Freitag, 26. Juni 2015

die seelen - zwei

strassen durch felder die zu neubaugebieten werden
reihenhaussiedlungen grenzen an baumärkte
das eine gebärt sich aus dem anderen 
wie wenn alter beton mit erde zu neuem baumaterial werde
arschlöcher ohne geld fühlen sich hier zuhause
sie grillen bis der garten lodert ohne wenn und aber
das machen hier alle so, weisser kies und koniferen
staubgefäßfreie blumen in steinkübeln ohne wasserabfluss
kurzfristig ist die langfristige devise, was heute glänzt
ist morgen schon im müll, gelbe tonne, wunderbar
noch etwas plastik gefällig, kein problem, und alles gehört
dir ganz alleine, denn wer teilt ist schnell verloren
komm, ich zeige dir mein geheimnis morgen

meine seele ist in etwas, was sich heimat nennt, aber dennoch kann ich nicht mit sicherheit sagen, dass es ein teil von mir ist. es ist sowohl geliebt, als auch verachtet, es ist das, was die selbstwahrnehmung nicht zur selbstempfindung werden lässt. die zweifel einer höchst ambivalenten kindheit, das besorgt sein um den ursprünglichen zustand der landschaft und umgebung wird abgelöst durch das entsetzen über die veränderungen, den neubauboom, das zupflastern von allem, was nicht bebaut ist, den zäunen und mauern, den unklarheiten beim aufeinandertreffen von betonfronten und fahrzeugzufahrten. die schwierige situation einer vorstadt, die rücksichtslos zwischen alten landwirtschaftlichen strukturen hochgezogen wurde um vertriebenen, neuankömmlingen und wohnraumsuchenden eine schnelle bleibe zu geben. den traum einer eigenen wohnung und eines neuen hauses. reihenhäuser und doppelhaushälften wechseln sich mit mietblöcken von genossenschaften und bundeseinrichtungen ab. spezifische arbeitgeber sind der unmittelbare flughafen, eine nahe bundeswehrkaserne, eine forschungseinrichtung, diverse vorstadtunternehmen. alle anderen müssen pendeln, die verkehrsanbindung für autofahrer ist optimal. eine nahe autobahn, ein nahes autobahnkreuz mit absoluter staugarantie in einer der am dichtesten bevölkerten regionen des europäischen kontinents. dreispurig für milliarden ausgebaut und ununterbrochen verstopft. die nahverkehrsanbindung ist schlecht, die sozialstruktur ist schwierig. die einkommenshöhe liegt im druchschnitt unter den erwartungen einiger sportstudioketten. der anteil sogenannter migranten konzentriert sich auf mietblöcke und hochhaussiedlungen aus den 60er und 70er jahren, welche bei ihrer erbauung demonstrationsviertel genannt wurden. die sich wie ein krebsgeschwür ausbreitenden eigenheime stellen in ihrer gedanklichen und baulichen armut den vorgipfel der sozialen ordung dar. besser sind nur noch die wenigen reichen, die aus irgendwelchen gründen ignorieren, dass sie an der falschen stelle in ihren schönen häusern wohnen. die wolkenformationen beeindruckten ihn sehr. es waren diese geballten mehrschichtigen berge, deren voluminös tittenhaftes weiss durch dunkle, bläuliche bis anthrazitfarbene schleier umkreist wurde. darunter erstreckten sich rapsfelder von unendlichen ausmaßen. diese mündeten in telegrafenmasten gesäumte feldstrassen, dahinter schimmerte wieder etwas gelbes, was in einen am horizont emporwachsenden mittelgrauen schleier versank. es regnete, da wo er nicht war und er konnte die krümmung der erdkugel spüren, er fühlte den regen, der an anderen stellen auf dem boden zu kleinen rinnsalen führte, die sich in pfützen größeren ausmaßes ergossen und gierig von den hellgrünen pflanzen aufgesogen wurde. die monotonie der landschaft wurde durch die erstaunlichsten wolkenformationen veredelt. er fühlte das recht auf erhabenheit. teil dieses kosmos zu sein, machte ihn zu einem priveligierten. er teilte sich sein priveligiertsein mit den lerchen, den krähen und den rüttelfalken. er bildete sich ein, dass sie seine freunde sein könnten. aber kein wilder vogel würde jemals der freund eines mannes sein.
die vögel wurden durch männer ausgerottet. ihre brutgebiete fielen der immer effizienter werdenden landwirtschaft zum opfer. der boden auf dem ihre nahrung gedieh wurde von männern zuplaniert und mit rechteckigen objekten bedeckt, in denen sich andere männer mit der vergiftung und der vermüllung der umwelt beschäftigten. aber das spürte er nicht, denn er sah nur sich und die von menschenhand gestaltete natur, deren aussehen rein garnichts mit dem zu tun hatte, was ohne menschlichen einfluss in der landschaft wachsen und diese prägen würde. natürlich gewachsen wäre ein dichter wald, der weder einen blick auf den horizont noch auf die phantastischen wolkentürme zuliess. ein wald, der so dicht gewesen wäre, dass ein mann sich darin verloren haben würde. aber es gab ihn nicht, diesen wald. und deswegen gab es die lerchen, die auf dem boden brüteten und steil in die luft flogen und dabei zwitscherten. sie waren die allegorie des zwitscherns. und den falken, der die myriaden von mäuse, welche in der menschgemachten landschaft lebten, jagen konnte und seine jungen damit ernährte. am rechten rand des blickfeldes gab es bäume, in die sich gerade ein regenguss aus dunkelgrauen schwanden ergoss. die bäume waren bestandteil einer grenzziehung. der übergang vom feld zu einem eingezäunten bereich. ein kleiner see, der aus dem abbau von kies zum zubetonieren anderere landschaftsbereiche entstanden war, markierte hier einen art umwaldeten bereich, der wie wildnis im vergleich zur landwirtschaftlichen zone wirkte. er kannte diese baggerseen, an denen man wunderbar in der sonne dösen und in ihrem kalten wasser schwimmen konnte. wenn sie nicht von angelvereinen oder den ursprünglichen kiesabauunternehmen zu verbotenen zonen erklärt worden waren. an einem baggersee hatte er in seiner jugend geschwommen und in der sonne gelegen. er hatte seine badehose nicht angezogen. vereinigung mit dem weichen wasser in der gestalteten natürlichkeit. alleine sein unter dem weiten himmel und der warmen sonne. sein geschlecht erregte sich am warmen wind. es erregte sich ohne das er es wollte. es war wie beim zugfahren und er musste eine menge bilder aufrufen um der erregung herr zu werden, unter den wolkentürmen, die sich im licht des nachmittags gelb zu färben begannen. und sich irgendwann an der grenze der siedlung mit der gärtnerei, die bald ein baumarkt werden würde, dunkelgrau abregneten. auf die gärten der reihenhäuser, deren seelen wie die entwurzelte knollen eines staudengartens doch sprossen. sie sprossen im dreitvierteltakt der tanzschule am rande des industriegebietes, in dem man seinen wagen mit besonders weichen stoffwalzen waschen lassen konnte. so sauber, so rein, wie die felder und die geteerten feldwege dazwischen. manche würden irgendwann eine strasse werden. das hätte man nicht gedacht vor zwei jahrzehnten, als man noch freihändig auf dem fahrrad zwischen den wegrainen radelte. kein gegenverkehr. ab und an ein anderer freihandfahrer und dann die alten, mit den schweren rädern, die pflanzensetzlinge in die schrebergärten fuhren. kohl, salat, tomaten auf holztabletts. schwalben, die wie schwarze kleine keile durch die luft schossen und unermüdlich insekten schnappten. sie brüteten unter der regenrinne der nachkriegskirche, vor der ein Jugendzentrum gebaut wurde, auf das manche farbbeutel warfen, weil sie nicht verstanden, warum der bolzplatz vor der kirche zerstört worden war. die schwalben sind fort und sie kommen im frühjahr nicht mehr wieder. die kirche wurde saniert, das dach wärmegedämmt. die schwebenden nester mussten weg. ihre gellenden schreie waren wie ein echo am himmel zu hören. 
der lärm hat zugenommen. mehr autos, mehr flugzeuge und mehr maschinen, die in den gärten der siedlungen ordung schaffen. rasenmäher und hächsler den ganzen tag. keine pausen mehr, denn irgend jemand hat immer zeit und ist zu hause. früher war man nicht zu hause, man war in der schule oder arbeiten oder in der kirche oder beim sport oder man war hausfrau und kochte ein essen, das heute als dreigeängemenü durchgeht. schmeckt aber anders, weil der hunger nachgelassen hat. graupen sind schwierig. ausgleichsflächen gibt es heute für die von der neuen bahntrasse verbrauchten felder. das ist einfach. sie pflanzen ein paar bäume an den wegesrand, nennen es landschaftsschutzgebiet. das steht auf dem schild was bald zu rosten anfangen wird, weil es von unbekannten als zielscheibe beschossen wurde. das was früher hässlich war ist heute weg. der schrottplatz mit dem wald aus brennesseln. das ausgebrannte haus mit den birken auf dem dach. schandflecken hat das meine oma genannt. was würde sie wohl sagen, wenn sie heute wieder zum leben erwachen würde. bestimmt gefiele ihr einiges recht gut. bevor sie starb hat sie beim katholischen priester in meinem dorf, welches nun zur vorstadt geworden ist, ein neues gebetbuch mit goldkante bestellt. im schuber aus schwarzem kunstleder, mit seidenbändchen und widmung unter einem modernen goldenen kreuz in tiefprägung auf der ersten seite. „für mein scheißerchen“ hätte sie drucken lassen sollen, aber sie hatte doch meinen echten namen gewählt. der priester hatte immer so saubere hände mit perfekt manikürten nägeln. und er roch nach altmodischem rasierwasser. seine stimme hatte etwas erotisches und seine haushälterin war gleichzeitig auch seine schwester. die hatte hochgesteckte haare mit grauen strähnen und man sah sie mit dem gebetbuch in der hand zur spätmesse eilen, nachdem ihr bruder schon früher in der kirche verschwunden war. seine schwarzen hosen hatten glänzende stellen vom zu langen tragen. und einen küster mit bart und dicker brille gab es, der nicht viel zu reden pflegte. er spielte die orgel und dazu ertönten die unsäglichen stimmen der großmütter wie sirenen aus den vorderen reihen. man hat ihn versetzt, nachdem seine pfarrei nicht mehr genug gemeindemitglieder hatte. er ging fort als die meisten kriegsvertriebenen verstorben waren und der glaube mit ihnen verschwand. der fronleichnamspravillon im vermüllten park wurde angezündet, die bänke wurden zu schuhabstreifern und die wirtschaftsgärten wurden zu rasenflächen. denn keiner hatte mehr zeit und kraft selber gemüse anzubauen. die discounter stehen nun an jeder ehemaligen feldweggabelung. das gemüse dort ist verhältnismäßig günstig und kommt aus spanien oder ägypten. radikale spritzmittel sind nicht mehr so leicht zu haben. das sollte den gärten helfen sich vom gemüseanbau zu erholen, aber ein teppichähnlicher rasen mit sitzgelegenheiten bietet nur sehr wenigen tieren einen lebensraum. ameisen stört das alles wenig und sie schleppen wie ehedem die läuse auf die pflanzen. hecken werden durch mauern, zypressen und oder zäune ersetzt. eine hecke gerade zu schneiden ist nicht einfach. man braucht viel erfahrung und ein gutes augenmaß. elektroscheren zerfetzen das blattwerk auf dem mehltau zu wachsen beginnt. wer will so etwas kompliziertes als aushängeschild vor seinem neu erworbenen haus.
sein ganzes anwesen in einem meer von kieselsteinen schwimmen lassen. da wächst nur noch moos, ausnahmsweise. tauben und ameisen waren die höhepunkte meiner kindlichen gartenaufenthalte. ameisen mit stöcken töten und vor den kreisenden taubenschwärmen schreiend in deckung rennen. die gibt es jetzt auch noch, aber sie sehen anders aus. schlanke brieftauben hat keiner mehr. die ringeltauben aus dem wald sind aus mysteriösen gründen nun schon so groß wie enten. gurrend füllen die ihren kropf mit vogelfutter aus dem baumarkt. manche vogelhäuser werden nun ganzjährig betrieben und nach dem ausbringen von frischen körnern gleicht die szenerie einem schwarm geier auf einer toten, bereits ausgeweideten giraffe in der serengeti. bis die katzen aus den häusern kommen und sich schnell einen singvogel schnappen, damit ihr tag einen sinn bekommt.
der himmel mit glühenden wolken am abend bleibt unberührt, das licht spielt mit der landschaft und den dingen, die man in ihr errichtet hat. bläuliche bis anthrazitfarbene wolkentürme, die vor dem abendrot immer dunkler erscheinen. im letzten licht verschmelzen sie mit dem was der horizont als kontur zu bieten hat. menschen wissen nur eines ganz sicher: sie werden sterben, früher oder später, wie die, die hier zuvor gelebt haben. wie der falke und die mäuse. da nützt kein wildkrautfreier vorgarten und kein tiefer gelegtes automobil etwas. allenfalls demut vor der größe des alls hinter den wolken, welches man zu sehen meint, wenn man sich nur lange genug auf einen punkt im blau des himmels konzentriert, hinter dem für lichtjahre nichts mehr kommt, als das unendliche vakuum. gott muss ein ziemlich merkwürdiger typ sein. ich glaube es gibt ihn nicht. manchmal.



