein Schönheitssalon und ein Café-Bistro. Ein weiteres Selbstbedienungscafé mit Stehtischen und Sitzgelegenheiten findet sich auch am rechten Ende des Komplexes, wo es den Getränke- und Nahrungsstützpunkt des dortigen FKK Bereiches darstellt. Der FKK Bereich ist durch einen größeren Sichtschutz vom Bekleidungsbadebereich getrennt und zeichnet sich durch eine etwas geringere Frequentierung aus. Der Nacktbadeabschnitt beginnt mit einer sehr alten und großen Erle, welche auf den Badestrand Schatten spendet. Danach läuft der Strand am Gebäude vorbei und geht dann in einen etwas wilderen Abschnitt über, auf dem Dünengrasinseln wachsen und ein paar Trauerweiden am Wasser stehen. Hat man sich in der recht dichten Menge von Menschen ein Plätzchen gesucht und sein Handtuch ausgebreitet, wird einem schnell klar, dass die Stimmung so ist, wie man sie sich in einer FKK Kolonie schon immer vorgestellt hat. Es gibt eine schwarzbraune Seniorenfraktion, die, da offenbar Frühaufsteher, ganz dicht am Wasser, ihre Grilliegen an Premiumpositionen aufgebaut haben. Ihre Hautfarbe stellt ein changierendes rötliches Schwarzbraun dar, welches an Caput Mortuum erinnert. Es soll die Farbe von Schattenmorellen sein oder dem getrockneten Blut von Geköpften ähneln. An manchen Hautfalten der gegerbten Haut dürfte aber bereits ein reines Beinschwarz vorliegen, welches künstlich aus gebrannten Knochen hergestellt wird, hier aber höchst natürlich in jahrelangem Sonnenbaden entstanden ist. Neben den dunklen Senioren gibt es eine große Menge von Schwulen aller Altersklassen, die entweder alleine oder in Gruppen auf dem Sand sitzen und liegen. Die meisten sind nackt, aber es gibt auch immer wieder welche, die mitten im FKK Bereich mit Badehose rumliegen, welche als modisches Accessoire den Inhalt betonen und reizvoller darstellen soll. An den Wochenenden und in den Ferien auch wochentags gibt es schwarz bekleidetes Sicherheitspersonal, welches paarweise darüber wacht, dass im FKK Bereich auch alle ihre Hosen ausziehen. Die Armen laufen dann in voller Montur durch den heißen Sand und müssen schwitzend anderen erklären, dass sie auch ja ihre rasierten Genitalien entblößen müssen. Sie wenden sich auch regelmäßig den WC Anlagen oberhalb des Nacktcafés zu, da sich dort eine Art bizarre schwule Cruising Area befindet. Da ist es ganz entgegen der sonstigen Verfassung solcher Orte picobello sauber und großzügig freundlich lichtdurchflutet. Sobald das Personal auf seiner Runde entschwunden ist, sind die Badehosen wieder an und das Cruisen auf der Terrasse und im WC Bereich geht weiter, sofern es überhaupt unterbrochen worden ist. Die schwulen Badegäste sorgen durch die räumliche Nähe für eine interessante akustische Beschallung mit Dialogen über die letzten Parties, die besten Freunde, die letzten Sexdates, die neue Wohnung, der neue Job, den neuen Liebhaber und den gerade auf dem Klo einem Pornostar verabreichten Blow-Job. Junge spanische Schwule selektieren die helleren westeuropäischen Muskelmänner und sind mit ihren Handies eifrig dabei auf einem ortsbezogenen Cruising-Portal Dates auf dem Strandbad Klo zu verabreden. Überhaupt haben alle ihre Smartphones zumindest zeitweilig in der Hand. Auch die beiden Zahnarzthelferinnen auf der anderen Seite, die mit gespreizten Beinen mit Blick auf die von Männern umstandenen Stehtische des Nacktcafés liegen und sich über ihr berufliches Fortkommen unterhalten. Dabei erörtern sie für Stunden, ob ihre Kolleginnen nicht doch mit ihren Chefs schlafen und warum sie selber immer nur am arbeiten sind, die neu eingestellte langhaarige Blondine einfach immer krank gemeldet ist und keiner dies zu monieren scheint. Die Redundanz dieses und anderer Gespräche läßt sie bei Bedarf irgendwann in den akustischen Hintergrund rutschen. Es ist wie mit der schwach herüberhallenden Discomusik der Ferienanimation für Kinder und Jugendliche, welche auf einem Steg mit Riesenrutsche weit entfernt im bekleideten Badebereich stattfindet. Man bemerkt sie erst wieder, wenn sie eingestellt wird.

