Donnerstag, 29. August 2013

Strandbad Wannsee




Das Berliner Strandbad Wannsee erreicht man, wenn man von der S-Bahn kommenden an der Haltestelle Nikolassee die im Volksmund genannte Spinnerbrücke überquert. Unter diese verläuft die A 115, auch als ehemalige Avus Autostrecke bekannt. Man geht am Rasthof Grunewald vorbei, nicht ohne mit tellergroßen Augen, die dort zu fast jeder Tageszeit herumstehenden Motorräder zu bestaunen. Der dortige Motorradtreffpunkt ist in Berlin allseits bekannt und am Wochenende parken die von den Besitzern aufgemotzten Prachtstücke in Dreierreihen vor der links der Straße liegenden Gastronomie. Warum die Motorradspinner sich hier in Scharen treffen ist etwas unklar, scheint sich aber gut und gerne dem männlichen Verhaltensritual „Schau dir meinen an, der ist größer als deiner“ zuordnen zu lassen. Vom Rasthof läuft man noch fünfzehn Minuten durch den Grunewald. Am Wochenende auch schon an am Straßenrand illegal parkenden Fahrzeugen der Strandbadbesucher vorbei, die auf dem zu klein geratenen offiziellen Parkgelände rechts vor dem Bad keinen Platz gefunden haben oder aber ihr Prachtauto zur Freude der Passanten und der Politessen einfach etwas exponierter unter einem absoluten Halteverbotsschild platzieren wollten.

Der Eingang des Strandbades ist unauffällig. Ein großer Platz vor dem Kassenbereich ist mit Bänken ausgestattet. Sein Rad darf man an einigen merkwürdig aussehenden Metallgittern anschließen. Aber auch nicht an allen. Es gibt Warnhinweise, dass es an manchen Stellen untersagt ist. Dabei bleibt im Dunklen, was der Grund dafür sein könnte. Feuerwehrzugänge und Fluchtwege sehen in einem Waldgelände vielleicht anders aus, als man denken würde. Es gibt mehrere Eingänge, die mit Kassen ausgestattet sind, von denen aber nicht alle besetzt sind. Es staut sich gerne mal, denn die Rechneranlage und die Ticketdrucker scheinen Störungen zu haben. Dann starrt das Personal sehr konzentriert auf den Monitor und nichts geht mehr. In der Schlange realisiert man schnell, dass unter den Strandbadbesuchern einfach alles vertreten ist. Die Gespräche sind teilweise erstaunlich. Es wird auch mal unverhohlen über Wildfremde in der Schlange hergezogen, ohne auch nur ansatzweise darauf bedacht zu sein, dass die Betroffenen es nicht hören können. Vor einem Sonnentag am See scheinen die Leute sich gerne unbefangen auszutauschen. Das Ticket benötigt man am modernen Durchlaßdrehkreuz nach der Kasse, wo man es in einen Barcode-Leser halten muß. Danach kann man es wegwerfen, am Ausgang benötigt man es nicht mehr. Ein System, dass es für die gesamten Berliner Bäderbetriebe gibt. Dabei müssen erstaunliche Mengen von bedrucktem Papier pro Tag anfallen. Dahinter folgt eine bebaumter Platz mit Bänken, zur Rechten steht das modernistische Verwaltungsgebäude des Bades und weiter vorne, zum tiefer gelegenen eigentlichen Gebäude des Strandbades auf Seeniveau hin, gibt es einen kleinen Schmuckteich und Bodenschachbretter mit Riesenfiguren.