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Montag, 4. Mai 2015

die seelen

die lebensfeindliche helle oberfläche 
einer designerküchenarbeitsplatte glänzt mikrobenfrei 
in einem großzügig geschnittenen wohnraum, in dem schmerzfreie
und farbarme zeitgenössische kunst auf papier und leinwand 
muffige aber erhabene stimmung verbreitet von können, bildung
und schrankwänden voller bücher, die man auswendig lernen musste

erbarme dich unser

durch das panoramafenster zeichnen sich spektakulärausblicke 
auf den alternativsten stadtteil einer für ihre ideenvielfalt, 
trendsetzende innovation und kulturelle vielfältigkeit bekannten 
europäischen großstadt im östlichen teil eines der reichsten und 
größten länder des westlichen europas ab, ohne dabei zu blenden,
denn energiesparen wird hier gelebt und wichtig genommen

erbarme dich unser

wer hier sein essen kocht und durch die scheiben nach
draussen schaut, weiss, was salonkommunismus ist, 
fühlt, wie sich die dinge immer wieder zum positiven wenden 
und hat schon mit bekannten persönlichkeiten aus film, 
theater und fernsehen getanzt ohne jemals das wesentliche
aus dem blickwinkel zu verlieren: zufriedenheit und glücklichsein

erbarme dich unser

in diesem meer aus wohlstand und achtsamkeit, 
in dem vegane ernährung gerne mit qualitativ hochwertigem 
rindfleisch von regionalen bauern aus der unmittelbaren ländlichen 
umgebung kombiniert wird, füllen die tränen für die, denen es nicht so gut geht, 
die halbrunde, nicht kratzbeständige, weisse badewanne eines bekannten amerikanischen designers, randvoll, bis der ablauf zu gurgeln beginnt

erbarme dich unser

im energieefizienten A+++ kühlschrank mit den ausmaßen 
des sportwagens auf dem angeblich bar bezahlten tiefgaragenstellplatz 
unter dem nüchternen wohnhausneubau, liegen die leichen, die man 
auf dem weg nach oben (geradeaus oder rechts oder links oder nach unten)
aus dem weg räumen musste, fein säuberlich zerlegt in kunststoffboxen aus der raumfahrttechnik, deren deckel nur von profis geöffnet werden können