Unmittelbar am Seeufer sitzt ein dickliches schwules Pärchen. Der eine hat sich einen der herumstehenden Strandkörbe genommen, der andere sitzt ihm zu Füßen auf seinem Handtuch. Sie haben eine voluminöse Tasche dabei, aus der sie fortlaufend Leckereien, wie Wurstbrötchen und Käsewürfel zaubern. Bei regelmäßig eingelegten Kaupausen liest der eine dem anderen aus der Tageszeitung vor. Sie scheinen gemeinsam Kreuzworträtsel zu lösen. Ihre Körperfarbe changiert zwischen Wandweiss und Krebsrot. Ein schöner Kontrast zu den rechts daneben liegenden durchgegarten Senioren. Links daneben befindet sich eine der direkt am Wasser in regelmäßigen Abständen befindlichen Duschen, aus denen eiskaltes Leitungswasser fließt. Eine sinnvolle Einrichtung, da der See bei längeren Schönwetterperioden und ungünstigem Wind im Uferbereich des Bades eine gehörige Menge von auf der Wasseroberfläche treibenden Algen und Hautfetten aufweisen kann. Der Wannsee ist an die Havel angeschlossen, aber offenbar ist die im Sommer zunehmende Menge von mit Schredderpropeller-WC-Anlagen ausgestatteten Privatbooten dann doch etwas viel für das Gewässer. Ansonsten kann man sich aber über die Wasserqualität nicht beschweren, insbesondere, wenn man circa fünf Minuten ins Wasser gelaufen ist und den sogenannten Schwimmerbereich erreicht hat. Dahinter liegen große Bojen, bis zu denen sich die Freizeitboot bewegen dürfen und dort gerne ankern. Sie eignen sich hervorragend um eine Schwimmstrecke abzumessen, einen verstohlenen Blick aus dem Wasser auf die Menschen an Deck zu werfen und zu schauen, was die so treiben. Die Duschen werden auch von solchen Badegästen genutzt, die gar nicht schwimmen gehen und sich in der Hitze einfach von Zeit zur Zeit abkühlen müssen. Die unfreiwillig auftretenden Halberektionen der Männer, die auf dem Bauch gelegen haben, lassen sich damit gut im Handumdrehen erweichen.