Eine sehr idyllische Kurbadatmosphäre stellt sich ein. Man läuft auf den Wannsee zu, der den ganzen Horizont einnimmt. Hält man sich jetzt schon weiter rechts, wird man mit Hinweisschildern zum FKK Bereich geführt. Das Gebäude des Strandbades, welches in seiner jetzigen modernistischen Fassung Ende der goldenen Zwanziger errichtet wurde, kann man über große Freitreppen, die auf einen Untergang zuführen gewissermaßen unterschreiten. Die riesigen Umkleidekabinen und WC-Anlagen befinden sich im ersten Stock und darüber gibt es weitere Sonnenterrassen. Auf Seeniveau mit ausgedehntem hellem Ostseesandstrand befinden sich weitere WC‘s und Duschen, im bekleideten Badebereich sogar ein Friseur, ein Schönheitssalon und ein Café-Bistro. Ein weiteres Selbstbedienungscafé mit Stehtischen und Sitzgelegenheiten findet sich auch am rechten Ende des Komplexes, wo es den Getränke- und Nahrungsstützpunkt des dortigen FKK Bereiches darstellt. Der FKK Bereich ist durch einen größeren Sichtschutz vom Bekleidungsbadebereich getrennt und zeichnet sich durch eine etwas geringere Frequentierung aus. Der Nacktbadeabschnitt beginnt mit einer sehr alten und großen Erle, welche auf den Badestrand Schatten spendet. Danach läuft der Strand am Gebäude vorbei und geht dann in einen etwas wilderen Abschnitt über, auf dem Dünengrasinseln wachsen und ein paar Trauerweiden am Wasser stehen. Hat man sich in der recht dichten Menge von Menschen ein Plätzchen gesucht und sein Handtuch ausgebreitet, wird einem schnell klar, dass die Stimmung so ist, wie man sie sich in einer FKK Kolonie schon immer vorgestellt hat. Es gibt eine schwarzbraune Seniorenfraktion, die, da offenbar Frühaufsteher, ganz dicht am Wasser, ihre Grilliegen an Premiumpositionen aufgebaut haben. Ihre Hautfarbe stellt ein changierendes rötliches Schwarzbraun dar, welches an Caput Mortuum erinnert. Es soll die Farbe von Schattenmorellen sein oder dem getrockneten Blut von Geköpften ähneln. An manchen Hautfalten der gegerbten Haut dürfte aber bereits ein reines Beinschwarz vorliegen, welches künstlich aus gebrannten Knochen hergestellt wird, hier aber höchst natürlich in jahrelangem Sonnenbaden entstanden ist. Neben den dunklen Senioren gibt es eine große Menge von Schwulen aller Altersklassen, die entweder alleine oder in Gruppen auf dem Sand sitzen und liegen. Die meisten sind nackt, aber es gibt auch immer wieder welche, die mitten im FKK Bereich mit Badehose rumliegen, welche als modisches Accessoire den Inhalt betonen und reizvoller darstellen soll. An den Wochenenden und in den Ferien auch wochentags gibt es schwarz bekleidetes Sicherheitspersonal, welches paarweise darüber wacht, dass im FKK Bereich auch alle ihre Hosen ausziehen. Die Armen laufen dann in voller Montur durch den heißen Sand und müssen schwitzend anderen erklären, dass sie auch ja ihre rasierten Genitalien entblößen müssen. Sie wenden sich auch regelmäßig den WC Anlagen oberhalb des Nacktcafés zu, da sich dort eine Art bizarre schwule Cruising Area befindet. Da ist es ganz entgegen der sonstigen Verfassung solcher Orte picobello sauber und großzügig freundlich lichtdurchflutet. Sobald das Personal auf seiner Runde entschwunden ist, sind die Badehosen wieder an und das Cruisen auf der Terrasse und im WC Bereich geht weiter, sofern es überhaupt unterbrochen worden ist. Die schwulen Badegäste sorgen durch die räumliche Nähe für eine interessante akustische Beschallung mit Dialogen über die letzten Parties, die besten Freunde, die letzten Sexdates, die neue Wohnung, der neue Job, den neuen Liebhaber und den gerade auf dem Klo einem Pornostar verabreichten Blow-Job. Junge spanische Schwule selektieren die helleren westeuropäischen Muskelmänner und sind mit ihren Handies eifrig dabei auf einem ortsbezogenen Cruising-Portal Dates auf dem Strandbad Klo zu verabreden. Überhaupt haben alle ihre Smartphones zumindest zeitweilig in der Hand. Auch die beiden Zahnarzthelferinnen auf der anderen Seite, die mit gespreizten Beinen mit Blick auf die von Männern umstandenen Stehtische des Nacktcafés liegen und sich über ihr berufliches Fortkommen unterhalten. Dabei erörtern sie für Stunden, ob ihre Kolleginnen nicht doch mit ihren Chefs schlafen und warum sie selber immer nur am arbeiten sind, die neu eingestellte langhaarige Blondine einfach immer krank gemeldet ist und keiner dies zu monieren scheint. Die Redundanz dieses und anderer Gespräche läßt sie bei Bedarf irgendwann in den akustischen Hintergrund rutschen. Es ist wie mit der schwach herüberhallenden Discomusik der Ferienanimation für Kinder und Jugendliche, welche auf einem Steg mit Riesenrutsche weit entfernt im bekleideten Badebereich stattfindet. Man bemerkt sie erst wieder, wenn sie eingestellt wird.