erbarme dich unser

die ruhigen abende, an denen man sich wegen beruflicher überlastung
mit recht erschöpft zeigen darf, werden durch einen mehrere quadratmeter 
großen fernseher in unruhig flackerndes licht getaucht, welches das
graue und doch farbig leuchtende gesicht des zuschauers bei der betrachtung
des allzu fernen weltgeschehens mit hochgezogenen augenbrauen beleuchtet,
bevor es sich ängstlich und fragend der stummen und dunklen haustür zuwendet

erbarme dich unser

alles ist hier frisch, von den blumen, über die bettwäsche,
bis zum geerbten vermögen der verbitterten großtante
und doch ist ein grauer schleier, der wie ein film über der sogenannten
realität liegt, zu erahnen, dem selbst die befreundete akademische
reinemachefrau aus polen, als beste freundin in schweren zeiten,
nichts, außer einem weißen holzkreuz entgegenzusetzen hat

erbarme dich unser

das herz ist ein klumpen aus gold, dessen unveränderliches gewicht bei 
sinkenden erwartungen deutlich höher bewertet wird als bei allseitigem
wachstum - singet ein kyrie eleison und beugt auch vor dem kalb welches zum wohl der hedonisten an unterschiedlichen stellen der epidermis platziert werden kann, so wie es ihnen gefällt, denn sie wissen wie der hase läuft und wo der pfeffer wächst, wenn kein regen mehr fällt in dieses jammertal auf erden


