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Vor ihm flogen ein paar Strandläufer auf. Anstatt hinter ihn zu fliegen, so dass er sie beim weiterlaufen nicht wieder zwangsläufig aufscheuchen würde, bewegten sie sich immer nur ein paar Meter von ihm fort, so dass er sie mehrfach zum auffliegen brachte, bis sie endlich über den Strand in Richtung Dünen abzogen.
Hier gab es nichts und deshalb alles.
Keine Gebäude keine Bäume, keinen Müll, keinen Lärm und keinen Gestank.
Aber Strandgut welches sich in jeder Mülltonne nicht vom Rest absetzen würde. Ein ziemlich laut tosendes Meer, welches mit Wucht auf den Strand brandete, ein Schiffswrack zwischen den Wellen, welches die Größe mehrerer Kleinwagen haben musste, Fischgestank von toten Einzelexamplaren, die es nicht mal als Futter für grössere geschafft hatten und nackte fette Menschen, die träge unter geschmacklosen Sonnenschirmen dösten.
Das erinnerte ihn wieder an seine prekäre Lage.
Am Ende des Strandes waren nur noch sehr vereinzelt Menschen zu sehen. Diese offenbarte sich, wenn er sich hier im Sand niederließ, als eine lockere Kolonie frustrierter Homosexueller, die schnellen Sex in den Dünen oder andere Albträume suchten. Ihre Begehrlichkeit war anstrengend, gab es als nackter Mann kaum tragfähige Möglichkeiten zu demonstrieren, dass man seine Ruhe haben wollte. Also lief er lieber weiter, am Einlassrohr der Papierfabrik vorbei, die in riesigen Mengen eine braune, scharf stinkende, heiße Brühe ins Meer leitetete. Bis zum nächsten Schiffswrack, welches nur noch bei Ebbe zum Vorschein kam und wo, wenn überhaupt, nur noch Angler in erstaunlicher Beharrlichkeit ihre Ruten ins Wasser warfen. Da konnte man in Ruhe liegen oder im eiskalten Wasser planschen, sich von beißenden Fliegen anfallen lassen und ernüchtert wieder aufbrechen, wenn am Nachmittag der vom Meer kommende Wind Orkanstärke erreichte und den Sand wie in einer Sandstrahlerei aufpeitschte.
Was beruhigte ihn daran?
Es hatte ein Programm, dem er folgen konnte, die ungewisse nahe Zukunft lag bei Punkt zwei und vorher kam Punkt eins, abwarten, bis der Urlaub vorbei war. Dieser Punkt konnte gefüllt werden mit Überlegungen zu Punkt zwei, dies wiederum ließ sich schon am frühen Abend mit Rotwein versüßen, so dass er sich auf körperliche Erfahrungen, wie sonnenheißer Haut, Mückenstichen, Muskelkater vom Laufen, Muskelkater vom Radfahren, Muskelkater vom Schwimmen, nächtlichem oder frühmorgendlichem Masturbieren konzentrieren konnte.
Aus Ermangelung eines Fernsehers las er Unmengen von Zeitungen auf der Dachterrasse und erfuhr so mehr über erfolgreiche Künstler und deren Auftritte in der deutschen Medienlandschaft als ihm lieb war. Es gab sie, die Erfolgreichen, sie reisten in der Welt herum, inszenierten plötzlich sogar Opern, was er sich immer sehnlichst gewünscht hatte, trugen Maßkleidung und redeten unverblümt hohlen Unsinn über die Sinnlosigkeit von Geld und den Segen, den die Gesellschaft an ihrem feinsten und edelsten Geschlecht hätte, den Künstlern.
Sie hatten Assistenten, vereinzelt schon mal fünfzig Stück auf einmal und ließen sich munter lächelnd zwischen ihnen wie in einer Schar Kinder ablichten. Was für ein Segen, was für ein Glück und so viel Ausdruck und wundervoll genutztes Potential.
Eine wohlige Welle wollte sich in seinem Gemüt bei dieser Lektüre nicht breit machen.
Es war zu viel Glück, zu viel „sich durchsetzen auf dem Markt“, wie es ein bekannter Chefredakteur einer allseits bekannten Kunstillustrierten für unbekannte Seidenmalkursbesucherinnen einst genannt hatte: „Wenn sich ein junger Künstler erst auf dem Markt durchgesetzt hatte, dann …, ja dann, dann …
Dann konnte er davon ausgehen, dass dies ein für ihn verpasster Akt sein musste.
Die letzte Ausstellung wurde trotz räumlicher Entfernung von vielen seiner Freunde gesehen, man besuchte sie, weil man ihn mochte, sogar sein fünf Monate altes Patenkind war da.
Die Eröffnung hatte familiären Charakter, sein Freund war da und ein paar Freunde des Ausstellungsorganisators, dessen Freund, ein Psychologe, wollte sogar einen Text über die Arbeiten verfassen. In einer Preview hatte er beglückt festgestellt, seine Exponate und der Ausstellungszusammenhang seien wirklich überzeugend. Ein künftiger Förderer?
Neue Perspektiven sich mit intelligenten und sensiblen Menschen über die Komplexität des Kreativen auseinanderzusetzen?
Seine Knie schmerzten da noch recht ordentlich, jetzt, nach vielen Stunden mit Nordic Walking Stöcken im weichen Sand, fühlten sie sich spürbar besser an. Im letzten Jahr bei einem Besuch der angeblich zeitgeistig angesagten Galerien im Viertel um die Auguststraße in Berlin, in welchem sich die Menschen einem ruhigen, gesättigten und doch inspirierten Denken und Leben widmen könnten, hatte er noch starke Schmerzen und nur noch sehr wenig Sex mit seinem Freund.
Sex mit schmerzenden Knien ist sehr kompliziert, fast unmöglich. Er zwingt einen reglos zu bleiben und zu hoffen, dass die Schmerzen für die nächsten Minuten nicht wieder auftauchen. Unvereinbar mit seinem eher drängenden Naturell.
Der Eindruck, den die Ausstellungen und Galerien hinterlassen hatten war dem Schmerz in den Knien ähnlich gewesen, bornierte Angestellte oder Betreiber, deren Fähigkeit oder Bereitschaft zur Kunstvermittlung gegen Null ging und sich sicher nicht vorstellen können wie man sich fühlt, wenn man einen hellen Ausstellungsraum betritt und von einer strategisch günstigen Stelle aus von einer fremden Person, die an einem Schreibtisch sitzt, gemustert wird. Von den gezeigten künstlerischen Arbeiten ganz zu schweigen, so unsinnlich, so ungekonnt, aber es gab Ausnahmen …
In dieser Zeit intensivierte sich sein Nachdenken über das Scheitern.
Die Intensität der Empfindungen stumpfte ab. Es gab in erster Linie das Ziel durch den Tag, die Woche, den Monat zu kommen. Sein Geliebter war sehr geduldig mit ihm, er war nicht so geduldig mit ihm. Der Geliebte verzog sich etwas um Abstand zu bekommen, da hatte er noch etwas, was er vermissen konnte.
Er wollte sich selbst spüren und konnte es eigentlich nicht ertragen.
Er wohnte zwischen der Autobahn und dem Flughafen. Der Lärm erinnerte an das Rauschen der Brandung, die Wände der Autobahnunterführungen waren mit dümmlicher Graffiti zugesprüht. Durch sie hindurch gingen die idiotischen Jugendlichen, die sie aufgesprüht hatten. Er konnte zu Fuss zum Abflug gehen um jemanden in einer anderen Stadt besuchen zu fliegen. Das hatte er vor dem Knie Problem häufiger gemacht, dann erstmal nicht mehr. Das lag auch daran, dass das Geld immer knapper wurde. Seitdem er freiberuflich ohne festen Nebenjob versuchte zu überleben, kam immer weniger in die Kassen. Aber er hatte die Knechtschaft unter schwachsinnig verblödeten und darum sadistischen Chefs gegen eine Knechtschaft unter seine eigenen Ängste ausgetauscht. Diese Entscheidung zwang ihn zum Nachdenken und zum In-Frage-stellen.
Er entwickelte sich, dachte er, aber alles wurde sehr anstrengend.
Er versuchte sein Verhältnis zu Galeristen zu verbessern, zu denen er bisher keines gehabt hatte. Er versuchte das bei einem von der EU geförderten Coaching, bei dem es ihm wichtig war, dass es keine Therapie wurde, in Wirklichkeit war es von Anfang an eine.
Dabei fiel ihm unter anderem auf, dass er sich das Aussehen von Galeristen wie das seiner Eltern vorstellte, rätselhaft und sinnlos.
Er dachte manchmal an den Tod und traute sich nicht mit anderen darüber zu sprechen.
Wie sollte man da angemessen eintauchen, ohne anzuecken?
Entweder sie glaubten, man wolle sich umbringen oder sie fanden, man mache sich wichtig mit einem Tabuthema. Ein Testament hatte er vor einigen Jahren gemacht, es aber vor kurzem wieder zerrissen, er konnte sich niemanden vorstellen, dem ein Erbe seiner Sachen nicht wie eine Bürde erscheinen könnte. Und einen der Hauptbegünstigten hatte er bewusst aus seinem Lebensfokus entfernt.
Das Anhören trauriger Musik brachte sein Nachdenken über das Leben und den Tod zum unmittelbarsten Moment, er weinte allein für sich, ganz undifferenziert, in Gedanken an seinen eigenen Tod und das viele Pech, was er gehabt haben musste um so zu scheitern. Er ließ die Merkwürdigkeiten seines Lebens passieren und bemitleidete sich dabei hemmungslos und stets mit der Schlussfolgerung, dass er auch nicht wüsste wie es anders weitergehen müsste, aber dass es zu viele Dinge gäbe, die ihn vom Fortgehen abhielten. Dazu gehörten seine Eltern und sein Geliebter, dem er in einer weiteren Geschichte des Scheiterns, des Scheiterns in der Liebe, trotz vielfacher Unsicherheiten, ein großes Potential beimass. Er glaubte an diese Beziehung, auch wenn er schon an andere geglaubt hatte, die sich dann als Odyssee der unerfüllten Wünsche und angetanen Hässlichkeiten entpuppten. Er hatte sich vorgenommen, die Rituale, die er bei anderen lange Zeit als Lügen und Erkenntnisverhinderer wahrgenommen hatte, selbst zu bemühen. Er dachte an eine Ehe, an eine institutionalisierte Liebeserklärung. Die Familiengründung konnte er als „Homo“ und in dieser Hinsicht ebenfalls gescheiterter biologischer Mann natürlich vergessen. Aber etwas von Dauer und eigener Entwicklungsdynamik sollte möglich sein. Sein Geliebter könnte ihm dort andere, fremde Perspektiven vermitteln, die andere Wertesysteme hervorgebracht hatten.
Oder er würde es sehr bald nach dem Termin der Termine lassen und eine Verpartnerung würde das Scheitern seiner voraussichtlich letzten angeblichen Liebe, er nahm an, dass er mit vierzig Jahren und mehr kein weiteres Mal jemanden finden würde, der ihn attraktiv und liebenswert fände und dem er selber auch nur ein Quentchen wahrhaftige Gefühlswelt zugestehen wollte, nur noch perfekter und endgültiger machen, gewissermaßen ein Scheitern vor der Welt und seiner Familie. Er bedurfte eigentlich nur noch des Gesichtsverlustes vor seinen Freunden und seiner Familie. Dann würde er bereit sein abzusteigen, irgendwohin, wo man als Ausschuss der Gesellschaft landete, Obdachlosigkeit, Alkoholismus, psychische Degeneration.
Ja, so würde es sein, es müsste rasch und kaum wahrnehmbar stattfinden, schließlich blieb am Ende noch das Scheitern im Scheitern, wenn keiner es merkte und niemand Mitleid empfinden könnte und keiner sich wundern könnte, weil sich niemand darum Gedanken machen würde.
Aber da gab es ja noch die wundersame Welt der anderen, jenen, die sein Leben kreuzten und denen er Sympathie entgegenbrachte und mit denen er Dinge teilen wollte, Eindrücke, Reflexionen, Wirklichkeits- und Traumbetrachtungen, derer er selbst fähig war und welche er wegen ihrer Gleichheit oder Unterschiedlichkeit bei anderen suchte. Das ganze Universum wollte gedacht werden und jene versuchten es auch zu denken, so wie er oder anders. Leider war ein Scheitern in diesem Austausch unvermeidbar. Er wurde konfrontiert mit ihm unbekannten Bedingungen und Zwangsläufigkeiten. Jene anderen wollten ihn nicht bloß kennenlernen um etwas über sich selbst zu erfahren, nein, sie wollten ihn besitzen, wollten ihren eigenen Käfig mit ihm teilen.
Mit Verlaub, wer will das schon? Wer will schon vereinnahmt werden, wenn er bereits vereinnahmt wurde und keinerlei Potential mehr dafür vorhanden ist? Nun, alle sind egoistisch, das schien eine wünschenswerte, weil überlebensnotwendige Eigenschaft zu sein. Und alle belogen sich selbst, indem sie sich immer nur eine geschönte Wahrnehmung zumuteten. Das war selbst im Angesicht des Scheiterns zwangsläufig, die ganze nackte Wahrheit konnten die Menschen nicht ertragen, vielleicht über andere, aber nicht über sich selbst.
Anstatt sich dem Scheitern hinzugeben, begann er schon wieder Pläne zu machen gegen die ihm bekannten Gummiwände anzurennen und im bereits bekannten Ausmaß von ihnen abzuprallen, sie waren undurchdringlich, die Wände zu Ausstellungen, Stipendien und Kunstpreisen, die Wände zu Anerkennung, Rezeption und Würde.
Die, welche behaupteten, dass sie ihn besonders in ihr Herz geschlossen hätten, wo wir wieder im Bild des eigenen oder fremden Käfigs waren, wollten ihm manchmal beim Anrennen gegen diese Wiederstände helfen, weil sie annahmen, dass er oder seine Arbeit es wert waren, befördert zu werden. Ein eher romantischer Impuls brachte sie so weit, ihn bei anderen, nur ihnen zugänglichen Eingangstüren anzumelden, damit er weiter gehen können möge und ihren Eindruck bestätige, er hätte tatsächlich Talent und dies würde auch wahrnehmbar sein …
Jedoch verliefen diese Beförderungen niemals bedingungslos und dies störte ihn zunächst nicht, warum auch, hatte er nicht viel zu geben, konnte er nicht nett sein, Geschenke machen und einfach Glück verbreiten?
Ja, das konnte und wollte er. Aber sie wollten mehr von ihm, sie wollten mit ihm die Dinge verändern, die sie selbst nicht in den Griff bekam. Er wurde für das Scheitern der Anderen instrumentalisiert. Das war sein Tribut für ihre Liebe und ihr Bemühen ihn zu unterstützen und damit sei eigenes Scheitern abzumildern.