Unmittelbar am Seeufer sitzt ein dickliches schwules Pärchen. Der eine hat sich einen der herumstehenden Strandkörbe genommen, der andere sitzt ihm zu Füßen auf seinem Handtuch. Sie haben eine voluminöse Tasche dabei, aus der sie fortlaufend Leckereien, wie Wurstbrötchen und Käsewürfel zaubern. Bei regelmäßig eingelegten Kaupausen liest der eine dem anderen aus der Tageszeitung vor. Sie scheinen gemeinsam Kreuzworträtsel zu lösen. Ihre Körperfarbe changiert zwischen Wandweiss und Krebsrot. Ein schöner Kontrast zu den rechts daneben liegenden durchgegarten Senioren. Links daneben befindet sich eine der direkt am Wasser in regelmäßigen Abständen befindlichen Duschen, aus denen eiskaltes Leitungswasser fließt. Eine sinnvolle Einrichtung, da der See bei längeren Schönwetterperioden und ungünstigem Wind im Uferbereich des Bades eine gehörige Menge von auf der Wasseroberfläche treibenden Algen und Hautfetten aufweisen kann. Der Wannsee ist an die Havel angeschlossen, aber offenbar ist die im Sommer zunehmende Menge von mit Schredderpropeller-WC-Anlagen ausgestatteten Privatbooten dann doch etwas viel für das Gewässer. Ansonsten kann man sich aber über die Wasserqualität nicht beschweren, insbesondere, wenn man circa fünf Minuten ins Wasser gelaufen ist und den sogenannten Schwimmerbereich erreicht hat. Dahinter liegen große Bojen, bis zu denen sich die Freizeitboot bewegen dürfen und dort gerne ankern. Sie eignen sich hervorragend um eine Schwimmstrecke abzumessen, einen verstohlenen Blick aus dem Wasser auf die Menschen an Deck zu werfen und zu schauen, was die so treiben. Die Duschen werden auch von solchen Badegästen genutzt, die gar nicht schwimmen gehen und sich in der Hitze einfach von Zeit zur Zeit abkühlen müssen. Die unfreiwillig auftretenden Halberektionen der Männer, die auf dem Bauch gelegen haben, lassen sich damit gut im Handumdrehen erweichen.

Bei so viel Nacktheit und Nähe muß der männliche Körper reagieren. Ein echter Vorteil bei den Damen, die keine sichtbaren Veränderungen aufweisen. Das Angebot des FKK Cafes umfaßt alles was das Herz des Großstädters zu begehren scheint. Angefangen bei einem breitgefächerten Sortiment von Heißgetränken, über Limonaden und Säften, bis hin zu eine Vielzahl von alkoholischen Getränken, bei denen Bier am erfolgreichsten zu sein scheint, wenn man die vielen großen 0,5 Liter Becher in den Händen der zumeist männlichen Kunden betrachtet. Diese stehen gerne an einigen Stehtischen vor dem Ausgabebereich des Cafes und reden stundenlang über Gott und die Welt. Dabei ist sicherlich auch das ein oder andere alkoholfreie Bier dabei, was bei dreißig Grad sicher empfehlenswerter sein dürfte. Allerdings läßt sich die Cruising Runde eine Etage höher mit einem echtem Bier viel leichter einleiten. Bei den zusammenstehenden Gruppen scheinen sich Heteros mit Homos zu mischen, eine interessante Mischung, die man so, besonders nackt, wohl nirgendwo antreffen kann. Einzig die Damen, ob mit oder ohne Begleitung gekommen, verbleiben zumeist lieber auf ihren Handtüchern und Strandkörben. Sie holen sich aber gerne mal ein Stück Obstkuchen, einen Brezen oder einen Tunfischsalat an ihren Platz. Die opulenten Strandkörbe kann man am Eingang des Bades mieten. Macht man dies ordnungsgemäß, dann verfügt man über ein Fähnchen, welches sich sichtbar als Zeichen der Legalität am Korb festmachen läßt. Regelmäßig Lautsprecherdurchsagen weisen darauf hin, dass das Belegen und Benutzen der Körbe ohne Fähnchen und Leihgebühr untersagt ist. An weniger stark frequentierten Wochentagen, scheint die Mehrheit der Strandkorbbenutzer im FKK Bereich kein Fähnchen zu haben, was dann aber auch keinen wirklich zu stören scheint.

Am Essen der Besucher sind die nahezu parasitär wirkenden Stockentengruppen interessiert. Sie torkeln regelmäßig lustlos durch den Sand vorbei und verweilen kurz mit schmachtendem Blick vor den an ihrem Weg liegenden Sonnenanbetern. Mit Erfolg, wie sich versteht. Der ein oder andere rückt ein wenig Brot heraus oder verfüttert seine letzte Nektarine, die aber nur halbherzig durchgekaut und wider ausgespien wird. Hat man einmal mit dem Füttern begonnen, dann erscheinen wie durch ein Wunder dutzende weitere Enten und man weiß, was man beim kommenden Besuch im Bad unterlassen wird, vorausgesetzt, dass man zehn Stockenten um sich herum nicht doch für niedlich hält. Viele Besucher verabreden sich im Bad. Deswegen kann man im Laufe eines Sonnentages immer wieder Begrüßungsszenen mit Sätzen wie „Schön, dass du da bist!“, „Mensch, du auch hier!“, „Ich wußte, dass ich dich hier finde!“, bis hin zu „Kennen wir uns nicht?“, „He, warst du nicht auch bei Dingsda?“, „ Ach so, ja, ich erinnere mich!“, „Mensch, wir haben uns ja schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen!“, erleben.