erbarme dich unser

Hagen Rehborn © 2015 - all rights reserved

Montag, 8. Dezember 2014

Aussen und innen

Das tragisch Häßliche lag auf der Oberfläche. Oberfläche sah man zuerst. Das war irgendwie logisch. Überall sah er zerstörtes Gleichgewicht und verunreinigte Schönheit. Schönheit war fast überall möglich, doch nur in den seltensten Fällen gab es sie auch. Das Ausbleiben von Schönheit wurde durch Eingriffe des Menschen verursacht.  Alles das, was menschenfern war und somit frei von seinen Eingriffen, war automatisch schön. Diese Aussage wurde unwahr wenn er ins Detail ging. Es lag immer am Blickwinkel. Und wenn er an die Haut dachte, die er noch vor kurzem berührt hatte, dann konnte er sie spüren ohne sie zu sehen. Die Außenhaut machte manchmal einen Eindruck, dem das Innenleben nicht standhielt und umgekehrt. Sie interessierte sich nur selektiv. Sie konnte sehr einseitig sein.
Technische Funktionelemente, die nicht von außen bedient werden mußten, wurden zumeist innen liegend verbaut. Sie traten nach außen hin nicht in Erscheinung. Es wurden Verkleidungselemente entworfen um sie zu verdecken und zu schützen. Er dachte sofort an Automobile, deren innere und äußere Verkleidung eine Haut aus Stahl und Verbundstoffen war. Unter verkleidenden Schutzelementen, wie der Motorhaube oder dem Kotflügel befanden sich Funktionsmechanismen. An bestimmten Stellen hatte man den Zugriff auf bedienbare Elemente. Das waren Griffe, Schalter oder Pedalen. Manche Stellen waren mit gesicherten oder ungesicherten Zugriffsöffnungen versehen. Es waren Klappen,Türen oder andere loslösbare Teile, die in der Regel von außen für einen Benutzer sichtbar waren. Manchmal mußte man aber auch ihren zunächst unsichtbaren, geheimen Ort und die damit verbundene Bewandnis kennen um sie bedienen zu können. Waren sie gesichert, brauchte man einen Schlüssel oder ein spezielles Werkzeug um sie zu öffnen. So war es auch bei Toastern, Armbanduhren und Feuerlöschern. Im Grunde war die gesamte Lebensrealität des Menschen von solchermaßen aufgebauten Geräten erfüllt. Dabei war die Elektrizität in den meisten Fällen ihr einziger Antrieb. Eher ein Sonderfall war ein Verbrennungsmotor. Beide Antriebe mußten geschützt werden, damit die Energieleitungen oder die mechanischen Übertragungselemente nicht unterbrochen oder zur Verletzungsgefahr eines eingreifenden menschlichen Organismus wurden. Das Prinzip der Verkleidung von technischen Elementen nahm das Konzept des Körpers als Organismus auf. Der Organismus schützte sich, indem er innenliegend funktionierte. Von der ihn umgebende Haut oder Hülle wurde er von der Außenwelt abgeschirmt. Sie stellte das äußerlichste Schutzorgan dar. Alle anderen Organe, Flüssigkeitstransportsysteme und Elektroimpulsleitungen lagen darin oder darunter. Diese äußere Hülle war bedingt durchlässig. Sie machte neben dem Schutz vor der Außenwelt auch den Kontakt zu dieser möglich. Haut konnte Reize weiterleiten. Dazu gehörten das Temperaturempfinden und das Spüren von Berührung mit Objekten und Stoffen. Dafür war sie mit einer umfangenreichen Menge von Sensoren ausgestattet. Bei der Bewegung des Körpers im Raum konnte sie das Zusammentreffen mit anderen Objekten anzeigen. Sie machte Berührung spürbar. Die Haut war selbst ein Organ, multifunktional. Auch der Temperatur- und Feuchtigkeitsausgleich des dahinter befindlichen Organismus wurde von ihr geregelt. Nur an wenigen Stellen hatte die Haut Öffnungen, die ein Eindringen von außen ermöglichten. In ihnen befanden sich Sinnesorgane. 
Er hatte Augen, Ohren, Nase und Mund. Wenn er sich darauf konzentrierte, dann konnte er sie differenziert spüren. Licht drang durch die Augen. Geräusche drangen durch die Ohren. Durch die Nase wurden Gerüche wahrgenommen und mit dem Mund der Geschmack von Stoffen. Es waren die Informationen welche ihm einen Eindruck von der Welt gaben. Dieser Welt, in der er sich mutmaßlich befand und die er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit physisch nicht verlassen konnte. Diese Sinnesorgane machten den Körper im Raum erfahrbar. Somit waren sie für die Selbsterkenntnis im Raum unabdingbar. Ohne Sinneseindrücke war kein außen und ohne außen war kein Selbst im Anderen. Seine Nase und sein Mund waren zur Aufnahme von lebensnotwendigen Elementen zur Ernährung der Zellen und somit des gesamten Organismus notwendig. Sauerstoff und Nahrung für alle anabolischen Prozesse des Organismus. Ohne Anabolismus war kein Antrieb denkbar. Selbst die Formung seiner Gedanken war ohne Energiezufuhr unmöglich. Zellstoffwechsel. Anabolismus führte zu Ausscheidungsprodukten, die den Körper duch Öffnungen verließen. Die äußeren Geschlechtorgane und der Anus waren Zugänge die stimuliert werden konnten. Bei vielen Formen von Sexualität war deren Penetration lustvoll. Für das Zulassen des Eindringens von Körperteilen eines anderen Individuums wurde der Begriff Verschmelzung verwendet. Er verschmolz gerne mit dem Anderen, dem Objekt das außerhalb seiner Selbst einen artverwandten Organismus darstellte. Er wollte dessen Mund beim Küssen spüren und schmecken. Seine Nase schien den Geruch des Anderen in sein tiefstes Inneres zu transportieren und ihn damit zu erfüllen. 
In den meisten Öffnungen des Organismus befanden sich Schleimhäute, die sich in einigen Aspekten von der Haut der Außenhülle unterschieden. Seine Schleimhäute schienen feucht zu sein, er konnte sie nicht sehen, er kannte ihre Farbe nicht, also war seine Einschätzung über ihrer Beschaffenheit von Mutmaßungen geprägt. Er wußte aber, dass sowohl seine Nasenschleimhaut, als auch seine Darmschleimhaut Sekrete absondern konnte, die er schon gesehen hatte. Man konnte Schleimhaut anfassen und damit über die Außenhaut Kontakt mit dem Inneren aufnehmen. Sowohl mit seinem eigenen, als auch mit dem eines Anderen. Ihre Feuchtigkeit schien eine leichtere Leitfähigkeit zu ermöglichen. 
Die Haut als Außenhülle markierte die Grenze zwischen dem Selbst und dem was außerhalb von diesem lag. Dies war wahrscheinlich das Andere. Die Haut ermöglichte es dem Selbst sich als begrenzt wahrzunehmen. Das was nicht Bestandteil seiner Selbst war, spürte er als von sich selbst getrennt. Diese Differenzierung stellte die Trennung zwischen dem Subjekt und der es umgebenden Welt dar. 
Die lebende Haut war der Verkleidung von technischen Apparaten in ihrem Funktionsumfang überlegen. Sie war aber auch verletzlicher durch Einwirkung von Gewalt. Eine Metallplatte konnte viel stärkere Hiebe und Zusammenstöße ertragen ohne Schaden zu nehmen. Aber sie war nicht flexibel, wie die Haut, welche in gewissem Umfang gestaucht und gedehnt werden konnte, ohne Schaden zu nehmen. Metallplatten konnten sich zudem nicht selbst erneuern. Die Haut von Säugetieren konnte sich regenerieren und war damit eines der wenigen Organe, welches über diese Fähigkeit verfügte. Sie war in der Lage durch Gewebeneubildung Beschädigungen auszuheilen. Der Umfang dieser Fähigkeit war je nach Spezies unterschiedlich und ihr regeneratives Potenzial erstaunte ihn stets aufs neue. Synthetische Werkstoffe wie Metalle, Silikate und Kunststoffe verbogen oder zerbrachen. Werkstoffe, die von lebenden Organismen stammten, wie zum Beispiel Leder oder Pflanzenfaser waren belastbarer, da sie gewisse Eigenschaften ihrer ursprünglichen Funktion als Bestandteil eines lebenden Organismus beibehalten hatten. Regenerieren konnten sie sich allerdings nur bedingt, da sie faktisch tot waren und von ihrem ursprünglichen sie ernährenden Körper abgetrennt worden waren. 
Hauterkrankungen, die er kannte, waren bakterielle Infektionen, Milbenkrätze, allergische Schwellungen, Rötungen und Quaddelbildung, Pilzinfektionen zwischen den Zehen oder unter den Nägeln. Außerdem die allseits üblichen Formen von Hautunreinheiten, die man landläufig Pickel nannte. Bakterielle Infektionen konnten durch Streptokokken ausgelöst werden. Dabei entstanden nässende Hautstellen, bei denen offenbar eine Schicht der Oberhaut von den Bakterien weggefressen wurde. Dagegen half antibiotische Salbe oder auch antibiotische Tabletten, die vom Arzt verschrieben wurden. Die Behandlung mit Salbe war unproblematisch, nebenwirkungsfrei und sehr effizient. Eine Weitergabe der Infektion durch Hautkontakt oder in Hautkontakt befindlicher Gegenstände war möglich. Schlecht gereinige oder nicht desinfizierte Rasierapparate konnten zum Beispiel zu einem Befall des Gesichtes führen. Beim intensivem Küssen war eine Infektion der Mundschleimhaut möglich, auch wenn der übertragende Körper selber keinerlei Beschwerden durch die Bakterien erlitt. Milbenkrätze war ein parasitärer Hautbefall mit Milben, die unter der Haut lebten und sich dort Tunnel bohrten. Die von ihnen hinterlassenen Exkremente lösten starke allergische Juckreaktionen der Haut aus. Sie lebten gerne an Stellen, die warm, feucht und dunkel waren, also gerne im Intimbereich zwischen den Beinen, um die Genitalien. Sie verbreiteten sich von dort aber auch über den ganzen Körper, wenn man keine Gegenmaßnahmen ergriff. Seit einigen Jahren waren die wirklich effektiven Gegenmittel nicht mehr frei in der Apotheken verkäuflich. Sie mußten vom Arzt verschrieben werden. Ohne Rezept konnte man Präparate mit einem Wirkstoff, der aus Chrysanthemen gewonnen wurde, erhalten. Eine einmalige Anwendung reichte nicht aus. Diese mußte mehrfach wiederholt werden. Außerdem mußte die gesamte Wäsche, die in Hautkontakt gestanden hatte, mindestens bei sechzig Grad gewaschen werden. Ein Einlagern in der Tiefkühltruhe für mehrere Tage konnte auch erfolgversprechend sein. Dies wurde für nicht waschbare Gegenstände wie beispielsweise Schuhe und Winterjacken empfohlen. Er hatte es aber noch nicht ausprobiert. Übertragen wurde die Milbenkrätze zumeist bei Intimkontakten. Eine Infektion durch Gegenstände, die kurz zuvor von einer infizierten Person über den Körper gerieben wurden, beispielsweise ein Handtuch, war theoretisch auch möglich. Allergische Reaktionen auf der Haut kannte er seit seiner Kindheit. Sie reichten von kurzzeitigen Symptomen bis hin zu langwierigen Phänomenen, wie beispielsweise Hautflechten. Zur Behandlung wurden fast ausschließlich kortikoidhaltige Salben verwendet. Die Anwendung war einfach und zumeist erfolgversprechend. Bei langwierigen Reaktionen, deren Ursache nicht bekannt war, konnte die Behandlung scheitern. Über einen längeren Zeitraum verabreichtes Kortikoid führte fast immer zu einer eigenen Allergiereaktion des Körpers, die sehr schwerwiegend sein konnte. Bei Hautrötungen, die durch Unreinheiten, wie verstopfte oder überproduktive Talgdrüsen ausgelöst wurden, waren Corticoide sehr erfolgversprechend, aber wegen des Allergierisikos zu vermeiden. Er hatte damit einige leidvolle Erfahrungen machen müssen. Dafür waren säurehaltige Peelings und antibakterielle Waschlotionen, zum Beispiel angereichert mit Salizylsäure, eher zu empfehlen. Diese gab es in jedem Drogeriemarkt. Bei besonders hartnäckigen Pickeln half auch eine mit Jodtinktur versetzte Salbe, die aber die gesamte Wäsche rot verfärbte. Teebaumöl verstärkte die körpereigene Abwehr an der betroffenen Stelle, was die daran beteiligten Hautbakterien bekämpfte und zu einem Abklingen der Symptome führte. Es konnte aber auch allergische Reaktionen auslösen. Lavendelöl half die Rötung und Schwellung wegen seiner astringierenden Wirkung zu lindern. Es hatte auch antibakterielle Eigenschaften. Pilzinfektionen ließen sich sowohl mit Cremes oder Tabletten behandeln, die antimykotische Substanzen beinhalteten. Für Fußpilz, der sich durch juckende, gerötete und sich sich schuppende Stellen bemerkbar machte, halfen beispielsweise Cremes mit dem Wirkstoff Chlotrimazol. Diese waren rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Bei Fußnagelpilzinfektionen war die mehrwöchige Verabreichung eines Wirkstoffes in Tablettenform notwendig. Diesen gab es nach Test der Leberwerte auf Rezept beim Arzt. Die Verwendung von speziellen Nagellacken zu diesem Zweck, verringerte zwar die befallenen Stellen und deren Ausmaß, gänzlich beseitigen ließ sich die Infektion dadurch aber nicht. 
Kondome konnten all diese Erkrankungen nicht verhindern. Sie hatten damit im Grunde nichts zu tun. Trotzdem dachte er immer an Kondome, wenn er sich Hautkrankheiten vorstellte. Es war die diffuse Angst sich beim Liebesakt mit einer infektiöse Krankheit zu infizieren. Schlimm waren Hauterkrankungen immer. Egal, wie schwer ihr Bedrohungspotenzial für den Körper war. Sie waren außen und damit sichtbar. Sie entstellten und isolierten. Geschlechtskrankheiten entstellten und isolierten auch. Aber innerlich. Ihre Übertragung beim Liebesakt hatte Gewicht. Sie waren darauf spezialisiert in das Innere des Organismus einzudringen. Die Infektion durch einen Erreger hatte Analogien zur Verbreitung von Ideen. Eine Idee konnte sich in den Gehirnen anderer ausbreiten und ihr sehr wahrscheinlich existentes Meinungszentrum beeinflussen. Ideen drangen durch die Öffnungen der Sinnesorgane in den Körper. Sie stellten neuronale Stimulationen dar, die sich in den Gedanken des Infizierten manifestierten. Ideen waren Inhalte, die gedacht wurden. Sie stellten also einen denkbaren Inhalt dar. Mit großer Wahrscheinlichkeit gab es keine undenkbaren Ideen. Die denkbare Idee brachte ihm die Welterkenntnis und das Bewußtsein über sich selbst ein. Er dachte, also war er existent. Er war wahrscheinlich auch existent, wenn er nicht dachte. Er nahm das für seinen Tod oder den totalen Verlust seines Bewußtseins an. Aber das konnte er nicht wirklich durch Denken beweisen, da sein Denken nur über das Leben und das Sein möglich schien. Ein sinnvolles Denken über das Nichtsein und den Tod war reine Hypothese. Allerdings stellte auch die Hypothese bzw. ihre nächste Verwandte, die Phantasie eine Form des selbstdefinitorischen Denkens dar. Wenn er phantasierte, dachte er sich selbst. Die Ausdrucksform der Ideen war einerseits die Sprache, die als Instanz des kulturell geprägten Individuums, nahezu alles, was die real erfahrbare Welt darstellte, auch in Worte faßbar machte. Es gab einen sehr wahrscheinlichen Zusammenhang zwischen der Benennung und dem Denken. Wenn ein Individum etwas sah, hörte oder spürte, so war der Sinneseindruck in Worten beschreibar. Eine sprachlich formulierte Idee, die rezipiert wurde, war natürlich ohnehin ein in Worten ausgedrückter Gedanke. Mögliche Sprachen waren allerdings nicht nur Worte. Es konnte auch eine Sprache der Musik, der Berührungen oder der Farben sein, für die es keine umfassende Sprachbeschreibungen gab. Eine Sprache der Berührungen war möglicher Bestandteil einer Sprache der Liebe. Ihre Ideen waren die Liebe zu einem anderen. Hatten sich beide damit infiziert, so war es die Liebe zwischen zwei Individuen. Ihre Liebe konnte sich in unterschiedlichen Formen äußern. Eine sexuelle Idee der Liebe trachtete nach der innigsten Verbindung zwischen zwei Körpern. Eine Verschmelzung zweier Organismen im Rahmen ihrer körperlichen Möglichkeiten. Die gewünschte Durchdringung wurde durch Stimulation erziehlt. Stimulation konnte nicht nur körperlich durch Berührung an bestimmten Stellen erfolgen, sondern wurde zumeist auch durch den Austausch von Sinneseindrücken komplexerer Natur bewirkt. Die Aussage „Ich liebe dich“ stellte eine Idee dar, die vom Angesprochenen aufgenommen und erwidert werden konnte. Die Idee der Liebe stellte eine besondere Form der Infektion dar, denn sie löste mannigfaltige Veränderungen in der Selbstwahrnehmung aus. Das Selbst fand den Anderen. 
Die Herstellung einer dualen Systematik schien im Organismus als kaum überwindbares Bestreben angelegt zu sein. Die Idee der Liebe hatte selbstdefinitorische Aspekte, die tragfähige Bestandteile der menschliche Existenz erst sinnreich erscheinen ließen. Die Idee der Liebe war einer der erstaunlichsten Manifestationen im zentralen Nervensystem. Ihre Auswirkung erstreckte sich auf nahezu alle Bereiche des lebenden Organismus. Ihre Macht war vegetativ und mental grenzenlos. Sie erweiterte die Begrenzungen des Selbst im Körper. Sie machte die Ausdehnung des Ichs außerhalb des Körpers möglich. Die äußere Begrenzung der Selbstdefinition konnte durch die Idee der Liebe unendlich ausgedehnt werden. Er war sich sicher, dass diese Erfahrung zum Wichtigsten zählte, was er bis zu seinem Tod erlebt haben würde. Immer wieder, wenn er Bestandteil einer Liebesinfektion wurde. Es war die Kraft der wahrhaftigsten Imagination, in der das Selbst mit dem Anderen zu einer konstruktiven Einheit verschmolz, die sich gleichzeitig unendlich ausdehnen und unendlich komprimieren konnte. Beide Bewegungen waren verhälnismäßig identisch zu einander. Ihre Gleichzeitigkeit war kein Paradoxon. Diese Unendlichkeitserfahrung war unmittelbar und ungelenkt, sie unterschied sich von Phantasien und hypothetischen Konstrukten. Sie hatte eine Zwangsläufigkeit, die gesetzmäßig irrational war. 
Der Körper als Behältnis des Organismus war der unverzichtbare Ausgangspunkt für diese Selbsterweiterung, für die es keine Beweise als die persönliche Erfahrung gab. Es war eine axiomatische Empfindung. Er wußte, dass er Unendlichkeit empfinden konnte. Das Gefühl dauerte trotzdem spürbar nicht unendlich lange. Dies bewies nicht, dass es nicht auch in seiner Dauer unendlich sein konnte. Im Regelfall war es zeitliche begrenzt. Eine erfahrbare Begrenztheit, deren Auswirkungen eintraten, wenn es bereits vorbei war. Diese Empfindung unterschied sich insofern nicht vom Altersverfall des Zellgefüges Organismus. Alterungswahrnehmung war nur im Wegfall des vorherigen Zustandes fühlbar. 
Wenn der Kummer über eine verlorene Liebe einsetzte, war sie bereits beendet. Das eigentliche Ende hatte unmerklich eingesetzt. So war es auch mit schmerzenden Knien oder ruinierten Zähnen. Den eigentlichen Verfall hatte man nicht wahrgenommen. Nur das Ergebnis des Verfalls machte sich schmerzhaft bemerkbar. Er wußte nicht, ob Liebe sich im allgemeinen regenerieren konnte. Die Haut konnte es. Auch bestimmte körperliche Verfallsprozesse ließen sich überwinden und ausgleichen. 