Um seinen Körper zu trainieren pflegte er über Jahre Sportstudios aufzusuchen und sich dort dem Training seiner Kondition und seiner Muskulatur zu widmen. Es war das konzentrierte Umgehen mit dem eigenen Körper, welches ihn zu sich selbst brachte, die Konzentration auf das vegetative System, die Schmerzen beim Ausreizen der Belastungsgrenzen. Er liebte sich selbst am meisten und was lag da näher, als seinen Körper begehrenswert zu machen, ihn zu verändern und davon zu profitieren, wenn eine plötzliche Endorphinausschüttung alle Sorgen vertrieb und er aus dem Fenster schauen konnte, sich den Schweiß abwischte und dachte: „Alles wird gut werden!“ Ein Zustand, der selbstredend nicht von Dauer war, aber sich wiederholen ließ.
Seine Knie verziehen ihm sein regelmässiges Joggern durch den Park nicht. Das Laufen war eine passable Möglichkeit an die Luft zu kommen und den Körper auf 100 % Leistung zu bringen, das Ermüden danach kam wie eine Belohnung: „Du hast dich angestrengt, deshalb darfst du nun ruhen“. Ein einfacher Mechanismus, der offenbar scheitern musste, wenn er an seine Knie OP dachte, bei der er dem Chirurgen auf einem Monitor zuschauen konnte, wie er eine Schlaufe um seinen gerissen Meniskus legte. Was danach kam war entsetzlich und er hatte solche Schmerzen bisher nur ein einziges anderes Mal kurzzeitig erlebt, der Eingriff verschlimmerte sein Leiden deutlich und er konnte nach der durchschnittlichen Rekonvaleszenzdauer nicht mehr so laufen wie vor dem Eingriff, nein, es war schmerzhafter geworden. Er machte einen Anlauf in einem medizinisch ausgerichteten Sportstudio. Am Anfang dachte er, es würde ihm helfen, aber nach einiger Zeit bemerkte er, dass es ihm weder half, noch entspannte. Im Gegenteil, das präzise Notieren seiner Trainingsergebnisse machte ihn traurig, weil er einsah, dass er mit diesem System niemals mehr unbeschwert Sport machen konnte. Er saß auf den Maschinen, wie ein Tier im Versuchslabor und die aufgesetzte Freundlichkeit des Personals erinnerte ihn mehr an eine totalitäre Diktatur als an eine überzeugendes Dienstleistungsunternehmen.
Er war umgeben von unglücklichen Menschen, die schmerzende Körper hatten und schnell wieder aus den Exerzitien entlassen werden wollten. Die körperbezogenen Handlungen wirkten hier nicht erregenden, sondern beklemmend.
Außerdem bemerkte er, dass sich sein Zeitempfinden, seitdem er ausschließlich freiberuflich arbeitete, verändert hatte. Er wollte sich nicht mehr einfach nur noch Entspannen, seine Tage kamen ihm viel zu kurz zum Leben vor und er konnte sich nicht aufraffen zu Dingen, die er früher ohne ein Bedenken für gut erachtete. Jetzt wollte er alles auskosten, besonders sich selbst, das Dasein, das Nachdenken und das zwangsläufige
Scheitern. Er wollte sich immer wieder neu zusammen setzen, auch wenn er wusste, das dies ein endlicher Vorgang war. Er musste versuchen Geld zu verdienen und das war recht kompliziert. Komplizierter, als er dachte
Das abgeschnittene Ohr, welches er auf sein T-Shirt drucken wollte, gab ein gutes Bild für seinen Zustand ab. Er war sowohl geistig, als auch körperlich verletzt und konnte damit doch ruhig und konzentriert umgehen. Die Reminiszenz an das völlige Scheitern eines Künstlers, der in seinem Werk erst posthum grenzenlose Anerkennung erfahren hatte, wurde ihm zum Sinnbild einer vagen Hoffnung. Schließlich war alles im Leben vage.
Hagen Rehborn © 2007
Das Haus liegt am am Rande des Waldes. Vorortsiedlung. Der Hund wartet am schmiedeeisernen Tor der Einfahrt. Es ist etwas verrostet und quitscht, als der Mann einen Flügel öffnet, der Hund drängt mit der Nase schon durch den ersten sich öffnenden Spalt. Der Mann ruft ihn verärgert. Der Hund kommt zurück, der Mann befestigt mit dem Karabinerhaken die Leine am Halsband. Der Hund wedelt und sie gehen nun gemeinsam die Straße entlang ca. 200 hundert Meter bis zum Ende der Häuserzeile. Dort mündet die Fahrbahn in einen durch Sperrfosten abgetrennten Fußgängerweg. Der Hund schnüffelt und hebt an einer Heckeneinfassung das Bein, der Mann zieht ihn schnell weiter. Der Wald ist in unmittelbarer Nähe. Es ist feucht, vor wenigen Minuten hat es noch etwas geregnet. Die Bäume sind sehr grün und dicht, der Waldboden ist braun, feucht und an manchen Stellen mit leichtem Bewuchs versehen. Es riecht nach Erde und Gras. Der Hund zieht an der Leine, er hatte beim Passieren der Sperrfosten ausnahmsweise die Seite genommen, an der der man mit der Leine vorbeigehen kann. Sonst nahm er immer die Seite, an der man ihn wieder zurückziehen muss, weil der Arm nur durch das Loslassen der Leine nicht hängen bleibt.
Der Mann zieht den Hund zu sich und löst den Karabinerhaken. Der Hund ist sehr aufgeregt und stürzt sich sofort zu einem niedrigen Busch um zu markieren.
Der am Waldsaum nur noch mit Schotter bedeckte Weg biegt um die Ecke durch einen hohen Pappelbestand. Der Hund läuft voraus. Der Mann ruft ihn zu sich. Der Hund kommt zurück, rennt auf den Mann zu, wedelt und macht wieder kehrt um in schnellem Schritt dem Weg erneut zu folgen. Der Mann folgt dem Hund. hinter den Pappeln, die leicht im Wind rauschen liegt in einer Lichtung ein Wasser, der Waldteich. Der Mann sieht den Hund nicht mehr. Doch durch das Laub der Bäume hindurch sieht er auf der anderen Seite des Teiches eine Person stehen, sie leuchtet weiß. Der Mann beschleunigt seinen Schritt noch etwas und durchquert die Pappeln. Er sieht nun den ganzen Teich. Der Hund steht auf der anderen Seite bei einer Frau, die einen weißem Trenchcoat trägt. Vor ihr steht der Hund und ein schwarzer Pudel. Die Frau hebt einen Stock vom Boden auf und wirft ihn in das Wasser. Der Hund springt hinterher und schwimmt auf die Stelle zu, welche beim Auftreffen des Stocks auf die Wasseroberfläche, kleine Wellen verursacht hat. Er schnauft laut. Der schwarze Pudel steht am leicht erhöhten Ufer und bellt, die Szene überblickend, das Wasser an.
Der Mann erreicht die Frau und begrüßt sie mit einem „Hallo“. Sie schaut ihn an und sagt „Guten Tag“. Der Pudel bellt weiter heftig das Wasser an. Der Hund hat den im Wasser schwimmenden Stock erreicht und greift ihn mit der Schnauze. Er schnauft noch lauter und schwimmt mit dem Stock zurück. tropfnass steigt er aus dem Wasser und läuft auf den Mann zu, bleibt vor ihm stehen, lässt den Stock fallen und schüttelt sich energisch.
Die Frau lacht. Ihr Trenchcoat ist mit dunklen Wasserflecken übersät. Der Pudel bellt noch immer, die Frau sagt: „Du alter Angeber, du bist doch ein Feigling“.
Der Mann lacht. Er schaut die Frau an, dann den Hund und nimmt ihn an die Leine, dieser schüttelt sich nochmals, aber nur noch in einer zittrigen Bewegung, welche sein Hinterteil tänzeln lässt. Der Mann geht Richtung Weg und sagt laut mit Blick auf die Frau: „Auf Wiedersehen“.
Sie lächelt und dreht sich zum Pudel, der Anstalten macht dem Mann zu folgen und hält ihn am Halsband fest. Sie sagt ihm etwas ins Ohr und lacht erneut. Der Mann kennt einen großen schwarzen Pudel in der Gegend. Der heißt Ivan. Er hat ihn schon häufiger mit einem etwa 12 Jahre alten Mädchen im Wald gesehen. Dieser Pudel sieht genauso aus, wie der Pudel der Frau. Auch sein Hund scheint ihn erkannt zu haben, sonst hätte er sicher aggressiv gebrummt, schließlich ist der Pudel ein Rüde und sein Hund mag zudem keine schwarzen Hunde. Der Mann dreht sich zum Hund, geht mit ihm von der Lichtung in den Wald. Um ihn herum sind nun Birken mit Fichten durchmischt. Der Hund zieht an der Leine, der Mann greift nach dem Halsband und löst den Karabinerhaken. Durch die Bäume sieht er beim zurückblicken noch etwas weiß vom Mantel der Frau. Aus einem Busch fliegt eine Amsel tief über dem Weg und verschwindet mit lauten Rufen in einem anderen Gebüsch.
Der Hund rennt wedelnd vor und schnüffelt mal hier und mal da am Wegesrand. Sein Fell wirkt, weil es nass ist, dunkel. Die Sonne steht hinter den Bäumen, durch die Birken scheint sie bis auf den Waldboden. Es ist diesig. Der Mann geht weiter und ruft den Hund, der an einer Weggabelung nach rechts läuft, der Mann will aber nach links, sie überqueren einen Sandweg, auf dem Pferdeäpfel liegen. Der Hund schnüffelt an ihnen, der Mann ruft: „Pfui!“ Der Hunde schaut den Mann an und läuft den Weg schnell weiter. Der Wald besteht nun aus Eichen und Ahorn. Die Sonne kommt nicht mehr bis zum Waldboden. Nach ca. einem Kilometer erreichen sie eine Lichtung, schon von weitem ist das hellere Tageslicht zu sehen. Auf der Lichtung ist ein Fußballplatz, umgeben von einer roten Tartanbahn. Der Platz ist von einem mannshohen Zaun umgeben, an dem Wicken entlangranken, die schon wieder im Absterben begriffen sind, ihre Blätter sind überall gelb, aber es gibt noch reichlich weiße große Blüten, die makellos sind.
Der Hund rennt am Zaun entlang, der Mann schaut auf den Fußballplatz, er ist völlig leer, der nasse Boden dampft ein wenig, es ist jetzt sehr schwül. Der Hund hat einen Abfalleimer an einer Ecke des Spielfeldes erreicht, wo sich auch ein Tor im Zaun befindet, vor dem Eimer, der auf halber Höhe an einem Metallpfosten hängt, liegt eine transparente Mülltüte, in der ein undefinierbarere Inhalt, etwa so groß wie eine Honigmelone, eingewickelt ist. Der Hund beschnüffelt die Tüte und zerrt an ihr. Der Mann ruft ihn laut und rennt in seine Richtung, der Hund schaut erstaunt auf und wartet, bis der Mann ihn erreicht. Der Mann nimmt die Tüte und wirft sie in den Abfalleimer und tätschelt dem Hund am Hals. „Brav gemacht.., das ist pfui…“, sagt er beruhigend zum Hund, der nun wieder anfängt zu wedeln.
Sie biegen nun am Zaun scharf nach links ab und folgen dem Verlauf der Tartanbahn noch eine Weile, die Wolkendecke zieht sich weiter zu und an der nächsten Platzecke biegt der Hund, einer Wegabzweigung folgend, vom Sportplatz weg in den Wald ab, der Mann folgt.
Der Weg wird schmaler und geht über Baumstümpfe, an einigen Stellen sind große Pfützen. Der Hund läuft mitten hindurch und schlabbert etwas vom Wasser, der Mann, umrundet sie indem er durch die wegsäumenden Brennnesseln geht, er hebt dabei die Hände, damit seine Arme die Nesseln nicht berühren. Der Hund bleibt kurz stehen und dreht sich um, um auf den Mann zu warten, der wegen der Pflanzen und Pfützen etwas zurückgefallen ist. Weit entfernt ertönt ein Schuss, dann ein zweiter. Der Hund spitzt die Ohren und verharrt kurz wie angewurzelt. Gemeinsam überqueren sie nach einiger Zeit erneut die Sandpiste für Pferde und kommen wieder in das Waldstück mit den Birken und Fichten. Die Luft ist schwer von Feuchtigkeit. Es beginnt leicht zu regnen, die Tropfen sind wie warmes Wasser auf der Haut. Der Hund hat seinen Schritt etwas verlangsamt, sein Interesse für den Wald hat nachgelassen, seitdem sie auf dem Rückweg den gleichen Weg wie auf dem Hinweg eingeschlagen haben. Der Mann bemerkt das Desinteresse des Hundes und biegt plötzlich vom Weg ab, direkt in ein Birkendickicht. Der Hund folgt nun wieder aufgeregt. Der Boden ist unwegsam, es gibt viele Brombeersträucher, die noch sehr klein sind und deshalb wie Fallstricke ihre Ranken über den Boden führen, zwischendurch sieht man kleine gelbe Pilze, die auf vermoderten Holzstücken siedeln. Der Hund stöbert in einer grasigen Fläche eine Ringeltaube auf, die mit raschelnden und schwirrenden Geräuschen, leicht torkelnd aufbaumt und dann über die Wipfel einiger Fichten verschwindet.
Der Hund rennt vom Jagdfieber gepackt hinterher. Der Mann kann ihn schon nicht mehr sehen, er ruft ihn und folgt in seine Richtung. Bald findet er ihn vor einem Erdbau auf drei Beinen vorstehend, den Kopf zu Seite gedreht. Er ist völlig auf das Erdloch konzentriert und schaut den Mann bei seinem Erscheinen nur kurz an um gleich wieder in das dunkle Loch zu starren.
Der Mann lächelt und lässt seien Blick durch die Birkenstämme schweifen, hinter denen Pappeln deutlich höher und leicht im einsetzenden Regen rauschend, sich erheben.
Durch die Bäume erkennt er, dass vor ihnen der Waldteich liegt. Er will gerade in dessen Richtung gehen, als er innehält. Durch die Bäume kann er im Wasser etwas schwimmen sehen. Es ist ein Mensch mit dunklen Haaren, der untertaucht um dann wieder prustend aufzutauchen und den Kopf zu schütteln. Der Mann geht näher Richtung Wasser und erkennt, dass die Frau, die er vorhin mit dem schwarzen Pudel getroffen hat, genau in der Mitte des Teiches im Wasser schwimmt. Ihr dunkles Haar ist durchnässt ganz schwarz, ihre Schultern schauen aus dem Wasser und sind sehr weiß. Sie taucht erneut unter und zeigt dabei Teile ihres Rückens, ihres Hinterns und ihrer Beine, als sie beinahe kopfüber in das Wasser, was wie eine dunkle Flüssigkeit anmutete, hinabtaucht. Die Oberfläche tanzt von dem stärker werden Regen.