Ab dem frühen Nachmittag wird es natürlich deutlich voller, weil dann auch die Berufstätigen ins Bad strömen. Geöffnet ist recht lange. An regulären Tagen auf alle Fälle immer bis zum nahenden Sonnenuntergang. Eine Stunde vor Schließung, manchmal auch etwas früher, wird per Lautsprecherdurchsage auf das Ende hingewiesen, und dass Gehbehinderte, Rollstuhlfahrer und Kinderwagenbesitzer bitte rechtzeitig vor Schluß das Bad verlassen mögen. Die Strandkorbbesitzer werden aufgefordert ihre Fähnchen zurückzubringen, damit sie ihren hinterlegten Pfand zurückerhalten. Das Personal ist berechtigterweise darauf erpicht mit Dienstschluß auch nach Hause zu kommen. Die scheppernde Stimme des Ansagers klingt unerbittlich und etwas dramatisch. Und den Badegästen steht noch der Weg in die Stadt bevor.

Also mit Auto, Rad oder S-Bahn und das kann bekanntlich etwas dauern, bei den enormen Ausdehnungen des Berliner Stadtgebietes.

Das Strandbad Wannsee kann man natürlich auch ganz anders sehen, je nachdem, wie, wann und warum man hin geht. Es ist immer anders. Es ist aber auf alle Fälle einen Besuch und seinen Eintritt wert.


© Hagen Rehborn 2013

- alle Rechte vorbehalten -




Dienstag, 28. Mai 2013

kardiorap - safe


leiernd: du bist so voll krass kardiomässig ...

chor sing: incarnation, incarnation, incarnation!

rappend: deine brusthaare machen dich stark
aber nicht gelenkig, oh nein  -
deine schamhaare machen mich schwach 
aber nicht gesprächig, oh nein

leiernd: also kardiomässig haut das jetzt echt rein ...

chor sing: resurrection, resurrection, resurrection!

rappend: deine behaarten beine machen dich schwach
und mich stark so nebenbei, oh ja -
dein behaarter arsch ist so zart, oh ja
wie ein stück butter in meiner hand

leiernd: sei doch nicht immer so kardiomässig ...

chor sing: incorporation, incorporation, incorporation!

rappend: deine haare hinter den ohren
behindern mich beim denken, oh nein -
dein kopfhaar fällt auf deine schulter
komm mach den gummi rein ..., oh nein

chor sing: halelulja, halelulja, halelulja!


© hagen rehborn 2013

Montag, 20. Mai 2013

zeitalter der nichtskönner


zeitalter der nichtskönner

wo alle nichts können
alles wollen, verlangen
zu spät kommen, trotzdem immer schon da sein
interessiertes lächeln mit entgegengesetztem blick
hallo, hallo, auch mal wieder da?

die langen wege laufen
an wenige türen klopfen, alles super? 
weinen ist genauso aufwändig
schokohasen schmelzen an der heizung
schnell, hol den lappen

spieglein an der wand
auf dem boden, hinter den vorhängen
woher kenne ich die noch mal?
visagen nach der polypenentfernung
heute schon verprügelt

leiden sie auch so gerne an sich?
dann können wir uns ja zusammentun
nein, nicht so intentiv, nur ein wenig
in den stapel pusten, um einzelne seiten umzublättern
raffiniert

ideen haben und verstanden werden
aber doch nicht so langsam
alles selbst ist zu viel und nichts alleine auch
was machst du heute abend?
ach, da wünsche ich dir viel spass

© Hagen Rehborn 2013

Sonntag, 19. Mai 2013

see aus sahne

see aus sahne

wie eine schwarze qualle
rückstoss, sanfte sirupwelle
aufsteigen, die richtung ist unklar

riesenkalmare überqueren mich
nichts sehen, nur hören
wie dein körper klickt, berühren, dann

wie die luft entweicht
aus deinem mundstück
schwarz mischen mit schwarz

meer fliesst um die haut
an deinen lippen laicht der stör
wie ein see aus sahne



© Hagen Rehborn 2013

Montag, 19. November 2012

Irrsinsnebel
















Frühnebel, Mittagsnebel, Irrsinnsnebel
heute morgen bat mich ein afrikanischer Potentat per sms um Hilfe
da wusste ich nicht ob ich nein sagen sollte
der Waggon war ungeheizt, da wurde mir ganz warm ums Herz

stellen sie ihr Radio an, dann können wir ihnen helfen
Tansanit, gelbe Diamanten, Prepaid-Handies
können meine weinerliche Laune noch verschlimmern
wo soll man solche Diademe denn bitte tragen, wenn nicht in der Wüste