Er ging zu seinem Sicherungskasten und öffnete die hermetisch in die weiß verputzte Wand eingelassene graue Kunststofftür, indem er einen Finger in den nach hinten wegdrückbaren Ausschnitt eines propellerähnlichen Griffsystemes steckte. Der zweite Rotorenflügel stülpte sich nach vorne, so dass er ihn mit dem Daumen und Zeigefinger drehen konnte. Der Zeigefinger ging dabei fließend aus der entstandenen Öffnung zum Anfassen über. Die Verriegelung wurde ab einer fünfundvierzig Grad Drehung gelöst. Hinter der Tür lagen in Reihen die Sicherungsschalter. Die oberen drei Reihen bestanden aus umlegbaren Schaltern, die entweder nach oben oder nach unten zeigten. Oben war eine eingeschaltete Sicherung. Unten war eine ausgeschaltete. Der umlegbare Hebel saß seitlich eingeklemmt jeweils im oberen Drittel auf einem hellgrauen erhabenen Kunststoffrechteck. Drei Viertel der Schalthebel waren schwarz glänzend. Die anderen waren weiß und befanden sich an der rechten Seite in einer Doppelreihe. Diese Hebel waren etwas größer als die anderen. Unter den drei Reihen schwarzer Hebel lag eine komplette Reihe mit einschraubbaren Einwegsicherungen, die aus Keramik bestanden und an den Kronkorkenverschluß einer Flasche erinnerten. Im Zentrum der hellgrauen Keramikform gab es ein kleines rundes Glasfensterchen. Unter diesem lag eine Schlaufe aus Metalldraht. Er begann die Hebel der Reihe nach umzulegen. Er hatte die Instruktionen, die sich auf der Innenseite der Schütztür auf einer Liste befanden, nicht gelesen. Auf dieser Liste konnte man sehen, welche Sicherung für welchen Stromkreis zuständig war. Dieses wissen brauchte er jetzt nicht. Nachdem er alle Hebel nach unten gelegt hatte, drehte er die keramischen Sicherungen heraus und und steckte sie sich der Reihe nach in die Hosentaschen. Das hatte etwas von einer symbolischen Handlung, auch, weil es wahrscheinlich nicht notwendig war alle diese Sicherungen zu entfernen. Nachdem er sämtliche Stromkreise der Wohnung unterbrochen hatte, schloß er die in die Wand eingelassene Tür wieder mittels des eindrückbaren Kunststoffmechanismus. Jetzt war Ruhe und er konnte sich auf das Wesentliche konzentrieren. Seine Bilder. Symbolisch die Verbindung an das Netzwerk der Kommunikation unterbrechen. Das ging nicht über einen langen Zeitraum. Am Ende taute womöglich das Gefrierfach auf. Nicht elektrische Mechanismen funktionierten unbeeindruckt. Sein Körper fühlte unverändert den Schmerz des Alleinseins. Warmes Wasser stieg nach oben und das Glas der Fensterscheiben wurde von Photonen durchdrungen ohne die er seine Bilder nicht sehen konnte. Sie waren nicht sichtbar, wenn es kein Licht gab. Er war auch nicht sichtbar ohne Licht, aber er war spürbar und hörbar. Man konnte ihn im Dunklen anfassen. Das traf auf seine Bilder nur bedingt zu. Er fühlte sein Geschlecht und dachte an das was in den letzten Nächten geschehen war. Seine Erregung funktionierte fast automatisiert ohne Strom. Für sie brauchte er nur ein Bild. Eines, welches sich aus der Erinnerung in seinem Kopf manifestierte. Es war das Bild einer Person, deren klare Versinnbildlichung ihn konkret überforderte, aber deren diffuse Imagination ihn sehr zu erregen vermochte. Er liebte.