Der Mann starrt auf den Teich und zögert. Der Hund schaut weiterhin auf das Erdloch und beginnt nun den Eingang durch Scharren zu erweitern. Er knurrte dabei leicht. Der Mann schaute zu ihm hinüber und machte leise „Schschschsch…“ und hebt demonstrativ den Zeigefinger zum Mund.
Er hockt sich auf den Boden und späht aus der Deckung erneut zum Teich. Die Frau tauchte wieder auf. Sie streicht sich die Haare aus dem Gesicht und drückte sie hinter dem Kopf etwas aus. Dabei hält sie sich mit schwimmenden Bewegungen der Beine und der anderen Hand in einer fast stehenden Haltung im Wasser, ihre Brüste sind zeitweilig etwas zu sehen. Auch sie sind sehr weiß.
Der Hund hat begonnen sehr heftig an dem Erdloch zu graben und dabei fängt er an aufgeregt zu bellen, offenbar hat er die Witterung eines Tieres aufgenommen und versucht es nun freizulegen.
Die Frau im Wasser dreht den Kopf in seine Richtung und versucht etwas im Laub der Bäume auszumachen. Der Mann zögert, überlegt kurz, steht dann auf und geht forsch durch die Birken auf den Teich zu, ziemlich genau dorthin, wo er die Frau zuvor mit dem schwarzen Pudel, welcher wahrscheinlich Ivan heißt, getroffen hat. Der Pudel ist nicht zu sehen.
Sie sieht ihn auf das Wasser zukommen und streckt ihren nackten Arm aus, um zum Gruße zu winken. Dabei reckt sie ihre Brüste ganz aus dem Wasser, um dann wieder hinabzusinken und leicht hörbar hell zu lachen. Der Hund bellt im Hintergrund wie verrückt. Der Mann dreht sich um und ruft ihn energisch. Der Hund bellt weiter und winselte laut. Der Mann dreht sich um und sieht wie sich die Frau anschickt wieder Kopf voran unterzutauchen. Sie gibt einen juchzenden Laut von sich. Er dreht sich um und läuft durch die Bäume zurück zum Hund. Dieser hat sich in seinem Jagdfieber bereits bis zum Hals in den Bau vorgegraben und bellt in den Boden hinein. Der Mann fasst ihn am Halsband und zieht ihn mit aller Kraft aus dem Erdloch. Der Hund ist gänzlich verschmutzt, sein Sabber ist auf der gesamten Schnauze verteilt und die Erde hat sich mit dem Speichel zu einer Art Brei verbunden, seine Augen tränen sichtbar und auch an ihnen kleben Erdkrumen. Sein Fell ist voller Reste des Waldbodens. Er ist nun noch dunkler. Der Mann zieht den immer wieder zurückspringenden Hund energisch vom Bau weg und brüllt ihn an. Der Hund reagiert nur für Sekunden und springt dann wieder auf das Erdloch zu. Der Mann nimmt seine Leine und zerrt den Hund erneut vom Bau weg und befestigt das Halsband am Karabinerhaken. Der Hund jault und seine Winselgeräusche überschlagen sich, so dass sie wie das Quicken eines Schweines klingen. Er versucht nun, trotz der straffen Leine wieder zum Bau zu gelangen. Als energiegeladener Jagdhund hat er enorme Kräfte und zerrt den Mann erneut zum Erdloch. Dieser brüllt den Hund nun außer sich vor Erregung an und schlägt mit einem Ende der Leine auf sein Hinterteil ein. Nun unterbricht der Hund seine Raserei, wirft sich zu Boden, noch halb in der Erde steckend und versucht sich winselnd auf den Rücken zu drehen. Der Mann zerrte an der Leine und zieht den Hund über den aufgewühlten Waldboden vom Erdloch weg.
Da sieht er aus einem Augenwinkel, wie ein dunkler Vogel sehr schnell, fast wie ein Pfeil aus dem verbreiterten Erdbau herausgeschossen kommt, nicht größer als eine Taube und in ungeheuerlicher Geschwindigkeit verschwindet er dicht über dem Boden in Richtung des Teiches. Der Hund ist völlig verblüfft aufgesprungen und der Mann folgt mit den Augen dem dunklen Objekt und senkt seinen Blick dann auf die Oberfläche des Teiches. Auf der Wasseroberfläche tanzten die Regentropfen. Der Regen überlagerte jedes andere Geräusch. Der Mann zieht den Hund mit zum Teichufer und schaut gespannt auf die Wasseroberfläche. Er selbst ist nun sehr nass und der Regen läuft an seiner Nase entlang, so dass er sich mit der Hand über das Gesicht fahren muss, um die juckenden Tropfen zu beseitigen.
Der Hund steht eng an sein rechtes Bein geschmiegt mit eingeklemmtem Schwanz, hängenden Ohren und großen Augen. Der Mann starrt weiter auf das Wasser. Nichts passiert. Die Frau taucht nicht auf. Er zählt leise die Sekunden. Ungefähr nach der Zahl dreißig beginnt er um das Ufer zu laufen, der Hund immer eng an seinem Bein. Nichts regt sich. Er schaute abwechselnd auf den Teich und in den Walde. Nach einigen Minuten setzt er sich erschöpft auf den Stumpf einer abgesägten Pappel, der Hund steht angeleint in unmittelbarer Nähe und schaut vom Regen tropfnass in den Wald. Der Mann starrt wieder ins Wasser und überlegte krampfhaft. Er lässt die Leine los, steht auf und zieht seine Schuhe aus. Er stellte sie auf den Baumstumpf und watete langsam mit gespreizten Armen ins Wasser, der Boden im Teich ist glitschig und quillt zwischen den Zehen hoch. Er hat seine Hose hochgekrempelt. Der Hund steht am Ufer und schaut ihm zu.
Als das Wasser den Stoff seiner Hose zu durchnässen beginnt hält der Mann inne, drehte sich zum Hund um und schaut dann wieder aufs Wasser. Der Hund legt sich hin und bettet seinen Kopf auf die Vorderpfoten, der Speichel ist vom Regen weggespült, ein kleiner Rest hängt noch an den Lefzen. Der Mann bleibt bis an die Hüften im Wasser stehen.
Am Frühstückstisch neben Zuckerherzen als Dekohagel und einem „Happy birthday“ aus Schokolade, das Geschenk meiner Eltern, ein Gutschein für ein Schlafsofa nach eigener Wahl. Das wäre mein erstes Sofa, ich wollte so etwas nie, weil es mir zu sehr Ausdruck des Couchpotato-Daseins war, obwohl ich in meinem Atelier ein 60er Jahre 3er Sofa vom Sperrmüll habe und es sehr liebe. Gebrauchte Möbel haben Seele, unpathetisch.
Ich hatte nie Geld für Möbelgeschäfte, und wenn, dann habe ich es doch in Kunstmaterialien oder Reisen investiert.
Dieses Jahr fällt mein Geburtstag wieder einmal auf einen Freitag und ist somit der Unglückstag schlechthin. Freitag der dreizehnte.
Nun, das kann mir nichts anhaben, schließlich bin ich höchstwahrscheinlich auch an einem Freitag zur Welt gekommen.
Nach einer Innenminiskus OP Ende letzten Jahres kann ich nicht mehr Joggen und begnüge mich mit der Hoffnung auf keine weiteren OP's und der baldigen Möglichkeit wieder wandern gehen zu können. Der Eingriff scheint soweit ziemlich schief gelaufen zu sein, das will nur niemand zugeben. Ich habe deshalb die meisten Arztbesuche eingestellt. Mein neues Sportstudio ist gesundheitsorientiert und mutet mir schon nach wenigen Wochen wie ein Strafgefangenenlager an. So will ich meinen Körper definitiv nicht beweglich halten müssen, aber der Vertrag ist für ein Jahr bindend, also bis ich fast einundvierzig Jahre alt sein werde. Da ich durch meine Bewegungseinschränkung zu wenig verbrenne und trotzdem viel und zu gerne esse, versuche ich einer drohenden Verfettung mit Trennkost entgegenzutreten. Mein Partner beruhigt mich, ich bin nach Jahren des Singeldaseins in einer festen Beziehung und zweifle trotzdem daran, ob eine dauerhafte und enge Verbindung wirklich mein einziges Glück bedeuten kann. Meine vorzeitige Vergreisung demonstriere ich den im nahe liegenden Forst eingesperrten Wildschweinen beim Nordic Walking, mit aus Scham zum Boden gesenktem Kopf. Aber etwas anderes schaffen meine Gelenke derzeit nicht.
Das Walken zu Ostern war eine echte Belastungsprobe. Bei dem schönen Wetter hatte sich der sonst zwar nicht unbelebte, aber doch ruhige Wald in eine dicht bevölkerte und irgendwie nur zufällig baumstandene Freizeitinsel verwandelt. Auf jede Pflanze kam ein Sonnen- und Frischlufthungriger. Wild gestikulierende und schreiende Kinder vor den Wildgehegen, die mit Steinen nach den Wildschweinen und deren Frischligen warfen, welche laut kreischend als „die gestreiften Zwergschweine“ tituliert wurden. Was soll man auch sonst mit den Tieren machen.
Picknickveranstaltungen, die mit portablen Küchen zu echten Luxusdiners für Großfamilien wurden.
Vierzehnjährige , offenbar ziemlich pubertierend, in 100% igen Nylonsporthosen, die mit einem infernalisch laut Musik spielendem MP3 Handy in der Hand von Bank zu Bank joggten, um immer mal wieder eine ordentliche Zigarettenpause einlegen zu können und bei denen man sich wohltuende Kopfhörer zum endgültigen Ausschalten des Hörvermögens dringend herbeisehnte.
Und Achtjährige, die von ihren anscheinend nicht arbeitslosen Vätern ethanolbetriebene Kindermotorräder geschenkt bekommen hatten, welche man unbedingt auf Waldwegen bis zur geschätzten Höchstgeschwindigkeit von österlichen einhundertfünfundsechzig km/h mal so richtig ausfahren sollte.
Gut, ich bin trotzdem einfach weitergewalkt, bis die Knie richtig schön weh taten, dann noch mal schnell ins Einkaufscenter, jetzt Samstags bis 22 Uhr geöffnet und in einem Haufen Silberpapier-Schokoladenbruchbrei mit dem Einkaufswagen steckengeblieben. Wo sonst ein Süßigkeitenregal war, stand nun nur ein von Leere gähnendes Holzregal, dessen Seitenteile abgebrochen waren. Die auf dem Boden liegenden Reste hatte sich in den Rollen des Wagens verklebt. Aus einem quoll eine nougatfarbene Sauce.
Nach der Befreiung stürmte ich mit klebrig braunen Händen eine Etage höher vor das Frischeiregal. Augenscheinlich hatte sich dort ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Nichts als zerborstene Resteier und platt gewalste Pakete auf dem Boden, die ineinander geschlagen worden waren. Meine klebrigen Hände suchten verzweifelt nach einem unbeschadeten Paket. Keine Chance. Eine in der nähe Konservendosen aufstapelnde Verkäuferin sollte mir bei der Suche nach frischer Hefe behilflich sein. „Schon lange nix mehr da“, war die freundlich geröchelte Antwort und ich begann zu akzeptrieren, dass Ostern mich anscheinend nicht wollte.
Man kann auch mit Trockenhefe backen und Eier hatte ich noch im Kühlschrank. Es kam zu einer unverdrossenen campanischen Ostertorte mit Reis-Zitronatfüllung und einem griechischen Osterbrot in Sesam.
Ansonsten verging Ostern dann wie im Fluge und derzeit bin ich schon wieder ganz wo anders.
Wie spricht man einen Galeristen souverän in einer Galerie an? Spricht man wohlwollend und Kennerschaft verratend über die ausgestellten Arbeiten, den wunderbaren Ausstellungsraum der Galerie, preist das Programm der letzten Monate und schafft es, das Gespräch auf sich zu lenken und völlig unprätentieus einfallen zu lassen: Ich bin auch Künstler? Haben Sie keine Vakanzen? Finden Sie nicht auch, dass ich bei den durchschnittlich fünf pro Tag bei ihnen aufschlagenden verkrachten Existenzen, die eine Austellungsmöglichkeit suchen, der eine bin, den sie immer wollten, der Parzival ihrer Galerie, der entgegen aller Annahmen das hat, was sie schon immer gesucht haben: den richtigen Ausdruck des Scheiterns, den Gral.
Nach vierzig Jahren, bin ich endlich für Sie ausgeschlüpft, als Held des Kunstmarktes.
Heureka, es ist ein Osterhase! „Nicki der weiße Hase“, meine Lieblingsmärchenplatte.
Der weiße Nicki macht sich auf, um den Wald der Osterhasen zu finden, denn schließlich gibt es nur bei ihnen, was er immer vermisst hat: Anerkennung von Gleichgesinnten. Die Märchenplatte ist derzeit leider im Keller verschollen, vielleicht hat meine Mutter sie auch weggeschmissen. Spurensuche ist angesagt.
Betrifft Anerkennung meiner Künstlerischen Abschlüsse an der Kunstakademie Düsseldorf als Staatsexamen 1 durch die dafür zuständige Prüfungsstelle des Bildungsministeriums Nordrhein-Westfahlen.
Sehr geehrte Damen und Herren,
anbei finden Sie folgende Dokumente:
1. Fotokopien Dossierverklaringen ( Abschlussbewertungen ) der Kunsthochschule Utrecht/NL
2. Fotokopie meines Zwischenprüfungszeugnisses von der Kunsthochschule Utrecht/NL
3. Fotokopien meiner Leistungsnachweise an der Kunstakademie Düsseldorf
4. Fotokopie meines Studienbuches an der Kunstakademie Düsseldorf
5. Studienordung zum künstlerischen Abschluss “Akademiebrief” an der Kunstakademie Düsseldorf
6. Fotokopien der von mir erworbenen “Scheine” an den Universitäten Köln und Tübingen in den Fachbereichen Politikwissenschaften,
deutsche Philologie und Romanistik
7. Fotokopie meines Zwischenprüfungszeugnisses im Fach “Deutsch” an der Philosophischen Fakultät der Universität Köln
8. Ausstellungen/Ausbildung
Im Folgenden werde ich versuchen die Studieninhalte und das zeitliche Engagement während meines Kunststudiums zu umreißen, da die Angaben des Studienbuches und meiner Leistungsnachweise nur einen geringen Teil meiner Semesterwochenstunden darstellen.