deine eisigen Füsse liegen hier im Graben
was soll ich denn jetzt damit machen, ohne deine schnellen Beine
bleiben sie bis zum Frühjahr frisch und hell
dann wirst du sie schon finden und rasch imprägnieren

zwei Rehe stehen in deinem Garten
man fragt sich, wann sie ohne Ticket weitergehn
ihre Freunde in Afrika heissen Antilopen und brennen da auf jedem Grill
nur beim Aussteigen muss man vorsichtig sein

diese Birken leuchten fast so gelb wie dein Ohrenschmalz
und die Wintersaat leuchtet RGB Grün wie im Mai
Marabunester auf Baumarktreklamen stehen am Dorfeingang
der Bürgersteig fehlt hier ganz, es gibt aber einem Schotterpfad

© Hagen Rehborn 2012

Donnerstag, 13. September 2012

Rede zur Eröffnung









Rede zur Eröffnung der Ausstellung "love, das kann ich auch"

in der Braunschweiger Galerie auf Zeit

am 12.09.2012




Sehr geehrte Besucher.

Mit Dank erfüllt mich zunächst der Gedanke, dass sie sich die Ausstellung mit Exponaten von Hagen Rehborn in der Galerie auf Zeit in Braunschweig anschauen und dafür einen Teil Ihrer sonst sinnvoll anders nutzbaren Freizeit opfern, denn was sonst kann es sein, dass man in einer Galerie bei der Betrachtung der Werke eines gänzlich unbekannten Künstlers mache könnte, Zeit verschwenden.
Sie werden mit großer Wahrscheinlichkeit ein regelmäßiger Besucher der Veranstaltungen der Galerie auf Zeit sein und aus einem allgemeinem Interesse an den dort stattfinden Ausstellungen erschienen sein, da mit einiger Sicherheit anzunehmen ist, dass Sie weder mich als Künstler, noch mein bisher entstandenes Werk kennen oder je zu Gesicht bekommen haben.
Sie verbringen ihre kostbare Freizeit offenbar aus unterschiedlichen, gegebenenfalls diffusen Gründen an diesem Ort in Braunschweig. Wahrscheinlich denken Sie, dass man Ihnen dafür ruhig einmal in aller Deutlichkeit Anerkennung zollen könnte, denn bisher hatte niemand sichtbar darauf verwiesen, dass Sie hier etwas opfern. Sie opfern sie, ihre kostbare Freizeit, gerade jetzt für meine Arbeiten. Bei der unüberschaubaren Anzahl von sogenannten bildenden Künstlern in dieser Bundesrepublik Deutschland, ist es kein ungewöhnlicher Umstand Künstler mit einer bescheidenen Biographie und bescheidenen Ausstellungserfolgen nicht zu kennen.

Im Falle meiner Person handelt es sich sogar um eine außerordentlich erregungsfreie Biographie, die es nahezu gänzlich wahrscheinlich macht, mein Werk und meinen Namen nicht zu kennen. Zu gering ist doch die Wahrnehmung meiner Wirkungsversuche bisher gewesen und auch zukünftig ist eine Änderung dieses Umstandes eher dem Bereich der Mythen und Träume zuzuordnen, so wie wir alle davon träumen mögen dereinst beachtet und weiträumig wahrgenommen zu werden und uns aus dem Meer der mehr oder weniger Gleichen zu erheben, so in diesem Falle aus dem Meer der mehr oder weniger gleichen und unbeachteten Künstler. Der Drang der allseits existenten Unwichtigkeit und Relativität zu entfliehen, ist allgemein und unter den Menschen verbreitet und findet ungünstiger Weise seine größte Ausprägung bei den sogenannten Künstlern. Ihr Beruf kommt tragischerweise einer Berufung gleich, deren Daseinsberechtigung nur auf die fanale Erhebung aus dem staubigen Nichts der Banalität abzielen kann, um dem eigenen Schaffen den Nimbus der bewahrenswerten Kostbarkeit, der kulturellen Bereicherung, der Unverzichtbarkeit für die Fortentwicklung der allgemeinen künstlerischen Entwicklung zu geben. Kanon werden, in den Standardwerken erscheinen und bei Sammlern hohe Preise erreichen, weil man gekauft wird, das ist es, was ein Künstler erzielen möchte, mal ganz davon abgesehen, dass er glaubt, seine Werke seinen ein unverzichtbarer bildnerischer Beitrag zu Essenz des Daseins.
Es lässt mich nicht los, Ihnen mitzuteilen, dass ich es beachtlich finde, dass Sie in diese Ausstellung gekommen sind, nein es ist sogar in allerhöchstem Maße erstaunlich, schliesslich gibt wenig, was dafür spricht, dass Sie nun gerade hier her gekommen sind.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie den Künstler, der seine Dinge an diesem Ort präsentiert, also mich, (und dies ist ganz im Heideggerschen Sinne auf die Dinghaftigkeit der Objekte beziehend) kennen, geht gegen Null.
Seine Biographie ist gänzlich unwichtig und sein bisher entstandenes Oeuvre unbekannt und unbeachtet. Ihr Erinnerungsvermögen hat keinerlei Informationen zu diesem Namen abgespeichert. Er ruft bei Ihnen keine Bilder eines typischen, damit zu verbindenden Kunststils wach.