- für Daniel -


© Hagen Rehborn 2014

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Samstag, 6. Dezember 2014

weisse Flecken

die Seele im schmelzenden Eis
Vollmondlicht über einer glasklaren,
für die Jahreszeit weitaus zu milden südwestlichen
Luftströmung aus Nordafrika

diese funkelnden Sterne blinken
und dann sind sie wie weiße Flecken,
ohne jegliche Veränderung,
wer hätte das gedacht, nordafrikanische Luft macht geil

die weißen Flecken auf deiner Haut
werden im UV Licht der Blumenlampe sichtbar
Zitronengeranien und Zungenküsse, südöstlicher
Balkon mit kalten Händen, Nasenbluten

die Gedanken versteckt unter
moderndem Kunstrasenstück mit Pflanzringen
die Pfützen an den Überwegen so gross wie Teiche
dieser Spagat würde zu Verletzungen führen

komm und spring auf das Wasser
es klatscht und gurgelt so fröhlich beim wegschlucken,
selbst wenn du sportlich bist, deine Socken sind naß

Sternenbilder in den Augen, deren Bedeutung keiner kennt,
müssen nicht verfiziert werden um einen gewissen Glauben 
an das Schicksal auszulösen

wenn du geil bist, bin ich es auch
wenn du wütend auf mich bist, kann ich nur auf die milde südwestliche Luftströmung verweisen, denn das hat etwas miteinander zu tun


© Hagen Rehborn 2014 - all rights reserved













Montag, 14. Juli 2014

auf dem boden

ich liege auf dem boden und lausche den geräuschen
die durch das geöffnete fenster zu mir kommen
autos, motorräder, flugzeuge
maschinen um den raum zu durchqueren

schritte auf dem pflaster
eine frau spricht mit einem kind
mit einem hund spricht ein mann
ich denke, dass ich mit dir spreche

im nachbarraum wird mit klammern 
etwas auf etwas anderem festgetackert
der hund bellt, der sommer ist warm
ich habe dich getroffen und deine haut ist immer heiss

ich stehe auf, will den raum verlassen
dabei schaue ich auf den laptop am fenster
ich sollte ihn schließen, man weiß nie
die vögel in den bäumen zwitschern so laut

vielleicht fliegt ein gegenstand durchs fenster
er durchschlägt das display und den tisch
ein meteorit, der es bis hier hin geschafft hat
unter millionen gibt es immer nur einen

ich schließe die tür hinter mir, alles still
ich wäre gestorben, wäre ich dabei geblieben
ich mache mir einen kaffee in der küche
der wasserkocher rauscht wie das meer

als ich zurückkehre hat sich alles verändert
meine liebe zu dir ist ein unendliches gefühl
blätter rauschen wie nie zuvor
rosen auf dem tisch aus tusche

© Hagen Rehborn 2014

Montag, 28. April 2014

Durchbruch























Kurator:
Schön, dass sie auch bei diesem Ausstellungsprojekt mitmachen wollen.

Künstler:
Wie sollte ich absagen. Ich kann mir meine Ausstellungen nicht aussuchen.
Was möchten sie denn von mir zeigen?

Kurator:
Ja, was ihren Beitrag anbelangt ... 
Wenn sie ein Wandobjekt beisteuern wollen, dann wird es etwas knapp mit dem Platz. Da ist eigentlich schon alles vergeben. Da ginge noch eine Skulptur im Raum oder eine performative Arbeit.

Künstler: 
Meine Skulpturen werden wenig gezeigt. Wahrscheinlich, weil sie recht transportaufwändig sind. Und man benötigt einen Sockel für so etwas. Würde der Transport von ihrer Seite getragen und wird es Sockel vor Ort geben?

Kurator:
Du lieber Himmel, nein! Wir können keine Transporte bezahlen. Geschweige Sockel stellen. Wir können ja froh sein, wenn sich die Einladungskarte durch freiwillige Beiträge jedes Künstlers finanzieren lässt. In diesem Zusammenhang möchte ich sie auch bitten, eine Summe ihrer Wahl beizusteuern. Im Durchschnitt hat jeder Künstler bisher dreissig bis fünfzig Euro gegeben. Sie werden dann natürlich auch namentlich auf der Karte erwähnt ...

Künstler:
Hmm, ja, ich habe Schwierigkeiten diesen Monat. Meine Ateliermiete schulde ich schon für 3 Monate und ich kann mir derzeit eigentlich kein Essen mehr kaufen. Ich kenne auch niemanden, den ich mit einer solchen Karte einladen könnte. Wäre es auch möglich eine performative Arbeit zur Eröffnung zu realisieren?

Kurator:
Ja, natürlich. Wie ich schon sagte, da hat sich noch niemand gemeldet, der so etwas machen möchte … Wie lange soll das denn dauern, was sie da machen wollen?

Künstler:
Ich weiss nicht genau. Ab einem bestimmten Punkt habe ich keine Kontrolle mehr über den Verlauf. Das Ende hängt von Faktoren ab, die ich nicht genauer bestimmen kann. Ich denke aber, dass nach einer halben Stunde das Interesse des Publikums abgeklungen sein wird. 

Kurator:
Eine halbe Stunde ist gut. Länger sollte es tatsächlich nicht dauern. Das Publikum macht so etwas heutzutage nur über einen bestimmten Zeitraum mit. Dann lässt die Konzentration rapide nach. Was planen sie denn?

Künstler:
Ich dachte an eine öffentliche Selbstverbrennung. Ich stelle mich vor den Ausstellungsraum ins Freie und schütte den Inhalt eines Benzinkanister über mich. Dann entzünde ich mich mit einem Streichholz oder einem Feuerzeug selbst. Man könnte den Vorgang filmen. Ich selbst kann nach Abschluss der Performance ja nicht mehr viel Einfluss auf eine Dokumentation nehmen.