Mit freundlichen Grüßen Hagen Rehborn
Zu 1./2.
Das Grundstudium an der Kunsthochschule Utrecht/NL umfaßt einen festen Stundenplan mit sowohl praktischen, als auch theoretischen Fächern und deren Kombination. Das Studium ist in Studienhalbjahre und Studienjahre unterteilt. Ich war insgesamt 1,5 Zeitjahre an der Hochschule in Utrecht. Wegen besonders guter Leistungen habe ich ein Studienjahr übersprungen und bin vom ersten Studienjahr direkt ins dritte Studienjahr gewechselt.
Stundenplan:
4 Wochenstunden Bildhauerrei, Praxis und Theorie.
Themen: Zylinder, Säule, Geometrie des Dreiecks, Quader, Raumvolumen, Licht auf der Plastik, Abstraktion von bekannten Ikonographien (z.B. Weihnachtsbaum).
- Formgebungsstudien in Gips, Ton und Styropor
- Übungen zu Raumvolumen und und Raumbezug
- Lehrgänge in den Bereichen, Holzschreinerei, Metallbau, Kunststoffverarbeitung
- Theoretische Erörterungen im Rahmen eines Colloquiums mit kunsthistorischen Aspekten zur Geschichte der Bildhauerei
> Zwei schriftliche und drei mündliche/praktische Prüfungen zu selbst erstellten Werkstücken innerhalb eines Jahres.
Abschlusspräsentation vor einer Kommission
4 Wochenstunden “onderzuekend Experiment” - Kunstbereich Installation und neue Darstellungsformen in Verbindung mit philosophischen und intertexturalen Themen.
Themen: Sprache in der Kunst, kunsttheoretische Bedeutung sprachbezogener Philosophie, wie z.B. bei Wittgenstein, Nationalität als künstlerische Identität, Psychoanalyse als kunstanalytische Lehre.
- Praktische Umsetzung gestellter Aufgaben unter Verwendung multidisziplinärer Techniken ( Bildhauerei, Foto, Video, Malerei, Spurensuche, Collage, Installation etc. )
- Theoretische Erörterungen im Rahmen eines Colloquiums mit kunsthistorischen Aspekten zur Geschichte der interdisziplinären
Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts
> Zwei schriftliche und drei mündliche/praktische Prüfungen zu selbst erstellten Werkstücken innerhalb eines Jahres.
Abschlusspräsentation vor einer Kommission
4 Wochenstunden Zeichnung
- 2 Stunden Aktzeichnen
- 2 Stunden freies Objektzeichnen
- Theoretische Erörterungen im Rahmen eines Colloquiums mit kunsthistorischen Aspekten zur Geschichte der Zeichnung
- eine praktische Prüfung im Rahmen eines Colloquiums. “Selbstbeschreibung des entstandenen zeichnerischen Werkes”
>Abschlusspräsentation vor einer Kommission
2 Wochenstunden Kunstgeschichte in Form von Bildbetrachtung zu den Epochen:
Antike, Mittelalter, Renaissance, Barock, Rockoko, Romantik, Klassik.
Malereigeschichte insbesondere für das 20. Jahrhundert: Symbolismus, Impressionismus, Kubismus, neue Sachlichkeit, Abstraktion, Informel, Tendenzen nach dem 2. Weltkrieg.
>Abschlussreferat nach Themenvorgabe ( “Die Linie im deutschen Informell nach 1952” ), schriftliche Prüfung zu Themenbereich Bildanalyse.
4 Wochenstunden Malerei als Werkbegleitung im Malersaal, einmal wöchentlich 1,5 stündiges Colloquium mit Erörterungen zu Technik und individueller Herangehensweise.
Drei Werkprüfungen als Präsentation vor der Klasse mit Beurteilung der Arbeitsstrategien und deren Umsetzung.
>Abschlusspräsentation der erstellten Arbeiten vor einer Kommission.
zu 3./4./5.
An der Kunstakademie Düsseldorf habe ich in der Klasse von Prof. Nan Hoover und der Klasse von Prof. Magdalena Jetelova studiert.
Im Rektoratssekretariat der Kunstakademie Düsseldorf sagte mir Frau Blablabla, dass es ein Formschreiben zum Aufwand des Studiums im Klassenzusammenhang geben würde, dieses müsse aber vom Klassenleiter unterschrieben werden. Frau Hoover ist unterdessen erimetiert und lebt anscheinend in Berlin, Frau Jetelova hat unterdessen eine Professur in München und lehrt nicht mehr in Düsseldorf. Ich habe keine realistische Möglichkeit eine der beiden zu kontaktieren, da schon seit Jahren kein Kontakt mehr vorliegt.
Stundenplan während des gesamten Studienzeitraumes Sommersemster 1993 bis Sommersemster 1996 an der Düsseldorfer Kunstakademie:
SS 1993, WS 1993/1994, SS 1994, WS 1994/95, SS 1995, WS 1995/96, SS 1996:
4 Wochenstunden Colloquium bei Prof. Nan Hoover, in dem sowohl künstlerische Arbeiten von Studenten gezeigt und unter philosophischen und kunsthistorischenn Aspekten besprochen wurden, als auch eingeladene Gastkünstler, die Ihre Arbeiten und ihre Arbeitsweisen vorstellten.
Die kontinuierliche Präsentation studentischer Arbeiten bestand sowohl aus einer theoretische Auseinandersetzung mit dem Werk, als auch der Betrachtung der Stringenz in der formalen und inhaltliche Präsentation.
Vergleichende Betrachtung in kunsthistorischer Hinsicht fand bei der Präsentation der unterschiedlichsten Medien aus den Bereichen Multimedia, Installation, Fotografie, Video, Malerei und Bildhauerei statt.
Die Präsentation der studentischen Arbeiten führte einmal jährlich zur Konzeption einer Klassenausstellung außerhalb der Akademie ( z.B. in den Räumen des Bilker Forums/Düsseldorf ) und zur Präsentation der Klassenarbeiten im Rahmen der alljährlichen Akademieausstellung “Rundgang”.
Bei der Präsentation von Gastkünstlern war das Einarbeiten in das Werk und dessen kunsthistorischer Bezüge obligatorische Vorraussetzung für die Teilnahme.
Im WS 1994/1995, SS 1995 und WS 1995/96 war ich außerdem studentische Hilfskraft/Tutor der Klasse Hoover.
In dieser Funktion musste ich die wöchentlichen Colloquien inhaltlich und konzeptuell vorbereiten.
> 4 Wochenstunden Organisationsaufwand, Erstellung von Begrüssungsmaterial, thematische Vorbereitung, Sichtung Archivmaterial, Diashow-Zusammenstellung, Literaturzusammenstellung für das wöchentliche Colloquium.
SS 1993, WS 1993/1994, SS 1994, SS 1995:
> 2 Wochenstunden offenes Colloquium Prof. Gerhard Merz.
Im Rahmen diese Colloquiums stellte Herr Prof. Merz interdisziplinäre Themenbereiche vor, welche sein eigenes Werk oder das eines anderen Künstlers betraf.
( z.B. “Neurophysiologie und Weltwahrnehmung”, “Erkenntnis und Wahrheit”, “Wort und Schrift als Weltkonzept” )
Das Colloquium bestand sowohl aus Vorträgen von Herrn Merz, als auch offenen Gesprächskreisen mit Studenten.
SS 1993, WS 1993/1994, SS 1994, WS 1994/95, SS 1995, WS 1995/96, SS 1996:
> 2 Wochenstunden Selbststudium in der Bibliothek der Kunstakademie Düsseldorf. Videoarchiv, Ausstellungskatalogarchiv der Kunstprofessoren der Akademie, historisches Quellenstudium der Geschichte der Kunstakademie und Ihrer Lehrer.
SS 1993, WS 1993/1994, SS 1994, WS 1994/95, SS 1995, WS 1995/96, SS 1996:
Durchschnittlich
> 12 Wochenstunden praktische Arbeit in den Werkstätten der Kunstakademie.
- Arbeiten in der Gipswerkstatt, der Keramikwerkstatt, der Holzwerkstatt, dem Fotolabor und dem Videodepartment
SS 1993:
> 4 Wochenstunden Video Grundkurs: Kamerabenutzung, Studiotechnik, analoger Zweimaschinenschnittplatz
Wintersemster 1993/94
> 4 Wochenstunden Video Grundkurs für Fortgeschritten: analoger Dreimaschinenplatz, Bin-Studioeinführung, Tontechnik
Sommersemster 1996
> 4 Wochenstunden AVID Schnittkurs Grundlagen
Wintersemster 1996/97
im Rahmen meiner Gasthörerschaft bei Prof. Paul Good/Philosophie
> 4 Wochenstunden AVID-Schnittkurs für Fortgeschrittene
Wintersemster 1994/95
> 4 Wochenstunden Fotolabor Grundkurs, s/w Entwicklung
Sommersemster 1995
> 4 Wochenstunden Fotolabor Kurs für Fortgeschrittene, Farbentwicklung
Auflistung der besuchten Lehrveranstaltungen an der Kunstakademie Düsseldorf aus den Fachbereichen: Kunstgeschichte, Soziologie, Pädagogik, Philosophie, Psychologie, Poetik:
SS 1996
Seminar Philosophie
- Antigone, “Klassiche Tragödie?” ( Kösters ): Referat ,mündliche Leistung > 2 Wochenstunden
Vorlesung Philosophie
- Meister Eckart: Vom Bildlosen beim Bildermachen ( Good ) > 1,5 Wochenstunden
Vorlesung Kunstgeschichte
- Amerikanische Kunst: Von der heroischen Attitüde zur Inszenierung des Banalen ( Spies ) > 1,5 Wochenstunden
Vorlesung Kunstgeschichte
- Die Wirklichkeit der Kunst ( Hofmann ) > 1 Wochenstunden
WS 1995/96
Hauptseminar Philosophie
- Ethik der sexuellen Differenz, “Die Selbstliebe” von Luz Irigaray ( Kösters ): Referat, schriftliche Arbeit, mündliche Leistung > 2 Wochenstunden
Hauptseminar
- I. Kant: “Kritik der reinen Vernunft” ( Jäger ): Referat, mündliche Leistung > 2 Wochenstunden
Vorlesung Kunstgeschichte
- Amerikanische Kunst ( Europäer im Exil - Die Schule von New York ) ( Spies ) > 1,5 Wochenstunden
Vorlesung Soziologie
- Von Alfred Schmela zu Susumu Yamamoto: Kunsthändler und Kunstmarkt im ausgehenden 20. Jahrhundert ( Thurn ) > 1,5 Wochenstunden
Vorlesung Pädagogik
- Erziehung und Menschenbild im 20. Jahrhundert ( Bilstein ) > 1,5 Wochenstunden
SS 1995
Hauptseminar Kunstgeschichte
- Übungen vor Originalen, Niccolo dell’ Abate als Zeichner ( Hofmann ): Referat > 2 Wochenstunden
Vorlesung Philosophie
- Wittgenstein und die Künste ( Good ) > 1,5 Wochenstunden
Vorlesung Psychologie
- Ein Bild und sein Schatten: Psychologische und ikonographische Studien zur Melancholie und Depression I ( Heubach ) > 1,5 Wochenstunden
WS 1994/95
Mittelseminar Kunstgeschichte
- Museumsgeschichte, “Sammulngshort zum Austellungort”, Museum am Ostwall, Dortmund ( Bartsch/Theissing ): Referat > 2 Wochenstunden
Mittelseminar Psychologie
- Übungen vor Projektionen Werke zeitgenössischer Kunst in psychologischer Hinsicht ( Heubach ), Referat, > 2 Wochenstunden
Vorlesung Kunstgeschichte
- Kunst der Renaissance in Italien ( Hofmann ) > 1 Wochenstunden
Vorlesung Philosophie
- Differenz sagen: Das Hauptthema der Gegenwartsphilosophie ( Good ) > 1,5 Wochenstunden
Vorlesung Pädagogik
- Menschen-Bilder: Sinn und Symbole ( Bilstein ) > 1,5 Wochenstunden
SS 1994
Hauptseminar Psychologie
- “Das Unbehagen in der Kultur”/Sigmund Freud, Lektüre ( Heubach ): schriftliche Arbeit > 2 Wochenstunden
Vorlesung Kunstgeschichte
- Amerikanische Kunst II, “von der Amerong Show bis zur Depression” ( Spies ) > 1,5 Wochenstunden
Vorlesung Philosophie
- Spinoza: Von der Macht der Affekte und von der Befreung durch Erkenntnis, Ethik III-V ( Good ) > 1,5 Wochenstunden
Vorlesung Poetik und künstlerische Ästhetik
- Experimentelle Ästethik und Erkenntnistheorie II ( Wiener ) > 2 Wochenstunden
WS 1993/94
Grundseminar Philosophie
- Heidegger: “Was heisst denken”: Referat, mündliche Leistung ( Jäger ) > 2 Wochenstunden
Vorlesung Kunstgeschichte
- Venizianische Kunst II ( Theissing ) >1 Wochenstunde
Vorlesung Philosophie
- Spinozas Philosophie des Ausrucks ( Good ) > 1,5 Wochenstunden
Vorlesung Pädagogik
- Geschichte der Kindheit ( Bilstein ) > 1,5 Wochenstunden
SS 1993
Proseminar Philosophie
- “Ich will Künstler werden”, Längeres Nachdenken über einen kurzen Satz ( Heubach ): Referat > 2 Wochenstunden
Grundseminar
Martin Heidegger: “Zur Sache des Denkens” ( Jäger ): Referat > 2 Wochenstunden
Vorlesung Kunstgeschichte
- Venizianische Kunst I ( Theissing ) >1 Wochenstunde
Vorlesung Philosophie
- Differenz Sagen: Sprachspiele L. Wittgensteins ( Good ) > 1,5 Wochenstunden
Vorlesung Soziologie:
- Der Kunsthändler: historische Ausformung eines Berufes ( Thurn ) > 1 Wochenstunde
zu 6./7.