Bei so viel Nacktheit und Nähe muß der männliche Körper reagieren. Ein echter Vorteil bei den Damen, die keine sichtbaren Veränderungen aufweisen. Das Angebot des FKK Cafes umfaßt alles was das Herz des Großstädters zu begehren scheint. Angefangen bei einem breitgefächerten Sortiment von Heißgetränken, über Limonaden und Säften, bis hin zu eine Vielzahl von alkoholischen Getränken, bei denen Bier am erfolgreichsten zu sein scheint, wenn man die vielen großen 0,5 Liter Becher in den Händen der zumeist männlichen Kunden betrachtet. Diese stehen gerne an einigen Stehtischen vor dem Ausgabebereich des Cafes und reden stundenlang über Gott und die Welt. Dabei ist sicherlich auch das ein oder andere alkoholfreie Bier dabei, was bei dreißig Grad sicher empfehlenswerter sein dürfte. Allerdings läßt sich die Cruising Runde eine Etage höher mit einem echtem Bier viel leichter einleiten. Bei den zusammenstehenden Gruppen scheinen sich Heteros mit Homos zu mischen, eine interessante Mischung, die man so, besonders nackt, wohl nirgendwo antreffen kann. Einzig die Damen, ob mit oder ohne Begleitung gekommen, verbleiben zumeist lieber auf ihren Handtüchern und Strandkörben. Sie holen sich aber gerne mal ein Stück Obstkuchen, einen Brezen oder einen Tunfischsalat an ihren Platz. Die opulenten Strandkörbe kann man am Eingang des Bades mieten. Macht man dies ordnungsgemäß, dann verfügt man über ein Fähnchen, welches sich sichtbar als Zeichen der Legalität am Korb festmachen läßt. Regelmäßig Lautsprecherdurchsagen weisen darauf hin, dass das Belegen und Benutzen der Körbe ohne Fähnchen und Leihgebühr untersagt ist. An weniger stark frequentierten Wochentagen, scheint die Mehrheit der Strandkorbbenutzer im FKK Bereich kein Fähnchen zu haben, was dann aber auch keinen wirklich zu stören scheint.

Am Essen der Besucher sind die nahezu parasitär wirkenden Stockentengruppen interessiert. Sie torkeln regelmäßig lustlos durch den Sand vorbei und verweilen kurz mit schmachtendem Blick vor den an ihrem Weg liegenden Sonnenanbetern. Mit Erfolg, wie sich versteht. Der ein oder andere rückt ein wenig Brot heraus oder verfüttert seine letzte Nektarine, die aber nur halbherzig durchgekaut und wider ausgespien wird. Hat man einmal mit dem Füttern begonnen, dann erscheinen wie durch ein Wunder dutzende weitere Enten und man weiß, was man beim kommenden Besuch im Bad unterlassen wird, vorausgesetzt, dass man zehn Stockenten um sich herum nicht doch für niedlich hält. Viele Besucher verabreden sich im Bad. Deswegen kann man im Laufe eines Sonnentages immer wieder Begrüßungsszenen mit Sätzen wie „Schön, dass du da bist!“, „Mensch, du auch hier!“, „Ich wußte, dass ich dich hier finde!“, bis hin zu „Kennen wir uns nicht?“, „He, warst du nicht auch bei Dingsda?“, „ Ach so, ja, ich erinnere mich!“, „Mensch, wir haben uns ja schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen!“, erleben.

Ab dem frühen Nachmittag wird es natürlich deutlich voller, weil dann auch die Berufstätigen ins Bad strömen. Geöffnet ist recht lange. An regulären Tagen auf alle Fälle immer bis zum nahenden Sonnenuntergang. Eine Stunde vor Schließung, manchmal auch etwas früher, wird per Lautsprecherdurchsage auf das Ende hingewiesen, und dass Gehbehinderte, Rollstuhlfahrer und Kinderwagenbesitzer bitte rechtzeitig vor Schluß das Bad verlassen mögen. Die Strandkorbbesitzer werden aufgefordert ihre Fähnchen zurückzubringen, damit sie ihren hinterlegten Pfand zurückerhalten. Das Personal ist berechtigterweise darauf erpicht mit Dienstschluß auch nach Hause zu kommen. Die scheppernde Stimme des Ansagers klingt unerbittlich und etwas dramatisch. Und den Badegästen steht noch der Weg in die Stadt bevor.

Also mit Auto, Rad oder S-Bahn und das kann bekanntlich etwas dauern, bei den enormen Ausdehnungen des Berliner Stadtgebietes.

Das Strandbad Wannsee kann man natürlich auch ganz anders sehen, je nachdem, wie, wann und warum man hin geht. Es ist immer anders. Es ist aber auf alle Fälle einen Besuch und seinen Eintritt wert.


© Hagen Rehborn 2013

- alle Rechte vorbehalten -