Hagen Rehborn, wer ist das? Eine Ausstellung in der Galerie auf Zeit in Braunschweig.
Warum sind Sie hier? Sie kennen die Galerie und ihre wechselnden Räumlichkeiten? Oder Sie kennen andere Menschen, die hier hingehen und auch nicht genau wissen warum? Sie kennen den Initiator des Ausstellungsraumes Hans Gerd Hahn? Oder sie kennen Leute die Ihn kennen?
Ich denke, Sie sehen ein, Ihr Erscheinen ist außerordentlich fragwürdig ...
Nehmen wir an, Sie interessieren sich tatsächlich für die Kunst unbekannter Künstlern und opfern Ihre kostbare Zeit um diese in einer engagierten, aber wenig einflussreichen und vom offiziellen Kulturbetrieb kaum beachteten Galerie zu sehen, haben Sie nichts besseres zu tun?
Haben Sie so viel Freizeit, obwohl die westliche Gesellschaft das unentwegte sinnhafte In-Bewegung-Sein für jedes Individuum zum allgemeinen Lebensanspruch stilisiert, dass Sie diese in einer derartig unwichtigen Ausstellung verbringen können? Gehen Sie doch lieber wo anders hin.
Doch, wo ist "wo anders"?, werden Sie berechtigterweise fragen. Ich kann es Ihnen nicht genau sagen, aber es könnte dort sein, wo Dinge gezeigt werden, die von Bedeutung sind, weil sie von Künstlern geschaffen wurden, die entweder schon bekannt und somit als bedeutungsvoll eingestuft wurden oder aber deren Bedeutung nach Annahme derer, die für die Zuweisung von Bedeutung zuständig sind, sehr bald zunehmen wird. Also Orte, wo Kuratoren, Ausstellungsmacher und Journalisten sind, die feststellen, was schon jetzt oder zukünftig eine wichtige Sache sein wird.
Sie sehen also, alles läuft auf den Punkt hinaus, dass Sie aus unterschiedlichen Gründen hier sein könnten, die aber allesamt nicht viel mit Hagen Rehborn und seinen hier ausgestellten Kunstwerken zu tun haben.
Welche Aspekte hat dies für Hagen Rehborn? Was macht dies mit seiner Persönlichkeit, seiner Perspektive zu dieser Ausstellung und Ihrem unwahrscheinlichen Erscheinen?
Er wird, wenn er nicht gänzlich weltfremd ist, wissen, dass niemand seinen Namen kennt und seine Arbeit als Künstler gemeinhin fast unbekannt sein muß, sonst würde sie in der Vergangenheit, in anderen Ausstellungen, mehr Aufmerksamkeit hervorgerufen haben.
Er weiß auch, dass fast niemals jemand, der sich unbegründet oder begründet eine seiner Ausstellungen anschaute, etwas gekauft hat. Dies ist ein Umstand, der auch für Galeristen die Wahrscheinlichkeit einer Ausstellung mit den Arbeiten von Hagen Rehborn zu planen, eher unplausibel macht, denn schließlich möchte ein Galerist am Ende ja nichts anderes, als die in seinen Räumlichkeiten gezeigten Kunstwerke, auch verkaufen.
Es ist sogar so, dass fast niemals jemand Kunstwerke von Hagen Rehborn, auch außerhalb von Ausstellungen käuflich erworben hat. Er verkauft im Grunde fast nichts an Kunstinteressierte und wenn doch, dann ist es so selten, dass er zumeist überzeugt ist, man habe Ihm das Geld nur aus Mitleid oder anderen menschlichen Regungen gegeben, die mehr mit Ihm als Person, als aus echtem Interesse an seinem Oeuvre zu tun haben.
Die bisherigen wenigen Verkäufe sind aus seiner Perspektive eher Auszeichnungen für sein Aushalten einer umfassenden beruflichen Sinnlosigkeit, Auszeichnungen, die seine Person und seinen stoischen Charakter würdigen. Denn wer erträgt schon so viel Sinnlosigkeit, außer erfolglose Künstler?
Mit Recht werden Sie feststellen, dass das bis hier Geäußerte, sich in erster Linie mit Fragen der gesellschaftlichen Akzeptanz beschäftigte. Aber im Grunde geht es bei der Kunst ja auch um das, was sich sich unabhängig vom gesellschaftlichen Diskurs entbirgt. Dem, was der Kunst eine Daseinsberechtigung gibt, auch wenn niemand hinschaut.
Mit Verlaub, das halte ich für romantisches Schwafeln. Kunst die nicht wahr- und somit ernstgenommen wird, geht mit sehr großer Wahrscheinlichkeit unter, sie kann nicht be-stehen, wird nicht aufbewahrt, sie wird beschädigt und geht mit großer Wahrscheinlichkeit einfach unter. Sie kommt auf den gigantischen Müllhaufen dieser Kultur und ihre fragile Materialität läßt es nicht zu, dass sie irgendwann einmal von anderen Generationen ausgegraben werden kann.
Eine Leinwand ist kein Marmorblock und auch dieser kann am Ende zum Straßenbau geschreddert werden.
So wird es dann wohl auch mit meinen Werken nicht lange her sein. Erst verstauben sie in einem Lager, dann kann ich die Miete des Lagers nicht mehr bezahlen und wenn ich irgendwann verstorben sein werde, werden meine kunstdesinteressierten Erben nicht wissen, was sie mit dem ganzen Zeug anfangen sollen. So viel es es ja dann auch nicht, das passt alles locker in einen Container.
Aber kein Selbstmitleid, es gibt auch noch andere Lebensentwürfe, z.B. Ihren!
Und der muss nicht weniger fragil sein als meiner. Und er beinhaltet den Besuch dieser Ausstellung, insofern scheinen auch Sie Sinnlosigkeit als Bestandteil ihres Lebens zu kennen.
Wie schön für mich, denn am Ende bin ich doch nicht alleine mit meinen Bildern zum Thema "Love".