Politikwissenschaften:
WS 1988/89
Grundseminar
- Einführung in die Politikwissenschaften/politische Theorie, “Bodin”: Hausarbeit > 2 Wochenstunden
WS 1989/90
Vorlesung
- Politische Systeme I, USA: Vorlesungsklausur > 2 Wochenstunden
Vorlesung
- Internationale Politik I: Vorlesungsklausur > 2 Wochenstunden
Vorlesung
Demokratietheorie: Vorlesungsklausur > 2 Wochenstunden
Romanistik:
WS 1989/90
Sprachkurs
- Intensivsprachkurs Spanisch: Klausur > 4 Wochenstunden
Grundkurs
- Literaturwissenschaften Spanisch: Klausur > 2 Wochenstunden
SS 1990
Grundkurs
- Sprachwissenschaften Spanisch: Klausur > 2 Wochenstunden
Diverse Vorlesungen im bereich alte und neuere Spanische Literatur, z.B. “Literatur der Conquista”, “Don Quichote”, “Fuegos de los Fuegos”, “Kurzgeschichten aus Mittelamerika”, “Die spanische Novelle”. ( Bei Bedarf können diese detailliert nachgereicht werden. )
Germanistik/Deutsche Philologie
WS 1988/89
Proseminar
- Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaften: Seminararbeit > 4 Wochenstunden
Proseminar
- Einführung in die ältere deutsche Sprache I: Klausur > 2 Wochenstunden
SS 1989
Proseminar
- Sprachwissenschaften I: Klausur > 2 Wochenstunden
WS 1989/90
Proseminar
- Sprachwissenschaften II: Klausur > 2 Wochenstunden
Proseminar
- neuere deutsche Literaturwissenschaft, “Karl Philipe Moritz”: Klausur > 2 Wochenstunden
SS 1990
Seminar
- Methodik der empirischen Sozialforschung I: Seminararbeit > 2 Wochenstunden
Proseminar
- Einführung in die ältere deutsche Sprache II: Klausur > 2 Wochenstunden
Hinzukommend: diverse Vorlesungen im Bereich neuere deutsche und ältere deutsche Literatur, z.B. “Mittelalterliche Stundenbücher”, “Mittelalterliche Flaggenkunde”, “Das Niebelungenlied”, “Gedichte des Expressionismus”, “Theaterstücke des Expressionismus” ( Zwischeprüfungshauptthema ), “Adalbert Stifter”, “Schulkanon der neueren deutschen Literatur”, “Die Blechtrommel”, “H. Böll”.
( Bei Bedarf könnten diese detailliert nachgereicht werden. )
Köln im Januar 2007
- to be continued -
Ich hatte zunächst ein wenig Bedenkzeit nötig, um dann festzustellen: man sollte Chancen nutzen, die sich so einfach ohne absehbare Wiederstände auftuen. Ich kümmerte mich also um Kopien meiner Studienabschlüsse und sendete diese mit meinem Lebenslauf und einem formlosen Anschreiben an die Bezirksregierung Düsseldorf. Der Eingang meiner Bitte um Anerkennung meiner Abschlüsse wurde recht schnell per E-Mail Bestätigt. Man teilte mir allerdings auch mit, dass die Bearbeitung sich noch in die Länge ziehen könne, da es derzeit eine ganze Menge gleicher Anfragen gäbe.
Nach sechs Monaten fragte ich per E-Mail erneut freundlich an und man erklärte mir, dass in meinem Fall keinerlei Dringlichkeit vorläge, da ich ja schließlich bisher keine Referendariatsstelle angestrebt hätte und es nur in einem solchen Falle zu einer „beschleunigten“ Bearbeitung kommen könne. Nach weiteren 6 Monaten wurde mir ein Fragebogen zugeschickt, in dem ich mein bereits formlos vor einem Jahr formuliertes Ansinnen nach einer Lehramtsbefähigung für Gesamtschulen und Gymnasien als Sonderfall im Mangelfach Kunst in NRW per Kreuzchen bestätigen musste und bitte einen Lebenslauf beilegen möge. Nach recht kurzer Zeit, (nicht mehr als zwei Wochen) teilte man mir mit, dass nun das Prüfungsamt Paderborn mit der Anerkennung meiner Abschlüsse betraut sei. Von da bekam ich dann auch recht schnell Post. Der verantwortliche Beamte teilte mir freundlich mit, dass er zur Beurteilung der Breite meines Studiums an der Kunstakademie Düsseldorf und der Kunsthochschule in Utrecht Belege benötige, die diese Breite meines Studiums belegen würden. Des weiteren benötige er einen Lebenslauf, welcher dokumentiere, was ich seit meinem Studium beruflich getan hätte. Nun, ich war, bin und werde wohl Künstler sein.
Nach kurzem Zögern und dem Abwägen des Aufwandes, begann ich meine alten Studienbelege, Studienbücher und Semiarscheine herauszusuchen. Glücklicherweise befand sich alles in einem Karton, so dass ich außerdem auch mein geisteswissenschaftliches Studium, welches ich vor der Erkenntnis „Ich will Künstler sein“ an mein Abitur und den nachfolgenden Zivildienst angeschlossen hatte, in seiner vollen Breite dokumentieren konnte. Ich stellte alle besuchten Seminare und Vorlesungen zusammen und fügte diesem mehrseitigen Dokument eine ziemliche Menge von Fotokopien der bestehenden Belege bei. Das Zusammentragen der notwendigen Informationen führte mich auch nach Düsseldorf, ein Ort an dem ich nie gewohnte habe, als ich noch seine Akademie besuchte, um nicht durch die sozialen Zwänge der Akademie-Peergroup als Persönlichkeit entwertet zu werden, den ich aber nun in jeder anderen Hinsicht als äußerst reizend und angenehm empfinde. Wo gibt es so viel Bürgerlichkeit gepaart mit so viel Kunstinteresse? Wo sind die Parks so sauber und die Geschäfte so üppig, bei vergleichsweise geringen Mieten? Wo gibt es so viel gutes Theater, aktuelle Ausstellungen und ernst zunehmende Oper auf eine derart geringe Einwohnerzahl? Jedenfalls nicht in Köln…, trotzdem lebe ich dort, wo das Mittelmaß alles erstickt und man sich darüber freuen würde, wenn die Stadtplanung der letzten 20 Jahre mit einem heiser gebrüllten „Alaaf“ in einem neuen, unnützen U-Bahnschacht mitsamt den dafür Verantwortlichen versinken würde…
Mit einem fröhlichen „Helau“ auf den Lippen und nach einem kurzen Verweilen in der Bibliothek der Kunstakademie Düsseldorf zwecks Zusammenstellung der tatsächlich besuchten Vorlesungen zwischen 1993 und 1996, lag es nahe, eine Ausstellung in der Landeshauptstadt zu besuchen und was lag da auch räumlich näher, als dem Mann im gelben Bademantel eine Aufwartung zu machen, dem „späten Picasso und seinen Frauenbildnissen“, dem sogenannten Malen gegen den unausweichlichen Tod.
Ich für meinen Teil finde es eher entwürdigend einen ältlichen, dickbäuchigen, mit schütterem Haar versehenen und sehr kleinen Mann, der alles in allem an einen grimmig dreinschauenden mediterranen Gastarbeiter in Deutschland erinnert und in Wirklichkeit der berühmteste Maler des 20igsten Jahrhunderts überhaupt sein soll, in Überlebensgröße, gekleidet in einen gelblichen Bademantel, abzubilden, um auf die Ausstellung seines Spätwerkes hinzuweisen. Aber wahrscheinlich auch nur, weil ich mir in der derzeitigen Situation nicht vorstellen kann überhaupt jemals in Überlebensgröße auf einem Museumsbau abgebildet zu sein... Sollte ich entgegen aller Unwahrscheinlichkeit zukünftig doch einmal an einer Museumsaußenfläche abgebildet werden, bitte, bitte nicht in einen meinen Bademantel gehüllt.... Jedoch, sollte ich wie Picasso dann breits verstorben sein und mich nicht mehr selbst wehren können, so wäre diese Geste einzig als späte Rache meiner Hinterbliebenen und Nachlassverwalter zu werten, was durchaus geradlinig auf die Gefühle der in dieser Ausstellung portraitierten und abgebildeten Zeitgenossinnen Picassos verweisen könnte…
Kennt man das Werk des „großen Spaniers“ einigermaßen, so ist man durchaus vorbereitet auf kräftige, gestische und teilweise recht schnell dahin gemalte, großformatige Bilder, bei denen von Zeit zur Zeit schon die Frage nach einer gewissen Nachlässigkeit und Willkür in der Machart auftreten könnte. Diese Art des „Malschwein seins“ zieht sich durch alle seine Schaffensphasen und kann somit als künstlerisches Erkennungsmerkmal dienen. Wer sonst hat sich so etwas auch schon mit Erfolg über einen so langen Zeitraum geleistet. Und wer schon einmal in Barcelona war und seine unsäglichen und allenfalls als ironisierenden Reflex auf das „Alles geht, wenn man sich durchgesetzt hat“ zu bewertenden Taubenbilder gesehen hat oder die angeblich berühmten Reflektionen zu Velasques ertragen musste, der sollte meinen er sei allem, was sich im Spätwerk entbergen könnte gewachsen. Auch wird man sich dann nicht über Frauenbildnisse im Stile der berühmten Portraits einer Dora Maar wundern und überhaupt damit rechnen auf eine Menge unverzeihlich sexistischer und frauenfeindlicher Werke zu stoßen, welche in der Kritik wundersamerweise stets als von der Liebe zu den Frauen beseelt beschrieben werden und somit immer unangreifbar für berechtigte Fragen zur Entwürdigung des weiblichen Geschlechts dastehen. Schließlich handelt es sich um Ikonen der modernen Malerei. Zeichnen sie das perspektivisch verzerrte Gesicht einer Frau im Halbprofil mit neben- oder übereinanderliegenden Augen auf einen Notitzblock, jeder Leie wird sofort an Picasso denken. Wahrscheinlich der größte Wiedererkennungsfaktor, den ein Künstler des 20igsten Jahrhunderts mit einer neuen Darstellungsweise des Menschen oder besser „der Frau“ erlangt hat.
Steht man schließlich in den Ausstellungsräumen der Kunstsammlung NRW, nun für die einfachen Gemüter nur noch K 20 genannt, so ist jegliches Vorbereitetsein reine Makulatur. Großformatige Frauenportaits, liegend, schwebend, sitzend, sich krampfend, stets in brachialischer Art starr, verzerrt, allenfalls dümmlich und verdutzt dreinschauend, deren Körper aussehen, wie mit dem Elektroschocker behandelt, steif auf dem Boden sich streckend, wie in einem unsensibel reduzierten Spasmus. Personen, die nebeneinander stehen, aber in keine wahrnehmbare körperliche Interaktion treten. Männer als Beiwerk, meist einfach neben den Dingen stehend, Bartträger, die irgendwie zu einer Party mit vielen nackten Frauen geladen haben, oder einfach mal in einem Harem vorbeischauen.
Frauen, Frauen, Frauen, wallende Haare, immer wieder weibliche Geschlechtsteile, die dem Betrachter zugewandt sind, gespreitzte Beine, als Selbstaussage einigermaßen überschaubar: das ist ein Geschlechtsteil, das ist eine Vagina. Die Erstarrung, die Statuenhaftigkeit überall. Dazu Rahmen, wie aus Côte d‘ Azur Villen der Sechziger Jahre. Bilder die in frühen Louis Defunès Filmen nur einem Zweck gedient hätten, Inneneinrichtung für versnobte Neureichenvillen abzugeben. Repräsentation einer Allegorie dessen, was man sich unter der modernen Malerei in einer bestimmten Gesellschaftsschicht so vorstellte, die Verbindung eines patrirchalischen Sexismus mit gestischer, pastoser und sehr flüchtiger Maltechnik. Bei den Druckgrafiken auf Papier, ähnliche Sujets, sensibler gelöst und trotzdem so schnell überschaubar, dass nur Ernüchterung bleiben kann.
Wer braucht Picassos Spätwerk? Bei zehn Euro Eintritt pro Person allenfalls das Museum selbst, die Ausstellung ist wie gehabt als Großevent geplant, es gibt Sonderkassenkontainer vor dem Haupteingang, Audioführer und Sonderprospekte, die schön viel Geld kosten.
Im letzten Raum der Sonderaustellung angekommen, weiß man, dass man etwas für sein Geld bekommen hat, jedenfalls quantitativ, die nicht enden wollende Flut von immer gleich mittelmäßigen Bildern erstreckt sich auch noch auf die Etage der ständigen Sammlung. Man glaubt es kaum, es kommt immer noch ein weiteres Kabinett voller Bilder, die nicht besser werden wollen. Interessant ist dann der Übergang in die ständige Sammlung. Gerhard Richter Bilder offenbaren sich geradezu als Erlösung. Klarheit und Abstraktion haben noch nie so punkten können, wie nach dieser Tortur durch den angestaubten Trieb eines alten, anscheinend ständig angegeilten Mannes. Plötzlich ist einem auf wundersame Weise klar, warum Malerei von Gerhard Richter so begehrt ist, wenn seine Bilder an der richtigen Stelle hängen, dann eröffnen sie geradezu Horizonte der Glückseligkeit.
Beim Verlassen der Kunstsammlung über den kleinen Kleeplatz kommt es dann zu einer echten Konfrontation mit der Realität. Bagger, die an dieser Stelle anscheinend die Baugrube für einen Erweiterungsanbau der Kunstsammlung ausheben, werden vom Lärm zweier Kettensägen übertönt, die in rasender Geschwindigkeit die noch recht jungen Keulenplatanen der Natursteinsitzplatzanlage niedermähen. Wieso müssen diese Bäume zur besten Verpflanzungszeit abgesägt werden, wo ein Umpflanzen denkbar einfach und sinnvoll gewesen wäre. Sehr wahrscheinlich hätten sogar Privatleute die Bäume gekauft und den Transport gerne bezahlt und oder Landschaftskünstler eine sinnvolle Verwendung dafür gefunden, die man sicherlich durch die Kunstsammlung hätte finanziell fördern können. Dazu gehört dann allerdings etwas Planung und ein Aufruf in der örtlichen Presse und Sensibilität für die wesentlichen Dinge. Sollte den Bauverantwortlichen im Jahre 2007 nicht langsam klar sein, dass öffentliche Räume und deren Bebauung, besonders das Konstruieren von Kunsträumen ganzheitlich angegangen werden muss. Wer würde es nicht als Wiederspruch empfinden, wenn man, um Kunst zeigen zu können, unnützerweise Bäume fällen lässt. Aber nein, schnell mal unumkehrbare Tatsachen schaffen, abgehackte Bäume sind eine endgültige Lösung, man befindet sich abrupt wieder in der Stimmungslage, in die man beim Betrachten zu vieler schlechter Picassos geraten war. Verstümmelung, Reduktion auf Unwesentliches, Unfruchtbarkeit trotz hoher Produktionsmengen. Vielleicht sollte ich ja doch von Zeit zur Zeit meinem kunstpädagogischen Bestrebungen nachgeben, falls das Prüfungsamt Paderborn irgendwann einmal meine grundsätzliche Lehrbefähigung in der Breite meines Studiums gefunden haben sollte.