Kurator:
Sehr schön, machen sie das. Schauen sie nur, dass es keinen Dreck gibt und die Zuschauer nicht gefährdet werden. Solche Performances sind ja für die Besucher ein echtes Wagnis, wenn man keine Rücksicht nimmt. Aber ich kenne sie ja und weiss, dass auf sie Verlass ist. Es freut mich, dass sie sich mit so einer eindrücklichen Arbeit präsentieren wollen. Die Ausstellung wird sicher einige Aufmerksamkeit in der Stadt auf sich ziehen. Davon profitieren natürlich zuallererst die teilnehmenden Künstler ... Dokumentieren können wir das sicherlich nicht. Haben sie jemanden, der es aufnehmen könnte?

Künstler:
Ja, das regle ich. Freut mich, dass ihnen meine Idee gefällt. Ich kann ihnen zusammen mit meiner Vita eine Zusammenfassung des Konzeptes zumailen, wenn sie wollen.

Kurator: 
Aber nicht mehr als fünf Sätze bitte! Da will ja jeder mit seinen Sachen erwähnt werden. Das geht natürlich nicht. Ich kann nur einen repräsentativen Querschnitt in der Presseerklärung unterbringen. Selbstverbrennung als Performance ist aber sicher ein guter Aufhänger für die Eröffnung. Der ein oder andere möchte sich das vielleicht nicht entgehen lassen.

Künstler:
Sicherlich wird jemand aus meinem Freundeskreis bereit sein meine Selbstverbrennung zu filmen. Dann hätten sie auch etwas für ihre Dokumentation. Aber einen Katalog gibt es ja eh nicht.

Kurator:
Kataloge sind etwas für Spiesser, das wissen sie doch  Sehr schön! Ich muss jetzt Schluss machen. Unsere Absprachen stehen ja. Und bitte mailen sie mir ihre Sachen noch bis zum Wochenende. Ich bin ab Sonntag für zwei Wochen in der Toskana und habe so viel um die Ohren. Manchmal weiss man nicht was man zuerst tun soll.