"Liebe" als Thema einer Ausstellung, scheint mir das Naheliegendste und Natürlichste überhaupt zu sein. Wenn es einen Themenkomplex gibt, der zu künstlerischen Ergüssen jeglicher Art führt und geführt hat, so ist es diese diffuse Empfindung, welche uns in unterschiedlicher Schwere befallen kann und uns wahrscheinlich unser ganzes Leben hindurch begleiten wird.
"Liebe" begegnet uns überall in unserem Leben, sei es nun, dass wir sie gefunden haben und behalten wollen, dass wir sie suchen, dass wir sie gerade verlieren oder gerade neu gewinnen. Und all die anderen, denen wir begegnen, habe die gleichen Begegnungen mit ihr, wie wir.
Alles ist voller Liebe, voller Glücklichsein durch sie, der Sehnsucht nach ihr, oder dem Ärger über sie oder ihrem unkontrollierbaren Ausgang.
Sie ist die Verheissung unseres Lebens und man sagt, ohne sie wäre auch ein König ein Bettler und mit ihr der Bettler ein König.
Wir suchen sie und finden sie nicht oder wir suchen sie nicht und finden sie doch - sie ist wie die Zeit, ein ständiger Begleiter unseres Lebensweges. Es gibt sie mütterlich, brüderlich, freundschaftlich, schwesterlich, christlich, heilig, erotisch, verzehrend, bedächtig, still und laut. Sie spiegelt all unsere zwischenmenschlichen Beziehungen wieder und spätestens nach der Geschlechtsreife suchen wir auch noch die Liebe unseres Lebens. Haben wir sie gefunden, müssen wir sie bewahren und dann kommt die Liebe zu den Kindern und all den anderen, die uns im Leben begegnen. Auch der Hass scheint eine Art Liebe zu sein, er ist so etwas wie ihre Umkehrung. Die Selbstliebe begleitet uns sowieso seit dem Beginn unserer Tage und manchmal verlieren wir auch diese und müssen sie mühselig wieder gewinnen. Die eine Liebe geht und eine neue kommt, man wird begehrt und kann es nicht erwidern und man begehrt und man wird abgewiesen. Sie kann kurzzeitig hell entflammen und verharrt dann bald Zeit verhalten schummrig. Sie kann auch langsam beginnen und sich dauerhaft und blühend entwickeln.