Von einer Ägyptenreise mit einer Freundin brachte sie ihm eine transparente Pyramide mit, in der einst ein goldener Kunststoffkugelschreiber Platz gefunden hat, den sie aber während der Reise bereits verlor, nach ihrer Aussage schrieb er aber eh unzureichend und nachdem sie ja nur zu gut wußte, dass er sich bemühte stets nur mit Bleistifft zu schreiben, schien ihr dieser Makel wenig ins Gewicht zu fallen.
Diese Pyramide war ungefähr so gross wie eine Feldmaus und bestach durch eine absonderlich pitoreske Füllung. Im Inneren stand ein goldfarbener Nofretete Kopf, um den, bei intensivem Schütteln, eine Art Goldregen aus glitzernden Elementen schwirrte. Die Teilchen senkten sich dann schnell wieder zum Fuß der Nofretete. Beim Schütteln entstand eine Schaumwoge, die im oberen Drittel eine Art Wolkendecke bildete und sich nur sehr langsam zurückbildete. Nefer Nefer Titis, die Schönste der Schönen, der Schönen.
Die Norfretete war stets etwas unscharf im Auge des Betrachters, das dicke Plexiglas der Pyramidenhülle brach die Schärfe der Durchsichtigkeit an mehreren Stellen.
Es war eines der aktuelleren Mitbringsel und er hatte sie auf dem Heizkörper in seiner Küche aufgestellt, wo die Wärme den Goldregen tatsächlich ohne mechanische Kraft zum Tanzen brachte, das warme Wasser wälzte ihn um.
Sie sah die Pyramide dort stehen und lachte ein bischen über die Lächerlichkeit des Souvenirs und erzählte angeregt über den Aufenthalt im Hilton Hotel in Kairo, in dessen Räumlichkeiten sie sich wegen der großen Hitze und den aufdringlichen einheimischen Männern dort hauptsächlich aufhielt. Bei einem Ausflug nach Gizeh, der sie sehr beeindruckt hatte, erstand sie die Nofretete bei einem Straßenhändler dicht am Taxistand. Der Verkäufer hatte ein gutes Dutzend transparenter Pyramiden unterschiedlicher Größe auf einem silbrig schimmernden Karnevalsstoff ausgebreitet. Als sie sich zu den Waren auf den Boden herabneigte, unterbrach der Verkäufer sein geschwätziges Gerede. Ihr seidenes Kopftuch hatte sich gelöst und war über die Pyramiden geglitten, so daß sie die spitzen Ausstülpungen eines großen surrealen Pferdekopfes bildeten, der auf dem Tuch abgebildet war. Die Sonne brach sich in den Erhebungen des schimmernden Stoffes und ihr sonst bedecktes, helles Decolté leuchtete. Der Verkäufer sah sie stumm an, sie hob das Tuch errötend wieder auf, schlang es sich gekonnt um den Kopf und kaufte verlegen die Nofretenkopfpyramide mit Goldlammé in Wasser schwebend. Ohne über den Kaufpreis zu handeln.
2.
„Es gibt diese Tage unendlicher Sinnlosigkeit, in der Ausschnitte und Fragmente der Erinnerung an das, was ich fuer die jüngere oder ältere Vergangenheit halte, zu einem Bild der totalen Stagnation werden.
Was mache ich hier in diesem Scheißleben, in dem man immer nur Rücksichten nehmen muß und ansonsten meist nur Angst um wenig zu fühlen ist, ich lasse es zu, dass nichts Schönes mich betören kann, sondern dass ich mir konstant gedanken über die Einhaltung von Regeln mache, die, wenn ich es auch nur ansatzweise überlege, Regelwerke der völligen Spießigkeit sind. Ich falle einer Form von Zwanghaftigkeit anheim, die sich kein Idiot hätte ausdenken können. Diese Idee etwas tun zu müssen, damit man eine Existenzberechtigung hat ist lächerlich, ich bin und das ist mein Problem. Was soll ich hier in dieser Welt? Spaß haben, Verantwortung für die Ängste anderer übernehmen? Mich gesund verhalten, gepflegt aussehen und in sauberen Räumen wohnen. Mehr ist schon fast nicht nötig, um die Zeit rumzukriegen, dann noch ein paar Freunde, die sich über irgend welche Lapalien unterhalten wollen, ein wenig Leiden und zum Arzt gehen. Eine Liebe leben, die sich von selbst lebt und in erster linie von Versuchen der Abgrenzung getrieben wird. Welche Perspektive nach vielen gescheiterten Lieben hat man denn? Das Prinzip „Hoffnung“ ist irgendie erbärmlich, nichts zeugt davon, daß es Grund dazu gäbe. Diese Gesellschaft ist verroht, korrupt und mittelmässig, all jene, die unsere Kultur zu einem Höheren bringen könnten sind von einer clique sozialer Ellenbogenvirtuosen kalt gestellt worden. Die guten und talentierten gewinnen fast nie.
Das ist meine Wahrheit und sie verdüstert sich von Jahr zu Jahr. Ich will weg von Menschen und ihren Ritualen. Das ist der Wunsch nach dem Ende.“
3.
„Ich fahre diese endlos durch die Landschaft schnurrende Lärmschutzmauer der ICE Strecke nach Frankfurt entlang, die Ernüchterung der Landschaft hat etwas Brutales, die Betonelemente sind vollgesprüht mit sinnentleerten Signaturen total gestörter Vollidioten, die meinen durch das Anbringen ihrer Namenskürzel sich und der Umgebung eine bereicherte Identität zu verleihen. Wer hat diese krankhafte Verhaltensweise in die Welt gebracht. Überall dicke, für den Betrachter sinnfreie Buchstaben mit Sprayflaschen an erreichbare Flächen anzubringen? Wer will in diesen Feldern der Endzeit, mit wilden Müllkippen an jedem landwirtschaftlichen Schotterweg und entsetzlich häßlichen Einfamilienhausneubausiedlungen mit bereits in der Planungsphase angeschütteten Lärmschutzwällen noch mehr von „Ich will ein Mensch sein, der Spuren hinterläßt“ sehen müssen? Die Strommasten, die Landschaftspest des zwanzigsten Jahrhunderts durchkreuzen grob den Himmel, am Horizont der aufsteigende Dunst der am Fluß gelegenen petrochemischen Anlage, davor ein Golfplatz und wenige Restfelder, auf denen die dunkelgrüne Wintersaat wächst, auch wenn man jetzt eher findet, dass hier nichts mehr wachsen sollte, was nicht als Bergkrüppelzwergimmergrünkonifere einen Garten langweilen darf. Kiesgruben hier und da, von Zäunen umgeben, mit Schildern von Angelvereinen und anderen Zwangsveranstaltungen bürgerlicher Barbarei geziert: Betreten verboten! Schwimmen verboten! Frei sein verboten! Genießen verboten! Wegbleiben!
Man sollte unentwegt fahren, laufen und rennen, niemals verweilen, keine Brombeersträucher mit zerbrochenen Gartenstühlen anschauen, sondern nach vorne, immer nach vorne und wenn es nicht weitergeht, Tod, Tod, sich auflösen.
Ich sehe den ICE nie, ich fahre nur zu meiner Physiotherapie in diese Klinik, die aussieht wie ein weiß verputztes Mietshaus, mit dem überfüllten Wartezimmer und dem abgestandenen Geruch. Durch diesen riesigen dunkeln Steinflur, in dieses Behandlungszimmer, was aussieht wie ein ruiniertes Büro, mit diesen fürchterlichen modernen, abscheulich geschmacklosen Büromöbeln, den schlecht gegossenen Standardbürohydrokulturpflanzen, die genausogut aus Plastik sein könnten und dann noch viel frischer aussähen, dem ausgetrockneten Tischspringbrunnen, der eine Allegorie des Wahnsinns sein muss mit seinen eingetrockeneten Kalkrändern, den Bildern an den Wänden, die von mickriegen Seminaren und abgehalfterten Kursen erzählen, auf diese Liege, die bei der Massage meines schmerzenden Beines wimmert wie ein getretener Hund und dem Therapeuten, der sich angeregt mit mir über Gott und diese grauenhafte Welt unterhält.
Erzengelenergie, das wird glücklich machen, mein eigenes Raumschiff von einem Markenhersteller geliefert.“
Ich gehe mehr für „drei Nüsse für Aschenbrödel“, eine belämmerte Eule fliegt um meinen Kopf und scheißt mir auf die Schulter, aus dem Stoff sprießt ein Haselnusskeim, der sofort drei große saftig aussehende Nüsse trägt. Wenn ich die auf die Erde werfe, werden wegweisende Wüsche wahr. Ich werfe die erste Nuss: ganz Mitteleuropa ist wieder dicht bewaldet, auf allen freien Flächen wachsen Bäume, alle Häuser und Fassaden sind mit Kletterpflanzen bedeckt, die ICE Strecke führt durch einen dichten Eichenwald, die Klinik steht in einem feuchten Erlenbruch und an der Bushaltestelle quaken extraterrestische Laubfrösche…, grün, RGB-grün, die herrschende Farbe…
Die zweite Nuss werde ich mit einem Nusskancker aus DDR Zeiten versuchen zu öffnen, zuerst wird der Bart aus weissem Nylongewebe, schlecht angeklebt, abfallen, dann beim ixten Versuch wird der Mechanismus völlig versagen und die Kieferachse wird aus der Verankerung der blau eingefärbeten Holzschulter brechen, die runde Fußscheibe wird sich lösen und die Beine werden sich quietschend spreitzen, so dass der Torso zu Boden fällt, die unversehrte Nuss wird meinen Fuß kennenlernen und siehe da, mein zweiter weiterführender Wunsch geht in Erfüllung, ein wohlgefüllter Kleiderschrank mit gutgeschnittener Herrenmode aus erstklassigen Stoffen, von dem kein Teil mehr richtig passt, mein schmerzendes Knie und die daraus erwachsende Bewegungslosigkeit hat mich zu einem fetten Schwein werden lassen.
Klar, dass ich auf der Liege eingeschlafen war, nun aber wimmernd erwache, weil der Therapeut zu feste zugegriffen hatte.
Was bleibt ist der Wunsch nach einer dritten Nuss und einer von einem guten Präparator fixierten Eule, die ich zuvor auf einer Schnellstraße einsammeln konnte und einige Monate in der heimischen Tiefkühltruhe zwischengelagert hatte…
Kennst du das Land wo die Zitronen blühen? Ja, und zwar in dem noblen Blumenshop der Innenstadteinkaufspassagen. Zehn bis zwanzig Uhr.
4.
Das Publikum strömte durch das Foyer, vor dem Eingang entleeren sich die Konzertbusse aus der Provinz. Concertgebouw Orchester Amsterdam unter „wem auch immer“, „der Klang der großen weiten Welt“, die wahre Provinz trifft auf die eigentliche.
Er verharrte einige zeit vor dem CD Verkaufsstand, der regelmässig zu den Konzerten von einem langweilig aussehenden Studenten betreut wurde. Schon bei der Kartenkontrolle überkam ihn diese Mischung aus Angst und Ekel vor der abartigen Durchschnittlichkeit dieser Leute, diese unbegreifbaren Langeweiler, deren wirkliches Interesse nicht in der Musik liegen konnten, sondern in der profanen Einbildung etwas zu erleben, was die Sinnlosigkeit ihrer Existenz scheinbar oder tatsächlich erträglicher zu machen schien. Er kannte die durchschnittlich fünfzig verschiedenen ausgestellten Tonträger allemal, sei es, dass er sie schon mehrfach verächtlich wieder in die Auslage zurück gelegt hatte, nachdem ihm die Einzelheiten der Einspielungen völlig missfielen, sei es, dass er sie unterdessen hier oder in einem Fachgeschäft selber gezielt erworben hatte und schon am Cover, ohne sie berühren zu müssen, erkennen konnte, dass er sie bereits besaß oder für zu unspeziell erachtete, wobei er letzteres zumeist an der Popularität eines Werkes festmachte, zu bekannt war für ihn zu unspezifisch und zu gemein.
Er schaute dem dicklichen jungen Mann nicht direkt in die Augen und dachte sich, dass dieser ihn sicher nicht erkannte, obwohl er bereits unzählige Male etwas an seinem Stand erworben hatte. Dieses auch für ihn zeitweilig als eingebildet erkannte Gefühl von „nicht beachtet werden“, versuchte er früher durch exzentrische Kleidung abzuschwächen, aber der fahle Nachgeschmack eines Blickes, der an einer auffälligen Jacke und nur sehr kurz an seinem Gesicht hängen blieb, brachte ihn bald zu einem dezenteren und sehr distinguierten, im Detail besessenen Kleidungsstil, der durch und durch von der Idee der Siluettenperfektionierung und des Materialkomforts bestimmt wurde. Polohemden aus marcerisierter Baumwolle mit Perlmutknöpfen, Anzüge die maßgenau saßen oder zumeist Jeanshosen, die sein Gesäß betonten, mit Jackets, die hinten oder besser seitlich geschlitzt waren und einreihig geknöpft wurden, also ganz à la mode. Bartók Einspielungen gab es hier gar nicht, obwohl das „Konzert für Orchester“ heute gespielt wurde.
Er hatte bevor er in die Eingangshalle schlenderte vor dem Eingang noch ein wenig das Schaufenster des überteuerten Wohnobjektegeschäftes betrachtet und versucht seine Siluette im Schaufenster zu erhaschen, dies auch, weil eine Sitz und Passkontrolle im Konzertsaal erfahrungsgemäß unangenehm wurde sobald jemand die mit Spiegeln ausgestatte WC Anlage betrat und das geschah selbstredend vor dem Konzert ständig, ganz zu schweigen von der großen Spiegelwand im Foyer, direkt links hinter dem CD Verkaufsstand, in der ein Blick auf sich selber zu peinlichem Erröten führen musste, fand er sich doch im ersten kurzen Augenblick stets extrem unattraktiv und benötigte einige Zeit um sich annehmbar zu finden und dass immer unbeobachtet, was in diesem Foyer unter all diesen Besuchern selbstverständlich unmöglich war.
Er fragte sich, ob seine Geliebte Gefallen an einer neuen, anderen Armbanduhr finden würde. Wäre sie in der Lage die jetzige sehr kostbare, ein Geschenk ihrer Mutter zum achtzehnten Geburtstag, seiner Meinung nach eine Verlängerung der Nabelschnur, durch eine andere Uhr auch nur gelegentlich zu tauschen, gewissermaßen diese zu Organ gewordene Metallspange amputieren und und in einer Frischhaltebox im Kühlschrank für zumindest wenige Stunden auskühlen zu lassen? Sie trug diese Uhr sogar beim Geschlechtsakt, jedenfalls, wenn sie mit ihm schlief und beim Blick ins Schaufenster versuchte er sich ihren nackten Körper mit einer der ausgestellten Uhren vorzustellen.