© Hagen Rehborn 2014 - all rights reserved











Samstag, 30. November 2013

Am Morgen


Er erwachte, als die Sonne von der gegenüberliegenden Fassade auf sein Schlafzimmerfenster reflektiert wurde. Er fühlte sich angeschlagen. Das helle Sommerlicht verbreitete einen leichten, unsagbaren Angstfilm im Raum. Dieser war sonderbar klar und präsent, wie der Schärfefilter bei der Nachbearbeitung eines Fotos. Er stand auf. Kissen und Bettdecke aufschütteln. Gedanken an seine Mutter. Aufräumen und Putzen entspannte. In der Küche war noch Kaffee von Gestern. Er mischte ihn mit Milch aus dem Kühlschrank. Rechner und Router im Arbeitszimmer anschalten. E-Mails abfragen. Er wurde nirgends gebraucht. Ein Download-Link für ein paar Fotos, die sich auf eine Ausstellung irgendwann im kommenden Jahr bezogen. Er versuchte sich beim zuständigen Internetportal anzumelden. Nicht möglich. Ein Gefühl von Unfähigkeit kam auf. Er mailte dem Absender, dass man ihm die Bilder verkleinert als Anhang direkt zuschic­ken möge. Die Bewerbungs-aufforderung für eine Kunstmesse in Los Angeles. Mit Abbildungen der künstlerischen Arbeiten bewerben und nebenbei eine Teilnahmegebühr bezahlen. Das Geld wurde in keinem Fall zurückerstattet, da es zur Abdeckung des Bearbeitungsaufwand dienen sollte. Die Arbeiten würden nicht ausgewählt werden. Er nahm an, dass die Organisatoren gut davon leben konnten. Früher war er auf so etwas schon einmal hereingefallen. Künstler als Zielgruppe, ein ganzer Markt, von Materialien, Karrierevisionen, überteuerten Atelierflächen und nicht eingehaltenen Versprechungen. Alles ganz seriös mit stetiger Nachschubgarantie. Eine Liste von zu erledigenden Dingen klebte am unteren Rand seines Bildschirms. Darauf stand „Nachschlagen Wikipedia Bipolare Störung, Hefe und Mirabellen kaufen, Umsatzsteuervoranmeldung zweites Quartal“. „Die bipolare Störung ist durch einen episodischen Verlauf mit depressiven, manischen, hypomanischen oder gemischten Episoden gekennzeichnet: Depressionen zeichnen sich durch überdurchschnittlich gedrückte Stimmung und verminderten Antrieb aus. Eine manische Episode ist durch gesteigerten Antrieb und Rastlosigkeit gekennzeichnet (...). Dabei ist die Fähigkeit zur Prüfung der Realität mitunter stark eingeschränkt, (...). Betroffene erscheinen wegen ihrer Kreativität in der manischen Episode als charismatische Persönlichkeiten.“ Das war das all­seits bekannte bürgerliche Theorem von Genie und Wahnsinn. Ihm war unklar, ob seine Gemütsschwankungen dort einzuordnen wären. Er kannte einige Psychater aus dem Ausstellungsbetrieb. Sie sammelten Kunst. Sie begeisterten sich für die Form und den Status. Die Entbergung des Unaussprechlichen, welche möglicherweise in einem tatsächlichen Kunstwerk stattfand, war ihnen nicht bewusst. Sie ahnten nichts von einer Wahrheit hinter der Wahrheit. Es waren eher pragmatische Wesen. Wie sollten sie seine geistige und emotionale Verfassung beurteilen. Sein Nachbar im ersten Stock gegenüber hatte das obere Küchenfenster geöffnet. Er sah ihn mit freiem Oberkörper an irgend etwas vor sich hantieren. Das hohe Fenster mit Austritt neben der Küche war geöffnet. Er sah einen weißen Vorhang rechts und links hinter den Flügeln herabfallen. Er schloss die Augen und öffnete sie wieder. Das war ein echter Schock. In den drei Jahren, in denen er hier wohnte, war es von innen mit Karton verschlossen gewesen. Wie hermetisch abgeriegelt schien es niemals geöffnet worden zu sein. Bis heute. Er sah die gleichen Regale wie im Wohnraum rechts davon. Das Bett direkt davor mit wenig Platz. Er konnte nur dessen Fußende sehen. Die Friseurin im Vorderhaus hatte ihm vor ein paar Wochen versichert, dass das Fenster schon seit fünf Jahren verdunkelt war. Und jetzt standen die bis zum Boden reichenden Fensterflügel weit offen. Das Doppelfenster des Wohnraums links davon war auf einer Seite durch eine hellbraune, leicht schief hängende Jalousette aus Elefantengras, die rechte Seite durch eine dagegen gelehnten Biertischplatte, nur mäßig verdeckt. Sichtbar durch die freien oberen beiden Fensterflügel, an der Altbaudecke, eine unangenehm neutral wirkende Lampe mit vier verchromten Armen, in die Energiesparbirnen gedreht waren. Dahinter die gleichen Holzregale wie im jetzt offen stehenden Schlafzimmer. Entgeistert wendete er sich ab. Zwei Jahre lang hatte er Visionen von dem gehabt, was sich hinter dem Fenster abspielen mochte. Er dachte an erotische Spiele, eine Konstruktion zum Fixieren und Positionieren einer Person. Eine Gefangene. Ein Gefangener. Exotische Tiere, die nur nachtaktiv waren. Oder so etwas wie eine Dunkelkammer zum Erstellen von Fotoabzügen. Dann vermutete er pathologische Schlafstörungen, Lichtempfindlichkeit, Albdruck. Er dachte an ein Tonstudio, nachdem im Fensterausschnitt des Wohnraumes ein kostspielig aussehendes Mikrophon auf einem Stativ aufgetaucht war. Seitdem er in dieser Erdgeschosswohnung lebte, verging kein Tag, an dem er nicht auf die Fenster gegenüber im ersten Stock schaute. Häufig dachte er nicht über das Dahinter nach. Seine Augen klebten einfach nur an diesem Karton, der die Scheiben von innen komplett verdeckte und der Reste einer roten Beschriftung aufwies. Er ertappte sich dabei, wie er bei seiner Rückkehr von Besorgungen, beim Durchschreiten des Hofes, stets zunächst auf das verschlossene Fenster schaute und dann auf die Fenster rechts und links davon, bevor er sich seinem Hausflur zuwandte. Es gab ein drittes, ein schmales Badezimmerfenster. Hinter dem, höchstwahrscheinlich genauso wie in seinem Bad, sofort die Duschwanne begann. Er sah den Duschvorhang an einer gebogenen Stange durch die Scheibe scheinen. Dieser hatte vor einiger Zeit gewechselt. Ein einfarbiger cremeweißer Vorhang wurde gegen ein Modell mit großen, rot-weißen Blumen auf hellgrünem Grund ersetzt. War das Licht am Abend im Badezimmer erleuchtet, stellte er sich vor, wie der Nachbar duschte. War eine Lichtquelle in einem anderen Raum auszumachen, stellte er, je nach Lichtfarbe, Mutmaßungen zu dessen Beschäftigung an. Seine Verblüffung ließ nicht nach. Er wandte sich immer wieder dem geöffnete Fenster zu. An der Decke hing die gleiche Lampe, wie im Wohnraum daneben. Diese mehrarmige Konstruktion mit unverdeckten Glühbirnen. Am Rande zur Geschmacklosigkeit. Aber das war schwer zu beurteilen, wo doch jedes Einrichtungselement ein Zitat oder das Zitat eines Zitates sein konnte. Die Auflösung des Fenstergeheimnisses war maßstabslos. Er hatte Schwierigkeiten zu begreifen, dass hinter den verschlossenen Fensterflügeln eine solche Banalität darauf gewartet hatte enthüllt zu werden. Vielleicht hatte der Bewohner vor dem Öffnen eine Art simulierten Normalzustand hergestellt. Er wünschte sich, dass ihm etwas einfallen könnte, was die Ödnis seines Eindrucks weniger deprimierend machen würde. „Ce qui est passé près de chez vous“ hatte er vor Jahren eine blutige Installation genannt, die sich in Anlehnung an einen belgischen Film mit der Enthüllung des Grauenvollen hinter der alltäglichen bürgerlichen Fassade beschäftigte. Hier war es wie das Verschwinden einer Fatamorgana. An deren Stelle fand sich nichts außer noch mehr Sand. Auf dem Tisch neben seinem Fenster lag ein Stapel Papierbögen. Neue Entwürfe für ein Männerportrait mit Halsketten. Er beabsichtigte einen gealterten prominenten Modedesigner, der sich sichtbar unzähligen plastischen chirurgischen Eingriffen unterzogen hatte, mit einem jugendlich athletischen Oberkörper darzustellen. Um den Hals wollte er ihm zwei Ketten hängen. Einen dieser in den siebziger Jahren weit verbreiteten silbernen Sternzeichenanhänger, an einer ganz schmalen Gliederkette und einen sechsundzwanzigkarätigen kanariengelben Diamanten, der „Star of India“ hieß und an einer kunstvoll gearbeiteten Platinkette hing. Der Stein war mit viertelkarätigen weißen, in Smaragdform geschliffenen Diamanten eingefasst und befand sich im Besitz des Sultans von Brunei. Sein Interesse an kostbarem Schmuck und farbigen Diamanten war erst vor kurzem erwacht. Seit dem er diese Wohnung bezogen hatte, verfügte er zwangsweise über einen zu bezahlenden Kabelfernsehzugang. Jeder Mieter des Hauses hatte die dementsprechende Klausel in seinem Mietvertrag. Nach anfänglicher Abwehr, ermöglichte ihm nun ein alter Videosichtmonitor, den Empfang etlicher Sender. Darunter befand sich einer, in dem von reizenden Moderatoren, geschätzte achtzehn Stunden täglich, als Schmuckstücke gefasste Edelsteine verkauft wurden. Am Anfang machte er sich über die als Versteigerungen mit sinkendem Preis verpackten Verkäufe lustig. Aber nach einiger Zeit bemerkte er, dass ihn besonders die so genannten Highlight-Versteigerungen, bei aller ironischer Distanz gegenüber dem Medium, faszinierten. Bei ihnen wurden, mehrmals über den Tag verteilt, besonders große Edelsteine angeboten. Das Betrachten der funkelnden Objekte, welche von den sorgsam manikürten Fingern der Moderatoren gehalten wurden, bereitete ihm unsagbares Entzücken. Er begann sich für berühmte und besonders wertvolle Schmuckstücke zu interessieren. Die angeblich magische Wirkung auf ihre Besitzer schien bei vielen so genannten Fachleuten eine ausgemachte Sache zu sein. Schon bald versuchte er auf seinen Bildern Schmuckstücke mit solchen Edelsteinen zu malen. Die nicht luziden Farbwerte der für Maler zur Verfügung stehenden Farbpasten, wurden aber weder den feurigen Steinen, noch den verwendeten Edelmetallen gerecht. Eine wahrhaftige Darstellung war nur durch eine Bewegung in der Lichtbrechung möglich, also mittels Video- oder Filmtechnik. Ohne Bewegung schien ihm die Definition eines Betrachtungsraumes von Bedeutung, in dem die Stücke plausibel zur Geltung kamen. Sie waren für das Tragen auf Haut bestimmt, also malte er sie auf nackten Körpern. Er überlegte, welchen Raumbezug er dem neuen Männerportrait geben könnte und schaute erneut auf das geöffnete Schlafzimmerfenster gegenüber. Nach einem kurzen Moment des Zögerns, wurde ihm klar, dass er die dort befindlichen Regale und die Lampe als Hintergrund für das Portrait verwenden wollte, ja musste. Dafür benötigte er eine Fotografie. Er holte seine Kamera aus einem Schubladenschrank, setzte ein Teleobjektiv auf und begab sich in sein Schlafzimmer, von wo aus er einen frontalen Blick auf das Fenster hatte. Die Altbauscheiben verzerrten den Durchblick. Er öffnete die beiden unteren Fensterflügel und stellte das Objektiv scharf. Bei zweihundert Millimeter Brennweite konnte er nun auch sehen, dass auf den Holzregalen halbtransparente Kunststoffboxen standen, wie sie derzeit häufig in Einrichtungshäusern verkauft wurden. In ihnen schimmerten die darin aufbewahrten Dinge dunkel hervor, ohne dass man erkennen konnte, um was es sich handelte. Er versuchte den richtigen Ausschnitt zu finden und drückte auf den Auslöser. Im Sichtfenster erschien das gemachte Bild. Er versuchte es noch einmal. Jetzt mit etwas mehr Fassadenumfeld. Schließlich konnte er den nackten Modemacher auch in Ganzkörperansicht malen, wie er gerade aus dem Raum in das geöffnete Fenster trat. Er schaute durch das Okular und löste aus.   Plötzlich erschien im Fenster der Nachbar. Er trug nach wie vor nur seine Jogginghose und schaute direkt auf ihn, wie er mit der Kamera auf das Fenster zielte. Dann grüßte er mit winkender Hand, drehte sich um und zog seine Hose für einen Augenblick soweit herunter, dass man seinen nackten Hintern sehen konnte. Dann drehte er sich wieder um, schloss grinsend die Fensterflügel und zog die weißen Vorhänge davor. Er ließ die Kamera sinken. Die Sonne schien.

© Hagen Rehborn 2013
(all rights reserved)

(Die Handlung dieser Erzählung ist frei erfunden und jede Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder Situationen ist rein zufälliger Natur - this story is  fictional and any resemblance to person living or dead is purely coincidental.)