Sie ist immer anders und fordert uns durch ihre merkwürdige Unwägbarkeit.
Es ist schwer zu sagen, was sie uns bringt, ausser, dass sie uns das größte Glück und
die tiefste Traurigkeit in unserem doch leider recht überschaubaren Leben beschert.
Sie läßt uns spüren, dass wir da sind, sie kann das Gefühl erzeugen, welches uns am unmittelbarsten klar macht, dass wir hier und jetzt im Leben stehen und die Dinge klar und deutlich vor uns liegen.
Liebe macht Fühlen erlebbar. Manchmal in einem Ausmass, welches uns überfordert und wie kleine Staubkörner im Universum dastehen lässt (was wir zweifelsfrei sein müssen).
"Liebe ist ..." ist eine erfolgreiche Comic-Bilder Serie der 70er, in der zwei niedliche untersetzte Männchen, die eine kleine rundliche nackte Frau und einen kleinen rundlichen nackten Mann darstellen, Dinge tun, die symbolisch wie ein Aphorismus aufzeigen sollen, was man mit und für einander tut, wenn man diese erstaunliche Empfindung "Liebe" für einander verspürt.
Von wenigen Kommentar-Sätzen abgesehen, ist es eine überwiegend nonverbale Annäherung an das Thema. Ihr Erfolg liegt möglicherweise in der visuellen Deutungsoffenheit und dem Aussparen von wörtlichen Bezeichnungen, die dem Phänomen in keiner Sprache wirklich gerecht werden können.
"Liebe" ist in ihrer Beschreibung und Deutung DAS bildnerische Thema schlechthin.
Keine Bildthema lässt sich wahrscheinlich so leicht mit den Projektionen der Betrachter füllen. Die Museen der Welt sind voll von Bildmotiven, die komplexere Liebeshändel darstellen und sich doch auch immer auf die ganz persönliche, selbst gemachte Erfahrung mit ihr beziehen lassen.
Verpackt in die exemplarischen Geschehnisse göttlicher Allegorien, kann sich ein jeder vom Mittelalter über die Renaissance und das Barock, bis zur Moderne, einer Selbstprojektion in die Geschehnisse überlassen. Von der asketischen Minne eines Cranach des Älteren, über die Fleischmengerei eines Peter Paul Rubens, bis hin zu luftig-leichten Landpartien mit dezent geöffneten Dekolletés der Impressionisten. Wir können dabei sein und mittun, bei dem, was die anderen erleben. Das Selbst spiegelt sich im Anderen, die bildende Kunst als Vexierspiegel des Betrachters. Bei der Liebe einfach unersetzlich, auch wenn man sie gerade selbst in der Realität erlebt.
Und dann die Symbole. Wir kennen sie teilweise, aber wir können auch viele nicht mehr verstehen und zuordnen, die rote Rose, der weisse Hund, das Taschentuch, das offene Haar, der Blick ins Leere. Die Symbole verlieren ihre Bedeutung oder werden durch neue ersetzt.
Liebe füllt die Leere des Kosmos mit etwas, was wir nur schwer benennen können, aber sicher ist, dass wir uns dadurch weniger sinnlos und klein fühlen.

Hier schliesst sich der Kreis bis zu den Künstlern. Sie sind auf der Suche nach Liebe und Beachtung. Jeder, der behauptet, das ganze Kunstmetier habe damit nichts zu tun oder im besonderen ER habe damit keinerlei Anwandlungen, verschleiert die einzige Wahrheit des Berufsstandes. Künstler wollen geliebt werden und zwar nicht um ihrer selbst willen, sondern um ihrer Schaffenskraft und ihrer Genialität willen, die sich hoffentlich in jedem einzelnen ihrer Werke entbergen sollte, es aber nicht immer tut. Sie sind eine besondere Klasse von Menschen, die meint, sie müsse etwas produzieren, um dessen einzigartiger Beschaffenheit und Form man sie wirklich lieben und verehren müsse. Dies mag grundsätzlich ein Bedürfnis aller Menschen sein, bei den Künstlern ist es aber in nicht gekannter Weise stilisiert, exprimiert und kultiviert. 
Hagen Rehborn möchte Ihre Liebe, Ihre Liebe zu seinen Werken, er möchte, dass Sie seine Kunst so schätzen, wie sie kein anderes Ding auf dieser Welt je geschätzt haben.
Das ist, wie Sie jetzt sicherlich selber bemerken, einfach lächerlich.
Und "lächerlich" ist auch das Prädikat, welches die Sinnlosigkeit seiner Biografie und dieser Ausstellung und aller anderer von ihm jemals durchgeführten Ausstellungen am besten umschreibt. Die Sinnlosigkeit des gesamten Unterfangens ist lächerlich.

So viel Lächerlichkeit wagt nur ein Künstler oder ein Verrückter und wegen dieser Sinnlosigkeit klopft sich Hagen Rehborn nun selber auf die Schulter und freut sich, dass es zu so viel sinnloser Einzigartigkeit am Ende bei ihm immer reicht.


Mit freundlichen Grüssen, Hagen Rehborn

Sonntag, 9. September 2012

love, das kann ich auch ...




love, das kann ich auch ...
eine ausstellung von hagen rehborn 


wo:
galerie auf zeit

papenstieg 8
38100 braunschweig

vernissage:
mittwoch 12.09.2012
20.00 uhr

dauer:
13.09.2012 bis 07.10.2012

öffnungszeiten:
mi-fr 15-18 uhr
sa 13-15 uhr

galerie infos im web:
www.galerie-auf-zeit-bs.de

infos zu hagen rehborn:
www.abertrotzdem.com