Ihre haarloser Haut würde durch das neue Schmuckstück unmittelbar verändert aussehen, aber ihre Stilsicherheit ließ nur sehr gelegentliche Ausrutscher ins Ungewisse zu und diese nur einmal, weil ihr Gespür für das eigene Erscheinungsbild sie nicht lange im Stich ließ. Es war dabei nicht ihr Geld, sondern tatsächlich ihr gutes Gefühl, wie sie ihren lasziven, leicht kantig wirkenden Körper besonders unterstreichen konnte. Dabei unterschätze er allerdings den Einfluss, den ihre Freundinnen zu Hause auf sie hatten, dort wußte man einfach, was man anziehen konnte und die Kenntnis über die richtigen Geschäfte, mit denen die richtigen Marken angeboten wurden, wurde gewissermaßen in einem langjährigen Sozialisationsprozess vermittelt.
Bei ihr zu Hause würde diese Gabe kaum Aufsehen erregen, war es doch eine standesgemäße Fähigkeit, die man erwarten konnte, wenn man sich sicher in der Gesellschaft bewegen wollte.
Hier, eintausend Kilometer nördlicher, fiel es auf, man nahm sie wie eine Reisende war, die sich nur kurz aufhalten wollte um bald wieder in die Ferne zu fliegen.
Er drehte sich wieder dem Haupteingang zu und schritt energisch auf die geöffneten Glastüren zu.
Es ertönte schon das zweite Mal die Fanfahre, welcher zum Einnehmen der Sitzplätze gemahnte.
Vorbei an den Spiegelwänden, dem dicken Studenten am CD Stand, ins Untergeschoss, an den Garderoben und ihren gelangweilten Mitarbeitern vorbei, die er nur in äußerster Not im Winter bei großer Kälte nutze, vorbei an der Programmverkäuferin, die nie genug Wechselgeld hatte und die er links liegen ließ, er besaß hunderte dieser überteuerten Heftchen und langweilte sich meist mit ihnen, gelang es doch höchst selten, dass ihm jemand etwas Neues oder Überraschendes über eine Komposition oder einen Interpreten zu vermittelt wüsste oder grundsätzlich seine Aufmerksamkeit zu fesseln und nicht seinen Blick durch den Saal schweifen zu lassen, war es doch viel zu interessant vor dem Konzert und nachher in den Pausen die Leute zu beobachten, welche meinten sie müssten die Konzentration echter Liebhaber der Musik durch ihre bloße Anwesenheit stören...
Er saß im oberen Drittel des mittleren Blocks, er hatte den Platz für dieses Konzert bewusst gewählt, man hatte von dort aus einen guten Blick auf die Bühne und das gesamte Orchester, bei diesem Programm wohl in großer Besetzung, die Musikeremporen waren komplett und bis auf den letzten Platz mit Stühlen und Notenständern bestückt. Bartóks Komposition verlangte nach dem kompletten Aufgebot an Becken und Trommeln.
Die Reihe füllten sich wie stets erst nach der dritten und letzten Fanfare gänzlich, ein Verhalten, das sich erst in den letzten Jahren entwickelt hatte, war man doch in seiner Wahrnehmung früher schon nach der ersten Aufforderung in einen halbwegs gefüllten Saal gekommen und nach dem dritten Signal kamen dann nur abgehetzt Verspätete.
Das Konzert war laut Leuchtreklame am Eingang ausverkauft. Ein paar Stehplatzbesitzer suchten trotzdem in den Reihen nach freien Plätzen und wurden wie immer auch fündig, schließlich gab es unverständlicherweise immer einige Abonnement Inhaber, die ihre Karten verfallen ließen. Sein Interesse galt nun sehr den direkt um ihn herum Sitzenden, jenen also, mit deren Verhaltensweisen er während des Konzertes unweigerlich konfrontiert sein würde. Wenn sie sich ruhig und entspannt hinsetzten, nicht sprachen, nicht über ein Meter fünfundachtzig groß waren, nicht stanken, sich nicht im Rhythmus der Musik bewegten und wenn sie keine Kinder waren, dann mochte er sie. Er hatte leider schon unerträgliche Sitznachbarn erlebt, die sich wie die Vandalen aufgeführt hatten ohne selbstredend zu wissen was ein Vandale sein könnte. Kinder in klassischen Konzerten waren der Alptraum seiner schlaflosen Nächte und dies korrespondierte auch mit seiner Abneigung gegen eigene Kinder und den womöglich noch aufkommenden Kinderwunsch seiner Geliebten, wusste er doch, dass Frauen früher oder später doch an Kinder dachten. Sie wollte derzeit sicherlich keine, aber die italienische Familie würde sicher einmal einen Statthalter wünschen, nun gut, den wollte er nicht zeugen, auch nicht, wenn sie dabei eine andere Armbanduhr tragen würde. Im allgemeinen mochten Kinder ihn gerne, weil er sie wie Erwachsene behandelte und in jeder Hinsicht ernst nahm.
Er mochte sie wenn sie still, introvertiert und hübsch waren, wenn sie kluge Fragen stellten und nicht laut wurden, wenn sie sich nicht schmutzig machten und wenn sie sich nicht zu hektisch bewegten.
Kinder in ein klassisches Konzert mitzunehmen, das war eine echte Misshandlung für alle, insbesondere auch für die Kinder, welches Kind sollte denn so etwas aushalten ohne all das zu machen, was jeden in der Nähe Sitzenden in eine terroristische Haltung zu bringen und insbesondere die begleitenden Erwachsenen in ein Arbeitslager unter Erleidung der schlimmsten Qualen zu wünschen.
Zu seiner Rechten nahm eine Frau in den Fünfzigern Platz, die in einen cremefarbenen Hosenanzug gekleidet war und dazu eine weiße Bluse mit vielen Perlen als Kette trug.
Sie hatte eine starke Brille auf, so ein wenig wie die Knef in den Achtzigern, etwas zu viel Maskara inklusive. Vor ihm gab es nur Durchschnitt, mehr die Ausstrahlung wie schick gemachte Landpommeranzen oder die totale Durchschnittlichkeit schlechthin... und zu seiner linken blieben zwei Plätze unbesetzt, dann folgte ein ziemlich dicker Mann im fortgeschrittenen Rentenalter, dessen grauer Anzug über dem Hosenbund dem Bersten nahe war. Der Platz direkt neben ihm blieb erwartungsgemäß leer, hatte er doch die zweite Karte erworben, bevor er sich entschlossen hatte alleine in dieses Konzert zu gehen und auf die Begleitung durch irgend einen Freund oder Bekannten zu verzichten. Er hatte dies schon häufiger getan, in dem Bestreben nicht alleine an einem erhebenden Kunstgenuss teilzunehmen, sondern die Möglichkeit zu haben sich darüber austauschen zu dürfen, was dann aber in den meisten Fällen ein Fiasko gewesen war, da die meisten Begleitungen in den Pausen unbedingt ein Getränk zu sich nehmen wollten und dabei durch die Pausenräume wandeln wollten, um sich die Beine zu vertreten oder andere, ihm völlig unverständliche Dinge, zu tun. Er blieb in den Pausen grundsätzlich sitzen und dachte unter allen Umstände nicht daran für andere seine Verhaltensprämissen zu ändern. Dies auch nicht, wenn er während des ersten Teiles entschieden hatte, dass es besser war in der Pause zu gehen, weil er sich mal wieder nicht konzentrieren konnte und ständig an den dringlich zu putzenden Bodens seines Studios denken musste oder Hayden mal wieder puren Hörfrust bei ihm auslöste, weil er nicht begriff wieso diese in Noten gefasste Langeweile erhebende Kunst sein sollte. Bestimmte Veranstaltungen machten ein verfrühtes Gehen, also mindestens ab der Pause, geradezu notwendig, gab es doch Veranstaltungen, die trotz oder gerade wegen eines regen Zuschauerzuspruches und einer durchaus professionell daher kommenden Vermarktungskampagne absolutes Platzkonzertniveau besaßen und diese im Vorhinein so gut zu kaschieren wussten, dass er dann nach erfolgtem Reinfall nur noch sehr schnell das Weite suchen konnte. Wer rechnet auch damit, dass in einer städtischen Philharmonie die Brandenburger Konzerte wirklich falsch und das heißt nicht nur schlecht gespielt werden oder dass die Filmuraufführung eines weltbekannten amerikanischen Künstlers ein desaströser Flopp wurde, bei dem er erstaunlicherweise der einzige war, der nach dem ersten Teil den Saal verließ und am Ausgang vom Personal noch entgeistert angesprochen wurde, weil er keine Pausenkarte entgegennehmen wollte, die den Besuchern einen kurzen Aufenthalt im Freien erlaubte, sondern bereitwillig und laut darüber Auskunft gab, dass er zu einer solchen Schundveranstaltung nicht mehr zurückkehren wolle. Solch Vorkommnisse waren aber erfreulicherweise sehr selten und galten für ihn als Betriebsunfälle, die wohl in einem solch großen Kulturbetrieb von Zeit zur Zeit auftreten dürfen ohne damit gleich alles in Verruf bringen zu können.
Er wollte sich nicht verantwortlich fühlen für andere, die anders dachten und fühlten als er selbst, war er doch davon überzeugt, dass seine Empfindungen auf einer Entwicklungsskala der kulturellen menschlichen Vervollkommnung sicherlich viel weiter oben standen, als die vieler anderer Zeitgenossen.
Beim Betrachten der Dame in Creme steckte er seine Hand in die Hosentasche und fand irritiert einen von ihm geschriebenen Zettel, den er zerknüllt eingesteckt zu haben schien.
Er strich das Papier glatt und las die von ihm verfasst Liste sehr giftiger einheimischer Pflanzen: Tollkirsche (Atropa belladonna L.); Roter Fingerhut (Digitalis purpurea L.); Gepfleckter Schierling (Conium maculatum L.); Herbstzeitlose (Colchicum autumnale L.), Blauer Eisenhut (Aconitum napellus L.); Schwarzes Bilsenkraut (Hyosyamus niger L.); Safrangelbe Rebendolde (Oenanthe crocata L.); Stechapfel (Datura Sramomium L.); Lorbeerseidelbast (Daphne laureola L.); Spanischer Ginster (Spartium junceum L.)
Er hatte all diese Pflanzen gefunden, ihre Eigenheiten auswendig gelernt und war nun vertraut mit ihren Fruchtständen, ihren Blüten und ihren verwertbaren Teilen geworden.
Er steckte den Zettel wieder ein. Die Dame in Creme hatte ihre dicke, sehr große Brille abgenommen und an einer Kette hängend auf ihrem Decolté abgelegt, so dass man ihre Halsfalten durch die aufrecht stehen Gläser deutlich vergrößert, wie zwei Fenster rechts und links auf ihrem Busen stehend, sehen konnte.
Ihre Wimpern waren, wie bei vielen Frauen über fünfzig, etwas von der Wimperntusche verklebt, weil sich die feinen Härchen nach den Wechseljahren manchmal in unterschiedliche neue Richtungen verbogen und dann nicht mehr so leicht zu färben waren. Es gab ihnen stets das etwas lädierte Aussehen, welches junge Frauen nach einem Weinkrampf hatten, nur dass man es in ihrer Altersklasse für gewöhnlich und nicht sonderbar hielt. Die Brillenkette hatte sich mit der mehrreihigen Perlenkette verwirbelt, so dass eine Reihe in Richtung zu rechten Schulter etwas in der Luft schwebte, da die Brillenkette aus transparenten Kunststoffgliedern zu sein schien und unter den Perlen nicht mehr zu sehen war.
Er erinnerte sich daran, gelesen zu haben, dass die Einwohner Polynesiens große Tahitiperlen zermalten, um das daraus gewonnene Perlmutpulver als Aphrodisiakum oder Heilmittel mit Honig einzunehmen. Heilsame Dinge sind kostbar, haben aber wenig mit unserem Glauben an Dauerhaftigkeit von Preziosen zu tun, ihr Wert kulminiert im richtigen Moment der Einnahme, der Augenblick, der Kontakt, die Berührung, wie Musik, sie entsteht einzigartig und unwiederrufbar, sie ist stets Moment der in eine Zukunft weist.
Die Musiker betraten den Bühnenraum und das geschmacklos gekleidete Saalpersonal schloss die Türen. Zuspätkommende würden einzig noch den dafür vorgesehenen Balkon betreten dürfen und auch nur an Stellen der gespielten Musik, die ein Öffnen der Türen vertretbar machten. Eine Regelung die sehr im Einklang mit seiner Auffassung von der Würde des Augenblickes übereinstimmte. Wer zu spät war, den bestrafte nicht das Leben, sondern der Augenblick. Die Musiker nahmen ihre Plätze ein. Das etwas unbestimmt anmutende Rücken der Stühle, das Zerren und Ruckeln an den Instrumenten wurde bald vom Aufstehen des ersten Violonisten beendet, der den Ton zum Einstimmen vorgab.
In dieser Besetzung und bei diesen Instrumenten nicht von ganz so manifester Bedeutung, wie bei den von ihm so heiß geliebten Barock oder gar Renaissance Ensembles, die mit Originalinstrumenten nach jedem Stück neu Einstimmen mussten, da die Instrumente aus material- und bautechnischen Gründen sich nach kurzer Zeit erneut gedehnt oder verkürzt hatten.
Das Orchester beruhigte sich innerhalb einer Minute wieder und der Dirigent betrat die Bühne, Applaus kam auf, er verbeugte sich, dankbar und kehrte dem Publikum den Rücken zu. Er betrat eine Art kleine Empore, mit einer Absprerrstange im Bereich des Rückens, verchromt, passend zur Inneneinrichtung des Gesamtinterieurs. Der Boden der Empore war mit rotem Teppichboden beschlagen. Er hob die Arme und begann mit bloßen Händen, ohne Taktstock zu dirigieren. Die Musik setzte leicht zeitversetzt ein und überschwemmte den Konzertsaal sofort mit ihrer immensen Kraft, wie ein Strom, der den Rauminhalt an jeder Stelle gleichzeitig elektrisierte. So etwas hatte er schon einmal visualisiert in einer Art Science Fiction Film gesehen, in dem in der Luft sich sanft, aber sehr schnell bewegende funkenartige Gebilde fast überall gleichzeitig wie Vogelschwärme herumflogen. Sie bildeten wie diese buketartige Gebilde, die in immer neue Richtungen schnellten und deren Knospen erneut zu Blüten aufbrachen.
Er kannte jeden Ton, der nun gespielt wurde auswendig. Er verkrampfte sich ein wenig, in der bangen Erwartung, etwas könnte sich anders anhören, als er es für angemessen hielte. Nach wenigen Minuten war der Bann aber gebrochen, er wusste nun, dass dieses Orchster, eine Interpretation spielte, die er interessant und überrraschend finden würde, selten hatte sich herausgestellt, dass der erste Eindruck dann doch noch in eine Enttäuschung führen konnte.

Bildende Künstler treten in der deutschen Mediengesellschaft allenfalls in Fachpublikationen auf und auch dort geben sie so gut wie gar nichts von ihrer Lebensrealität preis, wird die Künstlerpersönlichkeit doch zu Recht oder Unrecht stets zugunsten des Werkes vernachlässigt, da diese anscheinend einzig das darstellt, was eine interessierte Öffentlichkeit rezipieren möchte. Ausnahmen sind Berühmtheiten, deren Namen jeder kennt und die sich als Pop Ikonen in das Bewusstsein großer Teile der Bevölkerung eingegraben haben, nachdem auch die Boulevardpresse und das Fernsehen sich ihrer angenommen haben, dabei ist es dann aber gemeinhin unerheblich ob es nun gerade Künstler, Angehörige des europäischen Hochadels oder singende Versager sind. Pop gleich populär eben. Bei derzeit lebenden „bekannten“ Künstlern ist es allerdings auch fraglich, wer sie bei einer unrepräsentativen Befragung in der Fußgängerzone dem Namen nach kennen würde. Wer kennt die teuersten lebenden Maler, allesamt Deutsche...?
Nun, zugegebenermaßen denken Menschen bei Fußgängerzonenbefragungen auch, dass Popcorn auf Bäumen wächst und dass Nudeln im Frühjahr auf dem Feld ausgesäht werden...
Im Verhälnis zur Gesamtbevölkerung ist die Zahl der studierten Künstler wahrscheinlich sehr gering und auch die Anzahl der derzeit aktiv dort Studierenden, im Verhältnis zur Gesamtzahl der bundesdeutschen Studentenzahlen, eine Marginalie.
Wie wird man denn Kunststudent?
Man überlegt sich klassischerweise nach Erreichung der allgemeinen Hochschulreife, eine Mappe zusammenzustellen, in der man sein bisheriges künstlerisches Schaffen, schließlich hat man schon als Dreijähriger vielversprechende und von den Anverwandten mit Staunen kommentierte Werke vorzuweisen, dokumentiert. Oder aber man erstellt eine Mappe gänzlich neu, nur um des Zwecks der Bewerbung um einen der raren Kunststudienplätze. Theoretisch ist es auch möglich ohne Abitur an einer Kunstakademie angenommen zu werden, dort gelten die gleichen Regeln wie an den Konservatorien oder Musikhochschulen, wenn man über eine außerordentliche künstlerische Hochbegabung verfügt, geht es schon ab dem sechzehnten Lebensjahr und dann ist die Vorbildung unerheblich, das sind allerdings große Ausnahmen. Wer ist schon hochbegabt?
Besagte Mappe hat je nach Hochschule eine bestimmte maximale Größe und einen maximalen Umfang, die Angaben entnimmt man den Bewerbungsbedingungen.
Welche Mappen genug künstlerische Begabung dokumentieren, ohne eine künstlerische Weiterentwicklung auszuschließen, ist eine Wissenschaft an der viele Menschen Geld und ein fragwürdiges Prestige verdienen, in dem sie willigen Jungkünstlern bei der Erstellung einer Mappe und deren Inhalts gegen Geld behilflich sind. Dies geschieht in sogenannten Mappenvorbereitungskursen, die in den Städten, welche über eine Akademie verfügen, gerne und häufiger angeboten werden. Man versucht den Interessierten dort zu erklären, wie sie das Unmögliche bewerkstelligen können, für einen der sehr raren Studienplätze ausgewählt zu werden.
An der Kunstakademie Düsseldorf, ihres Zeichens die deutsche Kunstakademie mit den berühmtesten Professorenkünstlern und dem berühmtesten Langzeitdirektor Markus Lüppertz, rechnet man in guten Jahren angeblich mit bis zu eintausend Mappenbewerbungen auf circa 60 bis 80 Studienplätze. Es sollen zwischen 5 und 10% der Bewerber nach Qualität der Mappensichtung angenommen werden. Da diese Mappen von einer Kommission, die aus den Professoren der Akademie zu bilden ist, alle angeschaut und beurteilt werden müssen, ergibt sich ein recht interessanter Zeitschlüssel. Nähme man an, dass die berühmten Kunstprofessoren sich eine Woche für die Mappenbetrachtung Zeit ließen und diese Woche fünfunddreißig Stunden reine Mappenbetrachtungszeit bedeuten würde, so würde nicht besonders viel Zeit für die Sichtung bleiben. Mappendaumenkino?
Jedenfalls eine Motivation, etwas einzureichen, was Aufmerksamkeit erregen könnte und dabei auf Menschen zu vertrauen, die glauben sie wüssten, was man dazu benötigt.
An der Düsseldorfer Akademie hat angeblich darüber hinaus jeder Professor die Möglichkeit mithilfe einer sogenannten Vorempfehlung einen Bewerber zu fördern und ihm damit die Aufnahme erheblich zu erleichtern, weil er bereits im Vorfeld mit ihm Kontakt hatte und sich seine künstlerischen Werkstücke anschauen konnte. Berücksichtigt man die dadurch entstandene Verringerung um wirklich frei erringbare Studienplätze, so nehmen die Chancen angenommen zu werden ziemlich ab, aber es schaffen schließlich einige die ersehnte Aufnahme. Was passiert, wenn man angenommen wird?
In Düsseldorf kommt man in die sogenannte Erprobungsstufe, in der man von Lehrbeauftragten (diese sind keine Professoren und im Zweifelsfalle auch nicht berühmt und verdienen dementsprechend viel weniger) innerhalb eines Jahres in allen möglichen künstlerischen Techniken unterrichtet wird und man genug Zeit hat soziale Kontakte unter seinesgleichen zu finden und sich zu überlegen, bei welchem Professor man denn dann später als Eleve in eine Künstlerklasse aufgenommen werden möchte.
Das heisst: möglichst schnell stilistsche Entscheidungen treffen, Kunstprofessoren nehmen in den allermeisten Fällen nur jemanden, der mindestens entfernt so arbeitet wie sie selber.
Wird man nämlich in einer Abschlussbegutachtung nicht erwählt oder hat seine Erwählung bereits zuvor mit jemandem klar gemacht, dann muss man gehen und das ganze Jahr war formal gesehen umsonst und die Mappenauswahl hat rein gar nichts gebracht, außer der Erkenntnis: Nichts gewesen außer Spesen.
Hat man es in eine der Künstlerklassen gebracht, heißt es in der sozialen Hackordnung unterkommen und von Jahr zu Jahr aufzusteigen oder im ungünstigsten Falle einfach rausgeschmissen zu werden. Das heißt dann „keine Unterschrift bekommen“ und sich damit nicht mehr für das folgende Semester rückmelden zu können. Man ist also einzig und alleine von dieser einen Unterschrift des künstlerischen Professors abhängig und zwar auf Gedeih und Verderben. Bekommt man sie nicht, hat man eine Semester Zeit sich einen neuen Professor mit einer neuen Klasse zu suchen, gelingt dies nicht, kann man ohne Abschluss und irgend etwas die Akademie verlassen. Bei besonders anwesenheitsscheuen Künstlerprofessoren und Studenten ist die Notwendigkeit Unterschriften zu verteilen und zu erhalten ein häufiger Grund um mal in Düsseldorf zu erscheinen...
Versteht man sich gut mit seinem Professor oder adaptiert seinen Stil in ungeheuerlich epigonaler Weise, dann hat man nach circa acht bis zehn Semestern die Möglichkeit von diesem zu seinem Meisterschüler ernannt zu werden, ein Dokument darüber wird einem in Düsseldorf in einer feierlichen Zeremonie verliehen, es ist ein Büttenpapier versehen mit Prägesiegeln, die an Kindergartenkartoffeldruck erinnern, von Herrn Lüppertz, wir erinnern uns, dem Direktor, designed und mit dem eventuellen Gegenwert eines Masters of Arts.
Dann hat man noch die Möglichkeit einen Akademiebrief zu machen, das ist eine etwas weniger persönliche Angelegenheit, man muss eine bestimmte Zeit bei einem Professor in der Klasse eingeschrieben sein und darf sich, nachdem man eine ganze Reihe von theoretischen Seminaren mit Erfolg und somit Scheinerwerb abgeschlossen hat, für eine Abschlussprüfung anmelden, im Gegensatz zum Meisterschüler beendet der Akademiebrief nämlich das Studium endgültig.
Danach muss man gehen und hat etwas im Gegenwert eines Diploms.
Jahre später konnte ich einmal bei der Agentur für Arbeit erfahren, wie bekannt die ersten beiden rein künstlerischen Abschlüsse sind, als man mir mitteilte, dass ich gar kein Hochschulabsolvent sein könne, da meine Abschlüsse nicht in der vorliegende Exel Liste zu finden seien. Aus diesem Grund müsse ich wohl zwangsläufig ohne anerkannten Abschluss und Ausbildung sein. Ich sei deshalb als Abiturient ohne abgeschlossen Ausbildung zu behandeln. Soll die Akademie nicht die Urmutter aller universitärer Systeme sein?
Beim Akademiebrief nimmt eine Kommission bestehend aus Theorieprofessoren (bei den Theorieprofessoren werden in Düsseldorf die erweiterten Bereiche der Sparten Kunstgeschichte, Philosophie, Pädagogik, Soziologie, Ästhetik und Psychologie abgedeckt) und Kunstprofessoren, inklusive des eigenen Professors, die Präsentation einer künstlerischen Abschlussarbeit ab. Einzig die Frage, ob das Zertifikat gewöhnlich oder mit Auszeichnung verliehen wird ist, hängt noch von der Stimmung der Kommission ab, denn es geht hier ja nicht um „etwas verstehen“ oder „etwas lösen“ oder „etwas richtig machen“, sondern einzig und alleine um etwas zu machen, was Kunst sein will und als solches erkennbar ist und von den Gremiummitgliedern persönlich und formal unterstützt werden kann.
Außerdem kann man an einer stattlichen Kunsthochschule oder Akademie Kunst als Lehramtsfach Sekundarstufe zwei studieren, man macht dann noch eine weiteres Fach an einer anderen Universität und wird irgendwann Kunstlehrer, aber nicht ohne das auch in allen anderen Bereichen notwendige zweijährige Referendariat bis zur Staatsexamen zwei Prüfung abzuleisten. Studenten mit diesem Studienziel werden erfahrungsgemäß nicht besonders ernst genommen, wer will schon Lehrer werden, wenn er in die Kunstgeschichte eingehen kann und ihm Unsterblichkeit auf dem Olymp der Genialen winkt?
Was einem während und nach des Studiums noch fehlt sind die Stipendien, welche besonders erwählten Studenten verliehen werden können. Dafür muss man sich entweder für eines bewerben oder aber sich für eines vorschlagen lassen oder sich um das Vorgeschlagen-Werden bewerben.
Es bekommen die Studenten Stipendien, welche von ihren Professoren besonders gerne gemocht werden oder die, welche wirklich Glück haben und wenn man schon so viel Glück hat, wie ein Kunststudent...
Stipendien beinhalten unterschiedliche Dinge, sie können mit einem komplett finanzierten Auslandsaufenthalt daherkommen, inklusive Unterkunft, Arbeitsräumen, monatlicher Apanage, Summen für Arbeitsmaterialien und einer Abschlussausstellung oder einfach einmalige Geldsummen in unterschiedlicher Höhe bedeuten oder nur Ausstellungsbeteiligungen bewirken oder zweckgebunden einen Katalog oder eine künstlerische Arbeit finanzieren oder sie tragen einfach eine gewisse Zeit zum Lebensunterhalt bei.
Stipendien können (müssen aber nicht) das Salz in der Kunstkarrieresuppe sein, hat man eines, kann ein weiteres bekommen und so weiter, deshalb gibt es durchaus Kunsthochschulabsolventen, die bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahr keine müde Mark verdienen mussten, es kam immer über sie und insgesamt gib es einige Stipendien zu vergeben, da ist man schon eher eine Ausnahme, wenn man während seines Studiums keines erhalten hat, der Neid sei mein stetiger Begleiter...
Es gibt sehr unterschiedliche Angaben, wie viele Kunsthochschulabsolventen es nun in der Kunst bewerkstelligen, bzw. auch später etwas mit der Kunst im professionellen Sinne zu tun haben.
Es dürften sehr wenige sein, die in wirtschaftlicher Hinsicht ein Auskommen aus dem genossenen Studium ziehen. Man rechnet mit Zahlen im Promillebereich. Genaue Erhebungen gibt es dazu leider nicht.
Es sind aber in jedem Falle sehr sehr wenige von sehr wenigen.
Das dafür in Anspruch genommene Studium dürfte, was die Unkosten pro Student anbelangt, eines der eher kostspieligen sein. Das liegt an der Menge von Studenten pro Professor. In den Künstlerklassen befinden sich im Durchschnitt zwischen acht und dreißig Studenten je Professor und an einer Akademie wie der besagten in Düsseldorf insgesamt dürften wohl kaum mehr als achthundert gleichzeitig eingeschrieben sein. Es gibt noch anderes Personal, was man an einer Kunstakademie so benötigt, Werkstätten inklusive Werkstattleitern in den Fachbereichen Kunststoff, Metall, Holz, Stein, Keramik, Fotografie und Video, einem ganzen Stab von wissenschaftlichen Mitarbeitern, teils ebenfalls mit Professorentitel, einer Bibliothek und Archiven mit dementsprechendem Personal, Hausverwaltung, Sekretariat etc.
Tja und die meisten Materialien, aus denen dann die Kunst entsteht, müssen die Studenten aus eigener Tasche bezahlen, das heißt echten Masochismus leben.
Wie schön, dass es sich unser Staat leisten kann, eine kleine, aber feine Menge unglaublich kreativer Menschen auszubilden, die im realen Arbeitsmarkt objektiv keine Verwendung für ihr Studium finden können...
Vermarktungsaspekte oder grundsätzliche Fragen nach dem „wie überlebt man mit oder trotz Kunst“ kamen während meines Studiums nirgends vor. Es gab fast ausschließlich den elfenbeinernen Turm. Lediglich die Frage „wann und wie man berühmt und reich werden würde“ war Grund für Spekulationen, dabei wäre ein Einführungsseminar mit dem Thema „wieso und wann sie als Kunsthochschulabsolvent zum Sozialfall werden könnten“ ein gute Grundlage zum weiteren Planen, schon vor dem Meisterschülerdasein...
Aber man kann nicht sagen, es hätte einen niemand gewarnt, denn die unkonstruktive Information „davon können sie im Zweifelsfall nicht leben“ begleitete einen beständig, mit Mitte Zwanzig scheint das aber eine eher marginale Bedeutung zu haben.
-to be continued-